Was müssen Seelsorgende können, um im Gesundheitswesen professionell zu arbeiten? Erstmals gibt es darauf eine schweizweit formulierte Antwort. Der Berufsverband Seelsorge im Gesundheitswesen (BSG) hat am 1. September in Bern sein erstes nationales Berufsbild verabschiedet – nach einem rund vierjährigen partizipativen Prozess.
Sabine Zgraggen
42 Ja-Stimmen bei 6 Enthaltungen: Mit deutlicher Mehrheit haben die anwesenden Mitglieder des Berufsverbandes Seelsorge im Gesundheitswesen (BSG) am Dienstag ihr erstes nationales Berufsbild angenommen. Vorausgegangen war ein mehrjähriger, von der Praxis ausgehender Prozess, an dem sich die aktuell 283 Mitglieder beteiligen konnten. Zur ausgebuchten Fachtagung waren 110 Seelsorgende und Gäste aus der ganzen Schweiz nach Bern gereist.
Das Berufsbild beschreibt Tätigkeitsprofil, Berufsethik und Kernkompetenzen professioneller Seelsorge und nimmt auch eine zukünftige Zertifizierung in den Blick. Wo und wie ist derzeit offen. Dahinter steht eine Entwicklung, die weit über kirchliche Fragen hinausgeht: Seelsorge arbeitet in einem säkularen Gesundheitswesen und muss ihre spezifischen Kompetenzen auch gegenüber Spitälern, anderen Berufsgruppen und einer kirchenkritischen Gesellschaft nachvollziehbar ausweisen.
Wie weit diese Entwicklung andernorts bereits fortgeschritten ist, zeigte der niederländische Pastoraltheologe Wim Smeets: In den Niederlanden emanzipiere sich die Profession bereits seit 40 Jahren von einem ausschliesslich kirchlich definierten Berufsverständnis. Dennoch warnte Smeets davor, die Kirchen abzuschreiben. Sie sollten wichtige Verbündete bleiben. Dies nicht nur, weil die Finanzierung heutiger Spitalseelsorge hauptsächlich auf ihren Schultern ruht. «Die Kirchen haben Ideale», so Smeets, bei anderen Instanzen sei das nicht immer so klar.
Gleichzeitig warb er für berufliches Selbstbewusstsein bei der Diskussion, ob es eine bessere Berufsbezeichnung als «Seelsorgende» gäbe: «Wir sindSeelsorgerinnen und Seelsorger. Das reicht.» Gegenüber Medizin, Pflege oder Psychologie müsse Seelsorge ihre Eigenständigkeit nicht verstecken. Ihre Kernkompetenz liege in der Begleitung existenzieller und spiritueller Fragen: «Mein Gespräch ist kein Gespräch über Spiritualität, sondern ein spirituelles Gespräch», brachte Smeets seinen Ansatz auf den Punkt.
Gerade bei Ausbildung, kirchlicher Mandatierung und einer möglichen Zertifizierung wurde in Bern engagiert und auch kontrovers diskutiert. Das Berufsbild unterscheidet bewusst zwischen religiöser oder kirchlicher Beauftragung und fachlicher Zertifizierung. Damit reagiert der Verband auch auf unterschiedliche Ausbildungswege und eine religiös und weltanschaulich vielfältiger werdende Seelsorge. Eine Zertifizierung, die nicht nur innerkirchlich erfolgt, werde die Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit erhöhen, und das Vertrauen stärken, zeigt sich der BSG-Vorstand überzeugt. Man dürfe sich selbstbewusst dem Blick von aussen stellen.
Heiko Rüter, Vorstandsmitglied des BSG, sprach von einer notwendigen «gemeinsamen Qualitätsarchitektur». Daran müssten neben dem Berufsverband auch Kirchen, Gesundheitsinstitutionen, das Kompetenzzentrum für Seelsorge im Gesundheitswesen (KSiG) und weitere Partner mitarbeiten. Das Berufsbild sei deshalb keine endgültige Lösung, sondern eine Grundlage für Gespräche zur weiteren Professionalisierung.
Auch BSG-Präsidentin Susanne Altoè stellte das Gemeinsame ins Zentrum. «Das Staunen vor dem Geheimnis, vor dem wir in jeder Begegnung stehen, verbindet uns alle», sagte sie zu Beginn der Tagung – über konfessionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg. Das führe zum unbedingten Respekt vor der Würde und dem Weg jedes Menschen.
Mit dem Beschluss vom 1. September ist die Arbeit aber nicht beendet. Das Berufsbild soll nun mit Kirchen, auf Bistumsebenen, in Gesundheitsinstitutionen und mit weiteren Beteiligten diskutiert und weiterentwickelt werden. Zugleich bietet es erstmals einen nationalen Referenzpunkt für Stellenprofile, Ausbildungsanforderungen und Qualitätsstandards.
«Es ist nicht die Aufgabe des Berufsverbands, über Ausbildungswege, Anstellungsbedingungen oder Kriterien für kirchliche Mandatierung zu bestimmen», so die Präsidentin. «Aber wir sind überzeugt, dass unser Beruf mit klaren, überprüfbaren und nachgewiesenen Qualitätskriterien auf allen Ebenen nur gestärkt werden kann. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.»
Oder, wie Smeets den Berufsverband und alle Spitalseelsorgende ermutigte: «Habt den Mut, vorwärtszugehen, jeder Beitrag ist wichtig.»
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