Waldbrände verwüsten derzeit weite Teile Südeuropas. Was nützt da noch ein Gebet? Wer darauf eine ehrliche Antwort sucht, muss zuerst anerkennen: Diese Katastrophe ist zu grossen Teilen menschengemacht. Gerade deshalb hat Beten einen Platz – allerdings einen anderen, als viele vermuten.
Mittlerweile mussten über 300’000 Menschen in Frankreich und Spanien vor den Flammen fliehen. Spaniens grösster je registrierter Waldbrand hat allein rund um Ávila 80’000 Hektar verwüstet, bei Bordeaux sind mehr als 240 Häuser verbrannt – und ein Ende scheint nicht in Sicht.
Die nächste Hitzewelle mit bis zu 40 Grad steht schon vor der Türe. Wer angesichts der uns täglich erreichenden Bilder fragt, was Beten da noch soll, stellt eine berechtigte Frage. Die falsche Antwort wäre, sie mit frommen Floskeln zu übertönen.
Zu einer ehrlichen Antwort braucht es ein Eingeständnis: Diese Katastrophe ist keine unergründliche Fügung. Sie ist zu wesentlichen Teilen menschengemacht – Folge von Emissionen, von politischem Zögern und einer Lebensweise, an der die meisten von uns aktiv mitwirken (auch und gerade jetzt während der Urlaubszeit). Wer dafür betet, dass es aufhört, ohne das anzuerkennen, betet an der Wirklichkeit vorbei.
«Wer heute betet, muss Gott diese Brände nicht in die Schuhe schieben.»
Die Bibel macht das nicht. Sie beginnt bei der Klage, nicht bei der Vertröstung. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen» – dieser Satz aus Psalm 22 steht nicht am Rand der Heiligen Schrift, Jesus selbst zitiert ihn am Kreuz. Wer heute betet, muss Gott diese Brände nicht in die Schuhe schieben – aber er darf klagen, ohne die menschliche Mitverantwortung wegzuerklären.
Und genau hier erkennen wir den Wert des Gebets: Es zwingt uns zur Ehrlichkeit. Man kann nicht für die Menschen in Ávila oder Bordeaux beten und dabei innerlich weiterscrollen. Gebet hält den Schmerz der Welt wach, wo Gleichgültigkeit ihn gerne verdrängen würde.
Und noch ein weiterer Punkt: Wer für die Schöpfung betet, kann sie hinterher schwerer sorglos weiter ausbeuten: Der bekannte Leitsatz «Ora et labora» der Benediktiner trifft den Punkt – Beten ist nicht die Alternative zum Handeln, sondern seine Wurzel. Und drittens ist Gebet Solidarität dort, wo eigenes Zutun an seine Grenzen stösst: mit den Feuerwehrleuten und mit denen, die gerade alles verlieren.
Der eigentliche Beitrag des Glaubens liegt aber woanders als im Trost. Er liegt in einer Unterscheidung, die gerade jetzt Gewicht bekommt: der zwischen Hoffnung und Optimismus. Optimismus behauptet, es werde schon gut ausgehen – angesichts der Faktenlage, Rekordhitze, wiederkehrender Grossbrände, noch heissere Sommer, wäre das zynisch.
Christliche Hoffnung behauptet etwas anderes: dass Zerstörung nicht das letzte Wort über diese Welt hat. Das ist keine Vertröstung, die die Gegenwart entwertet, sondern das Gegenteil – nur wer glaubt, dass die Katastrophe nicht das letzte Urteil ist, hält den Kampf gegen sie überhaupt durch, statt in Schockstarre zu verfallen.
Das entbindet niemanden von der Pflicht zu löschen, zu helfen, Politik zu verändern. Im Gegenteil. Aber es erklärt, warum Beten daneben noch einen Platz hat: nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als das, was verhindert, dass wir vor der schieren Grösse der Katastrophe entweder abstumpfen – oder zerbrechen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/beten-loescht-keine-braende-und-hilft-trotzdem/