Neue Impulse für die Marienverehrung

Vor 100 Jahren, am 15. August 1926, erhielt die Klosterkirche Mariastein den päpstlichen Ehrentitel «basilica minor». Viele Anlässe sind heuer in Mariastein diesem Jubiläum gewidmet. Vor der «Hauptfeier» am Samstag hielt die Luzerner Theologin Ursula Schumacher am Freitag einen mariologischen Vortrag.

Stefan Betschon

Es ist manchmal nur ein einziges Wort: «Merci», «Danke», «Grazie». Manchmal haben diese steinernen Tafeln auch kleine Geschichten zu bieten:  «Danke für die wundersame Heilung unseres Kindes, das dem Tod entrissen wurde»; «Grazie per avermi salvato nell incidente di machina»; «Beim Flugzeugabsturz wundersam gerettet – Pilot E. Sch. aus Basel».

An den Wänden des langen Ganges, der im Kloster Mariastein zur Gnadenkappelle führt, sind zahlreiche Votivtafeln aufgehängt. Es sind in vielen Sprachen Zeugnisse von Christinnen und Christen, die hier Trost gefunden haben. Besser als ein Hauptseminar im Auditorium Maximum der theologischen Fakultät können in dem Gang, der manchmal so niedrig ist, dass man den Kopf einziehen muss – können diese steinernen Tafeln einen lehren, was Religion, was Glaube ist: Ein Sicherungsseil, das gute Gefühl des Getragenseins.

Päpstlicher Ehrentitel für Mariastein

Mariastein, im Kanton Solothurn am nordwestlichen Rand der Schweiz gelegen, ist neben Einsiedeln der wichtigste Wallfahrtsort der Schweiz. An dem Ort, an dem sich heute die Gnadenkappelle befindet, gibt es seit dem 15. Jahrhundert eine der Gottesmutter geweihte Kapelle. Sie wurde im 16. Jahrhundert von Reformierten verwüstet und geplündert, danach aber wieder hergestellt.

Heuer jährt sich ein Ereignis, das in der langen Geschichte des Benediktinerklosters Mariastein herausragt: Vor 100 Jahren, am 15. August 1926, erhielt die Klosterkirche den päpstlichen Ehrentitel «basilica minor». Aus Anlass dieses Jubiläums gibt es in Mariastein unter dem Titel «eingeladen bei Maria» verteilt über das ganze Jahr viele Veranstaltungen. Die «Hauptfeier» fällt auf den 15. August.

«Basilica minor» ist ein Ehrentitel der römisch-katholischen Kirche, den Päpste seit dem 18. Jahrhundert jenen Kirchen verleihen, von denen sie glauben, dass sie eine besondere liturgische Ausstrahlung besitzen. Der Titel betont auch eine besondere Verbindung dieser Kirche mit Rom. In der Schweiz gibt es zwölf Kirchen, denen dieser Titel verliehen wurde.

Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis

Der Pilot E. Sch. aus Basel, so berichtet der Abt des Benediktinerklosters Mariastein, Ludwig Ziegerer, habe die Gnadenkappelle häufig besucht. Ältere Mitbrüder hätten ihn noch persönlich gekannt. Er sei einst im Sportflugzeug über den Jura geflogen. Bei schlechter Sicht habe der Motor versagt. Der Pilot war ohne Orientierung, Nebel und Wolken verhinderten eine Notlandung. Da plötzlich zerriss die Wolkendecke, die Schleier lichteten sich, und der Pilot sah den Kirchturm von Mariastein. So gewann er die Kontrolle zurück und konnte die Maschine auf einem Acker landen.

Die Geschichten, die die Votivtafeln in Mariastein erzählen, und die Vorlesungen im Auditorium Maximum der theologischen Fakultät scheinen miteinander in einem Spannungsverhältnis zu stehen. Hier wild wuchernde Gefühle der Frömmigkeit, dort nüchterne Exegese, hier eine Göttin, dort ein Mensch.

Zwischen den beiden Positionen versuchte Ursula Schumacher zu vermitteln. Sie ist Professorin für Dogmatik an der theologischen Fakultät der Universität Luzern. Ihr Vortrag am Freitagnachmittag bildete den Auftakt zu den Feierlichkeiten des Wochenendes. Der Vortrag begann mit einer geringfügigen Verspätung, es waren mehr Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen, als es Stühle gab. Im Publikum befand sich neben dem Abt des Klosters auch Kardinal Kurt Koch, der aus Rom angereist war.

Ausgangspunkt des Vortrags war eine «Lehrmässige Note» aus dem Vatikan, die der Leiter der römischen Glaubensbehörde, Kardinal Victor Fernandez, im vergangenen November veröffentlicht hatte. Das Dokument mit dem Titel «Mater populi fidelis» («Mutter des gläubigen Volkes») möchte aufzeigen, dass der Marienverehrung Grenzen gesetzt sind.

Lautstarke Kritik

Laut Schumacher handelt es bei diesem mit vielen Fussnoten ausgestattetem Dokument um einen «aussergewöhnlich langen» Text. Weil Papst Leo XIV. ihn approbiert habe, sei er zu einer Aussage des ordentlichen kirchlichen Lehramts erhoben worden. Im Kern gehe es um die Frage, ob Maria als «Miterlöserin» verehrt werden dürfe. Das Lehramt stellt das in Abrede: «Angesichts der Notwendigkeit, die Christus gegenüber untergeordnete Rolle Marias im Erlösungswerk darzulegen, ist die Verwendung des Titels der Miterlöserin immer unangebracht, wenn es darum geht, Marias Mitwirkung daran zu definieren. Dieser Titel birgt die Gefahr in sich, die einzigartige Heilsvermittlung Christi zu verschleiern und kann daher zu Verwirrung und einem Ungleichgewicht in der Harmonie der christlichen Glaubenswahrheiten führen.»

«Mater populi fidelis» hat laut Schumacher «starke Reaktionen und deutliche Kritiken» ausgelöst. Zwar sei die Tatsache, dass sich der Vatikan ausführlich mit mariologischen Fragen beschäftigt hat, da und dort positiv gewürdigt worden. Doch das Dokument habe viele ablehnende Reaktionen ausgelöst. So sah sich denn Kardinal Victor Manuel Fernández herausgefordert, sich zu erklären. Die Grenzziehung, so präzisierte er, betreffe nur den liturgischen und lehramtlich-offiziellen Sprachgebrauch, nicht die private Frömmigkeit.

Nachdem einige Kritiker sich auf ein dogmengeschichtliches Gewohnheitsrecht berufen haben, legte Schumacher dar, dass eine Dogmatisierung der Miterlöserin nie stattgefunden habe. Diesbezüglich sei in der lehramtlichen und theologischen Tradition stets eine Zurückhaltung spürbar gewesen. Wenn Erlösung als göttliches Handeln verstanden wird, würde der Titel «Miterlöserin» Maria Göttlichkeit zusprechen. Diese «Göttlichkeitsimplikation» gelte es zu vermeiden. Die Mariologie brauche ein «biblisch-patristisches Ressourcement».

Ein Geschenk für alle

An einem heissen Sommertag dürfte die marianische Soteriologie mit der subtilen Abgrenzung einer subjektiven Erlösung von einem objektiven Erlösungswerk viele Zuhörerinnen und Zuhörer überfordert haben. Bei der anschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Mariano Tschuor, an der sich auch Kardinal Koch beteiligte, gab es griffigere Aussagen. Tschuor ist Mitglied des Komitees, das das Mariasteiner Jubiläumsjahr organisiert.

Was bleibt übrig, wenn man Marienverehrung auf ihr biblisches Fundament zurückstutzt, wollte Tschuor wissen. «Sehr viel», sagte Schumacher. Denn Maria sei Mutter Gottes. Und wer wisse, wie nah eine Mutter ihrem Kind ist, könne nachvollziehen, dass Maria sehr viel mehr sei als nur eine von vielen Heiligen.

Begründet «Mater populi fidelis» eine neue Mariologie, müssen wir Marienverehrung neu lernen? «Nein», sagte Kardinal Koch. «Maria verweist auf Jesus. Und Jesus hatte eine enge Beziehung zu seiner Mutter. Und die schenkt er uns. Nehmen wir dieses Geschenk an.»


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/neue-impulse-fuer-die-marienverehrung/