Rund 1500 Personen fanden sich am Samstagmorgen auf dem Gotthardpass ein, um die 1. August-Messe mitzuerleben. Bischof Alain de Raemy rief in seiner Predigt die anwesenden Christinnen und Christen dazu auf, alle Menschen zu lieben und manchmal die Stimme zu erheben.
(Catt.ch) «Die prophetische Wahrheit, die wahrhaft und aufrichtig katholisch und christlich ist, schliesst niemanden aus, verurteilt niemanden, sondern liebt.» Mit diesen Worten, die er während der Predigt aussprach, brachte Alain de Raemy, Apostolischer Administrator der Diözese Lugano, den Kern der Heiligen Messe zum Ausdruck, die am Samstag, dem 1. August, anlässlich des Schweizer Nationalfeiertags am Gotthardpass gefeiert wurde. Der Satz durchzog schliesslich die gesamte Feier und wurde zum Schlüssel, um den tiefen Sinn dieses Ereignisses zu verstehen, das jedes Jahr Glauben und Vaterland auf dem Dach Europas vereint.
Rund 1500 Besuchende hatten sich trotz Wind und Sonne zum Gotthardpass begeben, bis plötzlich einige Wolken den Himmel verdunkelten und eine bissige Kälte mit sich brachten – fast schon eine Erleichterung nach der extremen Hitze der vergangenen Tage. In der Menge fehlten auch zahlreiche patriotische rote Mützen nicht, darunter die mittlerweile berühmten Kopfbedeckungen des Präsidenten der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Guy Parmelin, die – nicht ohne einen Hauch von Provokation – an die ikonische MAGA-Mütze von Donald Trump erinnern.
Über zweihundert Personen waren mit dem Sonderzug und den Bussen hinaufgefahren, was das Bistum Lugano und die SBB/Tilo organisiert hatten. Zudem hatte sich eine Gruppe bereits um 7.30 Uhr von der Festung Motto Bartola aus zu Fuss auf einen Pilgerweg zum Pass aufgemacht, angeführt von Don Paolo Solari, dem Pfarrer von Novazzano.
Neben Alain de Raemy konzelebrierten Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten, und Joseph Maria Bonnemain, Bischof von Chur, zusammen mit dem emeritierten Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa, und dem emeritierten Weihbischof von Genf, Lausanne und Freiburg, Pierre Farine.
Die Liturgie wurde musikalisch vom Diözesanchor begleitet unter der Leitung von Michele Tamagni mit dem Organisten Stefano Keller, dem Blechbläserquartett «Avanbrass» und den Alphörnern der Gruppe «Nüm dal corno», deren Klänge die Versammelten in eine Atmosphäre der Andacht zwischen Himmel und Felsen versetzten.
In seiner Einleitung erinnerte der Bischof daran, dass «jede Heimat Respekt verdient», und betonte, dass die Berge, Seen und Tunnel, die die Schweiz durchziehen, «uns nicht trennen, sondern verbinden». Ein Bild, das in der Predigt, die sich am Tages-Evangelium nach dem ambrosianischen Ritus orientierte, seine volle Entfaltung fand: Die Stelle, an der Jesus, in seine Heimat zurückgekehrt, in der Synagoge lehrt und bei seinen eigenen Mitbürgern Staunen und Misstrauen hervorruft, da sie nicht glauben können, dass vom Sohn des Zimmermanns solche Weisheit und solche Wunder ausgehen können. An dieser Stelle spricht Jesus den Satz aus, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Predigt zog: Ein Prophet wird nur in seiner Heimat und in seinem eigenen Haus verachtet.
Gerade aus dem Unglauben derer, die glauben, bereits alles über den anderen zu wissen, leitete de Raemy die Aufforderung ab, sich auch heute noch nicht zu scheuen, unbequeme Stimmen zu sein: «Wir dürfen keine Angst haben, weiterhin zu überraschen, wie Jesus, in dieser Region, in unserer Heimat.» Propheten zu sein, so erinnerte er, bedeute nicht, die Schweiz zu verleugnen, sondern sie wirklich wertzuschätzen, auch wenn dies bedeute, gegen den Strom zu schwimmen.
Darauf folgte die Aufzählung, welche Art von Leben ausnahmslos geliebt werden müssen: jenes des ungeborenen Kindes, jenes des Kranken, der Alten, der Fremden, der Armen, ja sogar das Leben des Feindes oder Andersdenkenden. Eine Liebe, so der Bischof, die in der Schweizer Geschichte ein konkretes Vorbild hat: den heiligen Niklaus von Flüe, den Schutzpatron der Eidgenossenschaft. Er sei ein Beispiel dafür gewesen, wie man das Evangelium leben kann, während man seinen zivilen und familiären Verpflichtungen nachkommt, ohne jemals aufzuhören zu lieben.
Schliesslich richtete der Bischof den Blick auf die Migrationskrise, die derzeit Ceuta betrifft, sowie auf all jene Menschen, die, da sie in ihrem eigenen Land nicht in Frieden und Würde leben können, anderswo ein besseres Leben suchen. Ein Appell, der die Feier von der nationalen auf die universelle Ebene zurückführte und daran erinnerte, dass dieselbe Logik der Liebe ohne Ausnahmen, wie sie im Evangelium verkündet wird, auch für diejenigen gilt, die heute an die Türen Europas klopfen.
Am Ende der Messe, als der Wind zwischen den Felsen des Passes wieder zu wehen begann, blieb der Satz im Gedächtnis haften, mit dem der Bischof seine Betrachtung eingeleitet hatte und der sich wie ein roter Faden durch alle Abschnitte zog: Der Christ schliesst niemanden aus, verurteilt niemanden, sondern liebt. Eine einfache und zugleich radikale Zusammenfassung, die es vermag, den Stolz auf das eigene Vaterland und die Offenheit gegenüber denen, die kein Vaterland haben oder dort nicht in Frieden leben können, miteinander zu vereinen.
Die Feier wurde von Bruno Boccaletti für das italienischsprachige Schweizer Radio und Fernsehen (RSI) produziert und in Zusammenarbeit mit RTS und SRF übertragen. (Übersetzung rp)
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