Von Bistro bis Segen to-go: Der Petersdom steckt voller Besonderheiten

Der Petersdom feiert Jubiläum: Am 18. November vor 400 Jahren wurde die größte Kirche der Christenheit geweiht. Heute ist das prachtvolle Gotteshaus ein Touristenmagnet – und beliebter Zankapfel rund um seine Nutzung.

Sabine Kleyboldt

(CIC) «English?», fragt Don Lodovico, während sein Zeigefinger über den Wartenden vor dem sechseckigen Häuschen, Typ Ticketschalter, kreist. Alle nicken, reichen ihm Rosenkränze und Weihwasserfläschchen durchs Fenster. Der Mann mit dem weissen Priesterkragen schlägt das Kreuzzeichen darüber, hebt die Arme und spricht feierlich den Segen auf Englisch. «Amen», antworten die Menschen.

Dann ist Schichtwechsel für den Priester, der eigentlich Ludwig Kröger heisst und zu den 26 Kanonikern, dem geistlichen Personal am Petersdom, gehört. Nach zahllosen Segnungen und vielen oft anrührenden Gesprächen auf Spanisch, Englisch, Italienisch und auch einigen auf Deutsch verlässt er das Häuschen mitten in der Basilika.

Muss man für diese Dienstleistungen zahlen?

Muss man für diese Dienstleistungen zahlen? «Nein, der Segen ist gratis, wenn auch nicht umsonst!», scherzt der Priester aus dem Bistum Aachen. Viele Menschen wollen im Petersdom Messen für besondere Anliegen bestellen und spenden dafür, erläutert er; ein alter Brauch in der katholischen Kirche, aber nicht zu vergleichen mit dem Ablasshandel, durch den die am 18. November 1626 geweihte Papstbasilika mitfinanziert wurde.

Heute bemüht man sich im Petersdom um moderne Angebote für die täglich bis zu 80’000 Touristen, die über die seltenen, grossen Papstgottesdienste hinausgehen. Dazu gehören nicht nur QR-Codes zum Verfolgen der Gottesdienste in mehreren Sprachen, sondern auch ein «Raum des Zuhörens» im linken Seitenschiff. Hinter einer schlichten Spanischen Wand sitzen Ordensleute, denen man Fragen und Gedanken jedweder Art anvertrauen kann – zeitgemässe Ergänzung zum traditionellen vielsprachigen Beichtangebot nahe dem Bronzebaldachin.

Andachten mit besonderer Atmosphäre

Samstags um 16 Uhr gibt es vorne am Cattedra-Altar ein halbstündiges (kostenloses) Chor- oder Orgelkonzert. Und samstagabends lädt die Basilika zur «Eucharistischen Anbetung»; in der spärlich beleuchteten Kirche eine Andacht mit besonderer Atmosphäre. Urheber solcher Initiativen ist Kardinal Mauro Gambetti (60), seit 2021 Erzpriester und damit Hausherr des Petersdoms. Doch mit seiner Umtriebigkeit macht sich der Franziskaner, den Papst Franziskus (2013-2025) eigens aus Assisi holte, nicht nur Freunde.

Ein Café direkt unter der Kuppel

Zuletzt sorgte die Nachricht, das schon im Frühjahr heiß diskutierte Bistro auf dem Petersdom könnte jetzt Wahrheit werden, für Wirbel. Die Bauarbeiten unterhalb der Kuppel seien abgeschlossen, im September sei wohl Eröffnung, berichtete die Zeitung «Messaggero».

Befeuert durch sommerliche Nachrichtenflaute entbrannte eine Debatte, ob ein solches Lokal hoch über dem Petrusgrab eine unzulässige Kommerzialisierung wäre.

Seit Jahren gibt es auf dem Dach des Petersdoms einen Andenkenladen und eine kleine Bar, in der man nach dem anstrengenden Aufstieg zur Kuppel eine kleine Stärkung zu sich nehmen kann. Die beiden Baristas geben sich beim Thema Bistro ahnungslos. «Wir erfahren sowas zuerst von den Touristen», meint einer der jungen Männer hinter der Theke, an der Cappuccino mit Sojamilch, aber kein Alkohol ausgeschenkt wird.

Unziemliche Gelage überm Petrusgrab?

Immerhin so viel ist klar: Es geht nicht um einen Ausbau der vorhandenen Bar, sondern um neue Räume mit Sitzgelegenheiten. An unheilige Gelage direkt hinter den Apostelstatuen auf der Fassade glaubt aber keiner von beiden.

Die Verantwortlichen der Basilika sprachen bisher von einer notwendigen Maßnahme, um Touristenströme besser zu verteilen – unter voller Wahrung der Würde des Ortes. Auch Don Lodovico sieht das Projekt entspannt. Die Menschen kämen doch nicht für ein opulentes Mahl an diesen einmaligen Ort von Kunst und Spiritualität.

Mosaikkunst statt Malerei

Tatsächlich besticht die über 200 Meter lange Basilika durch ihre vielen Skulpturen, prachtvoll dekorierten Grabmäler, reich verzierten Säulen, Decken und Wände. Allein die Schreibfeder, die der Evangelist Matthäus hoch über dem Vierungsaltar in der Hand hält, misst rund 1,70 Meter. Erstaunlich: Bis auf vier Madonnenbilder gibt es keine Gemälde in der Basilika mehr. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit wurden sie entfernt und durch Mosaiken ersetzt.

Das wohl berühmteste Kunstwerk, die Pietà von Michelangelo (1475-1564), ist zugleich sein Erstling. Mit nur 23 Jahren schuf der Meister die blendendweiße Skulptur der erstaunlich jungen Maria, die ihren toten Sohn auf dem Schoss hält. Zugleich ist im Petersdom Michelangelos letztes Werk zu sehen: die Kuppel, deren Vollendung nach dem Tod des Künstlers allerdings andere übernehmen mussten. Heute ist sie mit ihren über 40 Metern Spannweite und 133 Metern Aussenhöhe ikonisches Sinnbild der katholischen Christenheit.


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