Zürcher Flughafenseelsorgerin: «Es gibt Menschen, die völlig zerstört sind, weil sie einen Flug verpasst haben»

Ferienzeit ist Flughafenzeit. Vom Zürcher Flughafen starten derzeit viele Menschen in alle Welt oder kommen aus aller Welt an. Mit im Gepäck haben sie Ängste und Sorgen, die sie jemandem mitteilen wollen: Zum Beispiel den Seelsorgerinnen und Seelsorgern am Flughafen. Dabei kann es zu dramatischen Einsätzen kommen, wie die reformierte Flughafenseelsorgerin Rhea Schait (50) im Interview mit kath.ch verrät.

Wolfgang Holz

Frau Schait, bei Ihnen am Flughafen Zürich ist im Augenblick sehr viel los. Bedeutet das auch für Sie als Flughafenseelsorgerin mehr Arbeit?

Rhea Schait*: Jetzt in der Ferienzeit ist am Flughafen tatsächlich sehr viel los. Trotzdem gibt es für uns als Flughafenseelsorgerinnen und -seelsorger in der Sommerferienzeit kurioserweise oft weniger als üblich zu tun

Wie ist das zu verstehen?

Schait: Zum einen halten sich trotz der vielen Menschen die saisonalen psychischen Probleme in Grenzen, wie etwa Depressionen, die im Zeitraum Herbst-Winter deutlich mehr auftreten. Zum anderen fliegen die Menschen in der Sommerzeit voller Vorfreude in die Ferien und kommen im Optimalfall glücklich zurück – da brauchen Sie uns meist nicht. Und dann gibt es noch das Phänomen, dass die Mitarbeitenden des Flughafens, um die wir uns im Rahmen der Betriebsseelsorge kümmern – was rund 50 Prozent unseres Arbeitspensums ausmacht – zwar in der Ferienzeit extrem viel Stress ausgesetzt sind, aber deswegen auch weniger Zeit für Gespräche haben.

«Wir schätzen, dass im Schnitt zwischen 200 und 250 Personen täglich diesen Raum aufsuchen.»

Klingt interessant. Wie finden denn Rat- und Hilfesuchende den Weg zur Flughafenseelsorge?

Schait: Das ist unterschiedlich. Es gibt im Check-in-2 im Zürcher Flughafen einen interreligiösen Andachtsraum, neben dem wir unsere Büros haben und der täglich 24 Stunden geöffnet ist. Dieser ist sehr gut besucht. Wir schätzen, dass im Schnitt zwischen 200 und 250 Personen täglich diesen Raum aufsuchen. Durch die Lage der Büros sind wir also direkt vor Ort, wenn uns jemand spontan kontaktieren möchte. Es schauen auch nicht wenige Passanten bei uns vorbei, die eigentlich zur Zuschauerterrasse unterwegs sind, und dann plötzlich die Flughafenkirche entdecken – manchmal ergibt sich dabei ein Gespräch. Darüber hinaus machen wir aufsuchende Arbeit und begegnen den Mitarbeitenden an ihrem Arbeitsplatz. Und natürlich werden wir auch aktiv gerufen, wenn wir irgendwo gebraucht werden.

«Zudem beschäftigen wir uns auch mit psychischen Notlagen von Asylsuchenden, die bis zu zwei Monate innerhalb des geschlossenen Bereichs des Flughafens leben.»

Welche Art von Einsätzen sind denn so Ihr tägliches Brot?

Schait: Wie gesagt, kümmern wir uns im Rahmen der Betriebsseelsorge um die Mitarbeitenden auf dem Flughafen und damit um ihre Alltagssorgen und Nöte. Dabei kann es sich um die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes handeln. Es kann sein, dass sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Beziehungsprobleme. Und so weiter. Zudem beschäftigen wir uns auch mit psychischen Notlagen von Asylsuchenden, die bis zu zwei Monate innerhalb des geschlossenen Bereichs des Flughafens leben. Dies kann für die Betroffenen sehr belastend sein, weil sie in dieser Zeit nicht wissen, ob sie jemals werden einreisen dürfen oder direkt vom Flughafen aus in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden. Und dann sind da natürlich die Sorgen und Ängste der Reisenden.

Die da wären? Ist Flugangst etwa ein grosses Thema?

Schait: Nein, Flugangst ist kein häufig auftretendes Problem. Eher vielleicht ein flaues Gefühl im Magen, weil Reisende sich mitunter doch bewusst werden, dass sie auf einer Flugreise die Kontrolle abgeben müssen – weil eben andere dafür zuständig sind. Beim Autofahren etwa hat man zwar trotz der Gefahr, dass sich ein Unfall ereignen könnte, das Gefühl, selbst auf die Fahrt einwirken zu können.

«Dann gibt es vermehrt auch Reisende, die zu uns gelangen, weil sie an paranoider Schizophrenie leiden.»

Beim Fliegen ist das Vertrauenssache, weil man, wie gesagt, die Kontrolle abgibt. Dann gibt es vermehrt auch Reisende, die zu uns gelangen, weil sie an paranoider Schizophrenie leiden. Sprich: Sie fühlen sich verfolgt und sind deshalb fern ihrer Heimat unterwegs. Es gibt darüber hinaus Menschen, die am Boden zerstört sind, weil sie einen Flug verpasst haben. Ich erinnere mich dabei an eine Frau, die in Zürich ihren Anschlussflug nach Südamerika verpasste. Sie wollte zur Beerdigung ihrer Mutter fliegen und verpasste diese nun. Wir haben dann von der Flughafenseelsorge gemeinsam mit der Trauernden im Andachtsraum ein Abschiedsritual gestaltet.

Ihre Tätigkeit ist wirklich sehr herausfordernd und abwechslungsreich. Was war denn Ihr letzter Einsatz?

Schait: Das ist schon eine Weile her, weil ich gerade aus den Ferien zurückgekehrt bin. Ich musste mich um eine Auslandsschweizerin kümmern, die 25 Jahre lang in den USA gelebt hatte und nun wegen finanzieller Probleme in die Schweiz zurückkehrte. Da die Frau über keinerlei Kontaktadressen mehr verfügte, waren wir von der Flughafenseelsorge sozusagen die erste Anlaufstelle in ihrer früheren Heimat. Oft sind bei solchen Heimreisen die Schweizer Auslandsvertretungen involviert, und wir werden dann angefragt, ob wir die Begleitung bei der Ankunft übernehmen können.

«In einer solchen Situation kann man nicht viel mehr tun, als da zu sein und zuzuhören. Den Schmerz kann ich den Menschen auch als Seelsorgerin nicht abnehmen.»

Und was war bisher in Ihrer zehnjährigen Dienstzeit der traumatischste Einsatz?

Schait: Das war, als ich zusammen mit der Polizei einem Ehepaar, das in Zürich gelandet war, mitteilen musste, dass ihr zweijähriges Kind während ihrer Abwesenheit bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Für die Eltern war das natürlich sehr traumatisch. In den Räumlichkeiten der Polizei war ich emotional für sie da und habe psychologische Ersthilfe geleistet. In einer solchen Situation kann man nicht viel mehr tun, als da zu sein und zuzuhören. Den Schmerz kann ich den Menschen auch als Seelsorgerin nicht abnehmen.

Das ist sicher schrecklich, ein Kind zu verlieren. Abgesehen von solch traumatischen Erlebnissen: Macht Ihnen die Arbeit als Flughafenseelsorgerin Spass?

Schait: Ja, sehr. Die Tätigkeit als Flughafenseelsorgerin erfüllt mich als reformierte Pfarrerin sehr. Sprich: Zeit zu haben für die Menschen, für ihre Sorgen und Freuden. Dies ist in meiner Zeit als Gemeindepfarrerin vielleicht etwas zu kurz gekommen.

Letzte Frage: Wenn Sie Menschen täglich auf dem Flughafen betreuen, spüren Sie dann auch immer wieder den grossen Wunsch, selbst irgendwohin zu fliegen?

Schait: Nein, überhaupt nicht. Persönlich versuche ich eher, so wenig wie möglich zu fliegen – um einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

*Rhea Schait hat ihr Theologiestudium in Zürich, Prag und Bern absolviert und daneben teilweise als Luftverkehrsangestellte am Flughafen Zürich gearbeitet. Nach ihrer Ordination zur reformierten Pfarrerin arbeitete sie während zehn Jahren in verschiedenen Gemeindepfarrämtern im Zürcher Unterland. Seit 2016 ist sie als Flughafenseelsorgerin am Flughafen Zürich tätig. Schait lebt zusammen mit ihrer Frau und den gemeinsamen vier Kindern im flughafennahen Kloten.


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