Geduld üben bis zum letzten Atemzug

Im Kapuzinerkloster Schwyz leben heute viele betagte Kapuziner aus der ganzen Schweiz. Sie waren jahrzehntelang in der Seelsorge tätig, als Missionare unterwegs oder in Pfarreien eingesetzt. Jetzt müssen sie lernen, Hilfe anzunehmen.

Sabine-Claudia Nold

«Das Kloster ist weder ein Altersheim noch eine Pflegeinstitution», erklärt Pflegefachfrau Monika Amstad. Als stellvertretende Leiterin der Spitex arbeitet sie seit acht Jahren im Kloster. Das sei eine lebendige Gemeinschaft, in der aber einzelne Brüder auf Pflege angewiesen seien. «Diese Hilfe bringen wir von aussen – von der Spitex.» So bleibe die klösterliche Atmosphäre erhalten.

Klar strukturierter Tagesablauf

Die Pflegefachpersonen der Spitex sind im Kloster rund um die Uhr präsent. «Das Team, das hier im Kloster arbeitet, hat keine andere Aufgaben», sagt Amstad. Gerade diese Vertrautheit schaffe Nähe und Sicherheit.

Nicht alle Brüder der 20köpfigen Gemeinschaft im Kloster Schwyz sind auf Pflege angewiesen. Einige leiden an Demenz, andere sind körperlich stark eingeschränkt. Dennoch bleibt der klösterliche Rhythmus bestehen, der den Tag strukturiert: Stundengebet, Eucharistiefeier, gemeinsame Mahlzeiten. Wer noch mobil ist, hilft im Haus, führt Gespräche mit den Gästen oder verrichtet seelsorgerliche Aufgaben ausserhalb des Klosters.

Die letzte Station

Das Problem im Alter sei oft nicht die Pflege selbst, sondern das Annehmen von Hilfe. Viele Brüder hätten jahrzehntelang selbst Verantwortung getragen, gepredigt, Gemeinden geleitet oder Menschen begleitet. Nun erleben sie, dass der eigene Körper Grenzen setzt. Manche reagieren anfangs zurückhaltend oder zögerlich, wenn sie Unterstützung benötigen. Doch die meisten fänden mit der Zeit ihren Weg.

Amstad beschreibt ihre Aufgabe vor allem als Begleitung: «Es braucht Geduld, Kommunikation und Begleitung, damit die Brüder den Alltag würdig gestalten können.» Für die Brüder sei Schwyz die letzte irdische Lebensstation.

Auch schwerkranke Brüder können oft im Kloster bleiben. Sauerstofftherapie oder medizinische Symptomlinderung sind möglich. Der Hausarzt kommt regelmässig ins Haus. Wenn jemand nicht allein sterben möchte, übernehmen Mitbrüder die Sitzwache. Gleichzeitig wird niemand bedrängt. Franziskanische Spiritualität zeigt sich hier weniger in grossen Worten als in stiller Präsenz.

Ein grosses Geschenk

Mehrere Brüder betonen, wie entscheidend die Gemeinschaft im Alter sei. Viele kennen einander seit Jahrzehnten. Sie haben zusammengearbeitet, gebetet und bisweilen in der gleichen Gemeinschaft gelebt. Im Alter wieder mit vertrauten Mitbrüdern zusammen sein zu können, wird als grosses Geschenk empfunden.

So formuliert es auch Bruder Walter Ludin, Mitbegründer der deutschsprachigen Pfarreiblätter, Autor und langjähriger Blogger bei kath.ch. Vor drei Jahren ist er vom Kloster Wesemlin in Luzern nach Schwyz gezogen. «90 Prozent der hier lebenden Mitbrüder kenne ich, mit vielen habe irgendwann in meinem Leben zusammengearbeitet.» Einerseits sei es schön, dass er fast alle Mitbrüder hier kenne. «Zugleich ist es auch traurig, weil ich weiss, wie aktiv und fit sie früher waren. Heute sind sie teilweise sehr gebrechlich und dement.»

Walter Ludin ist der jüngste Priester im Kloster Schwyz und noch selbstständig. Er kam hierher, weil jemand für die auswärtigen Messen gebraucht wurde. Im vergangenen Jahr habe er im Kloster und in der Umgebung 30 Messen mit Predigten gefeiert. «Dieses Jahr werden es wohl mehr sein.»

«Wir nehmen Rücksicht auf die gebrechlichen und pflegebedürftigen Mitbrüder. Bis vor einigen Jahren konnten beispielsweise Brüder auf der Pflegstation nicht mehr am Gemeinschaftsgebet teilnehmen. Heute findet das Mittagsgebet in der Kapelle der Krankenstation statt, wo wir uns alle versammeln können.»

Wenn der Körper nicht mehr mitmacht

Bruder Leonz Betschart, jahrzehntelang Pfarrer und Seelsorger, spricht offen über das Älterwerden. Mit 82 Jahren – vor zehn Jahren – kam er ins Kloster Schwyz. Heute sagt er: «Der Kopf funktioniert noch gut, aber der Körper will nicht mehr wie früher.» Besonders belastend sei die Erfahrung, dass Tätigkeiten, die einst selbstverständlich waren, nun Kraft kosten oder gar nicht mehr möglich sind. Alltagsaufgaben, wie zum Beispiel die Bettwäsche zu wechseln. Gleichzeitig versuche er aber weiterhin Menschen seelsorgerisch zu begleiten. Noch immer kommen Personen zu Gesprächen oder melden sich telefonisch bei ihm.

«Man muss Geduld haben», sagt Bruder Leonz. Und zitiert das Sprichwort «Geduld ist etwas vom Schwierigsten im Leben, aber es lohnt sich, sie zu lernen.» Als er das gelesen habe, habe er lachen müssen. «Warum lässt Du mich das lesen, Gott, habe ich gedacht – vermutlich, weil ich die Geduld immer noch üben muss.»

Krankheit gehört zum Menschsein

Besonders eindrücklich spricht Bruder Nikodem Röösli über Krankheit und Alter. Lange Zeit lebte er als Einsiedler und Spiritual. Der 87jährige, der selbst schwer krank ist, ist noch sehr aktiv. «Ich bin dankbar, dass ich keine Schmerzen habe und helfen kann – im Garten, in der Küche, im Alltag.»

Bruder Nikodem erlebt Krankheit nicht als Defizit, sondern als Teil menschlicher Wirklichkeit. Entscheidend wurde für ihn ein kleines Buch mit dem Titel «Schwester Krankheit» das er vor vielen Jahren entdeckt hatte. Der franziskanische Gedanke dahinter: Krankheit gehört zum Menschsein und kann – trotz aller Härte – zu einem Ort der Begegnung mit Gott werden. Bruder Nikodem erinnert an die Begegnung des heiligen Franz von Assisi mit den Aussätzigen. «Gerade dort, wo Menschen Schwäche und Zerbrechlichkeit begegnen, beginnt Brüderlichkeit. Franziskus hat nicht Distanz gesucht, sondern Nähe gewagt.»

Lachen und Weinen

Der Tod gehört im Kapuzinerkloster Schwyz zum Alltag der Bewohner. Durchschnittlich sterben drei Brüder pro Jahr. Trotzdem ist die Stimmung gut. Es gibt Diskussionen, es werden Geschichten erzählt, es wird auch gelacht.

Niemand muss Schwäche verbergen, Pflegebedürftigkeit bedeutet nicht automatisch Ausschluss aus der Gemeinschaft. Vielmehr bleibt der einzelne Bruder Teil der Gemeinschaft. Alt werden heisst hier Loslassen lernen und Hilfe annehmen. Vielleicht liegt gerade darin eine stille geistliche Kraft – in einer Kultur der Geduld, der gegenseitigen Hilfe und der Treue zu einem gemeinsamen Leben bis zum letzten Atemzug.


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