Mauro Jöhri: «Testament des heiligen Franziskus fordert Franziskanerorden und Kirche heraus»

Der heilige Franziskus von Assisi hat 1226, kurz vor seinem Tod, ein Testament verfasst. Dieses ist grundlegend, um seine Persönlichkeit, seinen spirituellen Weg und seine Vorstellung vom franziskanischen Leben kennenzulernen. Das sagt der Kapuziner Mauro Jöhri im Gespräch.

Cristina Vonzun, catt.ch

Bruder Mauro, inwiefern lässt uns das Testament den heiligen Franziskus kennenlernen?

Mauro Jöhri*: Das Testament ist von grundlegender Bedeutung, um Franziskus kennenzulernen. Es ist auch aus historischer Sicht äusserst wichtig. Denken wir zum Beispiel an den italienischen Mediävisten Raoul Manselli, der sich in seiner Biografie des heiligen Franziskus intensiv mit dem Testament beschäftigt hat.

Wann entstand dieser Text?

Jöhri: Franziskus diktierte diesen Text kurz vor seinem Tod, mit einer sehr eindringlichen Ermahnung an die Brüder. Er erlebte damals mit dem Orden gewisse Spannungen. In diesem eindringlichen Appell an die Brüder lässt er einige grundlegende Etappen seines Weges Revue passieren.

Von welchen Etappen spricht er?

Jöhri: Franziskus beginnt mit der Schilderung der Begegnung mit den Leprakranken, die sein Leben verändert hat. Er spricht dann von den «armen Kirchen» und jenen «armen Priestern», die zu jener Zeit im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen standen. Im Zusammenhang mit den theologischen Auseinandersetzungen jener Zeit geht er auch auf die Frage der Gültigkeit der Sakramente ein.

«Er sagt, dass er zunächst nicht wusste, was er mit diesen ersten Gefährten tun sollte.»

Dann gibt es diese wunderschöne Passage, in der er an die Ankunft der ersten Brüder erinnert. Er sagt, dass er zunächst nicht wusste, was er mit diesen ersten Gefährten tun sollte, und dass der Herr ihm offenbarte, «nach der Form des heiligen Evangeliums» zu leben. Franziskus berichtet, dass er diese Lebensform niederschreiben liess und dass der Papst sie bestätigte.

In diesem Zusammenhang verweist er auf die Begegnung mit Innozenz III., der der franziskanischen Bruderschaft eine erste Zustimmung erteilte. Es ist eine wichtige Passage auch hinsichtlich des Vierten Laterankonzils von 1215, das festlegte, dass keine neuen Ordensregeln mehr eingeführt werden dürfen. Die Geschichte des Franziskanerordens stellt in dieser Hinsicht einen besonderen und sehr bedeutsamen Fall dar.

Dann spricht Franziskus über seine eigene Arbeit und erinnert daran, dass er nicht wolle, dass die Brüder Klöster annehmen, die die Anforderungen bezüglich Armut nicht erfüllen. Dies und vieles mehr finden wir im Testament. Um Franziskus kennenzulernen, ist das Testament daher wirklich von grundlegender Bedeutung.

«Zunächst einmal vermittelt der heilige Franziskus uns: ‹Du bist, was du gibst.›»

Was kann die Neuinterpretation eines solches Textes einem gläubigen Menschen von heute geben und sagen?

Jöhri: Zunächst einmal vermittelt er uns, dass sich der Mensch entwickelt, indem er auf den anderen, auf den Bedürftigen zugeht: «Du bist, was du gibst.» Franziskus entdeckt, wie wichtig es ist, ein egozentrisches Leben zu überwinden zugunsten eines Daseins, das auf den anderen ausgerichtet ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verhältnis zur Institution. Die Gefahr besteht heute im Subjektivismus: Wenn mir etwas gefällt, dann gilt es, andernfalls nicht. Franziskus hingegen scheut die Auseinandersetzung mit der Institution nicht: Er hat eine Eingebung und setzt sich mit ihr auseinander.

Gibt der Text weitere Impulse?

Jöhri: Ja, da ist noch der Wert des brüderlichen Lebens: «Der Herr gab mir Brüder.» Es geht also darum, mit Menschen zusammenzuleben, nicht einfach, weil man sie selbst ausgewählt hat, sondern weil sie einem geschenkt wurden und einem zur Seite stehen.

«Die Dinge sind uns gegeben, um genutzt zu werden, nicht um angehäuft zu werden.»

Hinzu kommt die Bedeutung der Armut im Sinne von «nichts Eigenes», gemäss dem franziskanischen Wert des Gebrauchs der Dinge: Die Dinge sind uns gegeben, um genutzt zu werden, nicht um angehäuft zu werden.

Welches Bild von Franziskus vermittelt uns das Testament?

Jöhri: Einen sehr entschlossenen Franziskus. Klar, er stellt sich als «klein» dar. Aber was der Herr ihm offenbart hat, ist für ihn ein Geschenk von oben, dem er treu bleibt. Deshalb besteht er sehr nachdrücklich darauf, dass auch die Brüder diesem treu bleiben.

«Das Testament gilt als Referenz, um den Willen Franziskus’ zu verstehen und radikaler nach seiner Lebensform zu leben.»

Eine berechtigte Sorge…

Jöhri: Wir wissen tatsächlich, dass die Geschichte der Auslegung des Testaments äusserst umstritten ist. Vier Jahre später, im Jahr 1230, stellte Papst Gregor IX. mit der Bulle «Quo elongati» klar, dass das Testament nicht denselben rechtlichen Wert hat wie die Regel. Das Testament wird daher nicht als ebenso verbindliche Norm angesehen wie eine von der Kirche genehmigte Regel. In den folgenden Jahrhunderten kam es – insbesondere bei den Kapuzinern – zu einem verstärkten Wiedereinbezug des Testaments als bevorzugte Referenz, um den Willen Franziskus’ zu verstehen und radikaler nach seiner Lebensform zu leben. Wir stehen also vor einem grundlegenden, sehr aussagekräftigen und zugleich sehr umstrittenen Text, der den Franziskanerorden und die Kirche weiterhin herausfordert. (Adaptiert von rp)

*Der Kapuziner Mauro Jöhri wird am 3. September um 20 Uhr in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso bei Locarno das Testament des heiligen Franziskus kommentieren. Dies geschieht im Rahmen der Novene zur Vorbereitung auf das Marienfest vom 8. September 2026. Dieses Jahr wird der 800. Todestag des Franziskus gefeiert. Der Bündner Mauro Jöhri war Theologieprofessor in Chur und Lugano und von 2006 bis 2018 Generalminister der Kapuziner mit Sitz in Rom.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/mauro-joehri-testament-des-heiligen-franziskus-fordert-franziskanerorden-und-kirche-heraus/