«Nun Dul Dega Eomne» gewinnt Ökumenischen Preis am Filmfestival Locarno

Der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo wird mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Sein Film «Nun Dul Dega Eomne» erzählt von einer Tochter, die nach zehn Jahren ihre Mutter wieder besucht. Die Jury würdigt die «ausserordentliche menschliche Tiefe» des Films und dessen empathischen Blick auf Entfremdung und die Schwierigkeit, einander wirklich zu sehen und anzunehmen.

Sarah Stutte

Im Zentrum von «Nun Dul Dega Eomne» steht Sanghee, die gemeinsam mit ihrem Bruder ihre Mutter in der südkoreanischen Stadt Jeju besucht. Zehn Jahre haben sich Mutter und Tochter nicht gesehen. Die Mutter führt inzwischen ein erfolgreiches Restaurant und Gästehaus.

Viel Spektakuläres geschieht bei diesem Familientreffen zunächst nicht. Man sitzt zusammen, erzählt, trinkt und isst, tauscht Neuigkeiten, ungefragte Ratschläge und Komplimente aus. Doch hinter den scheinbar beiläufigen Gesprächen werden nach und nach die Distanz und die Verletzungen sichtbar, die sich über die Jahre zwischen den Familienmitgliedern aufgebaut haben. Am Morgen der Abreise schauen sich die anderen schliesslich einen Film von Sanghee an.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Gerade im scheinbar Beiläufigen entfaltet der Film seine Stärke. Zwei Tage lang wird gegessen, spaziert, getrunken und geredet. Offener Streit bricht kaum aus. Doch in den Gesprächen werden die Spannungen innerhalb der Familie immer deutlicher. Die Mutter begegnet ihrem Sohn mit deutlich mehr Respekt als Sanghee und kann weder mit deren Arbeit bei einem Importeur noch mit ihren experimentellen Kurzfilmen viel anfangen. Ihre freundlich formulierten Bemerkungen über die Lebensentscheidungen der Tochter entwickeln dabei eine zunehmend passive Aggressivität.

Auch unterschiedliche Vorstellungen von Kunst und Erfolg prallen aufeinander. Sanghee veröffentlicht ihre Filme auf YouTube, während ihr Stiefvater als Dokumentarfilmer langfristig an seinen Projekten arbeitet. Die jüngere Stiefschwester wiederum hat mit dem Malen begonnen und bewundert Sanghees Filme – eine Zuneigung, die Sanghee nur bedingt erwidert. So erzählt Hong Sangsoo ganz nebenbei von Menschen, die sich nah sein sollten und einander doch kaum erreichen.

Vieles bleibt unausgesprochen. Gerade darin liegt die besondere Qualität von Kim Minhees Spiel. Mit kleinsten Veränderungen ihres Gesichtsausdrucks lässt sie gleichzeitig Belustigung, Enttäuschung und Verletzlichkeit sichtbar werden. Sanghee kann über die Absurditäten dieses Familientreffens lachen und bleibt doch eine Frau, die nach zehn Jahren feststellen muss, wie fremd ihr die eigene Mutter geworden ist. Der trockene Humor verhindert dabei, dass diese Melancholie je ins Sentimentale kippt.

Menschliche Tiefe und leiser Humor

Entscheidend war für die Jury auch der Blick des Films auf seine Figuren. «Der Film erreicht eine ausserordentliche menschliche Tiefe im nur scheinbar Oberflächlichen», heisst es in der Begründung. Mit grosser Empathie und subtilem Humor erkunde Hong Sangsoo Entfremdung und «wie schwierig es sein kann, sich wirklich zu sehen und wechselseitig anzunehmen».

Darin liegt auch die leise Hoffnung des Films. Nach zehn Jahren Distanz gibt es keine grosse Aussprache und keine einfache Versöhnung. Stattdessen entstehen kleine Momente der Annäherung und des Erkennens. Hong lässt offen, was daraus werden kann. Vielleicht reicht es vorerst, dass diese Menschen versuchen, einander wieder anzusehen.

Auch bei der offiziellen Wettbewerbsjury fand «Nun Dul Dega Eomne» grossen Anklang: Hong Sangsoo erhält für den Film den Pardo für die beste Regie, Hauptdarstellerin Kim Minhee den Pardo für die beste Darstellung.

Preis ist mit 10’000 Franken dotiert

Der Preis der Ökumenischen Jury ist mit 10’000 Franken dotiert. Das Preisgeld wird von der Evangelisch-reformierten Kirche und der Römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet.

*Die diesjährige Ökumenische Jury bestand aus der Präsidentin Viera Pirker aus Deutschland, Juha Rajamäki aus Finnland, Sarah Stutte aus der Schweiz und Jean-Luc Gadreau aus Frankreich. Die Mitglieder der Jury werden seit 1973 jedes Jahr neu von den kirchlichen Medienorganisationen SIGNIS und INTERFILM ausgewählt.


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