Der Blitz in den Religionen: Von der Schöpferkraft zum Geschöpf

Als beeindruckendes und verheerendes Phänomen, das vor allem im Sommer auftritt, wurde der Blitz in fast allen alten Kulturen vergöttert. Durch das Judentum und das Christentum hat sich der Blitz jedoch von einer schöpferischen Kraft zu einem blossen Element der Schöpfung gewandelt.

Raphael Zbinden, cath.ch

Lucy (Pseudonym) rannte nicht wie die anderen davon, als das grelle Licht den Baum traf. Da sie von Natur aus wagemutiger war, beobachtete die junge Hominidin, wie das Holz in Flammen aufging. Sie stellte fest, dass sie sich am Feuer aufwärmen und von dem Regen trocknen konnte, der gerade über die Ebene niedergeprasselt war.

Vor einiger Zeit war ihr Bruder jedoch gestorben, als ihn die weisse Flamme aus den Wolken traf. «Was ist das für eine Kraft, die abwechselnd schützendes Feuer und den Tod bringt?», fragte sich Lucy damals.

Ausgleichskraft des Kosmos

Es überrascht nicht, dass ihre Nachkommen gegenüber diesem donnernden und blendenden Phänomen eine Mischung aus Bewunderung, Verehrung und Furcht entwickeln werden. In fast allen Kulturen wird der Blitz als Manifestation des Göttlichen verstanden, seiner Macht, seines Zorns, aber auch seiner Schöpfungskraft.

In den grossen polytheistischen Religionen der Antike ist der Blitz in der Regel das Attribut des höchsten Gottes. In der griechischen Mythologie herrscht Zeus über den Himmel und schleudert den von den Zyklopen geschmiedeten Blitz. Diese Waffe symbolisiert seine Autorität sowohl über die anderen Götter als auch über die Menschen. In Rom übernimmt Jupiter dieselben Attribute. Die Römer betrachten die Richtung eines Blitzes manchmal als Omen; manche Orte, die vom Blitz getroffen wurden, werden sogar heilig.

In Nordeuropa lässt der Gott Thor den Donner grollen, indem er seinen Hammer Mjöllnir gegen die Riesen schwingt. Bei den Slawen beherrscht Perun ebenfalls den Himmel und besiegt die Mächte des Bösen mit Blitzen. Im vedischen Indien nutzt Indra den Blitz, um den Dämon Vritra zu besiegen und die zurückgehaltenen Gewässer zu befreien, wodurch das Leben wiederkehren kann.

Bei einigen indigenen Völkern Nordamerikas ist es der Donnervogel, der durch das Schlagen seiner Flügel Blitze hervorruft. Auch hier trägt der Blitz zum Gleichgewicht des Kosmos bei. In den alten Kulturen aller Kontinente zeigt sich hinter diesen Erzählungen dieselbe Intuition: Die Kraft des Gewitters spiegelt eine göttliche Herrschaft wider, die über die menschlichen Fähigkeiten hinausgeht.

Ein Schöpfer, der über der Natur steht

Die Religion Abrahams markiert hier einen entscheidenden Bruch. Im Judentum ist der Blitz nicht mehr die Waffe einer spezialisierten Gottheit: Er ist eine Manifestation des einzigen Gottes, des Schöpfers des Universums.

In «The Early History of God: Yahweh and the Other Deities in Ancient Israel» erklärt der Professor für Altes Testament Mark S. Smith, dass Jahwe zwar die Merkmale des Sturmgottes (Wolken, Donner, Blitze) annimmt, aber «kein» Sturmgott ist: Er ist der Schöpfergott und Herrscher über die gesamte Schöpfung.

Das Buch Exodus beschreibt die Theophanie am Berg Sinai mit «Donner, Blitzen und einer dichten Wolke» (Ex 19,16). Diese Erscheinungen sind nicht Gott selbst, sondern unterstreichen die Heiligkeit des Augenblicks, in dem Mose die Gesetzestafeln empfängt. Die Propheten greifen diese fulminanten Bilder auf, um das Gericht Gottes anzukündigen, und erinnern dabei daran, dass der Schöpfer den Naturkräften unendlich überlegen bleibt. In der Bibel werden die Elemente niemals vergöttlicht, sie bleiben Geschöpfe.

Der Donner, der Allah verherrlicht

Solche Darstellungen sind im Allgemeinen den «jüngeren» Religionen vorbehalten. Im Buddhismus werden Blitze nicht mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht; der Blitz spiegelt lediglich die Vergänglichkeit der Welt wider.

Der Koran stellt Wetterphänomene als Zeichen (ayat) der Macht Allahs dar. Eine ganze Sure trägt den Namen «Der Donner» (Ar-Ra’d). Dort heisst es: «Der Donner preist Ihn» (13,13). Blitze wecken zugleich Furcht und Hoffnung: Sie erinnern an die göttliche Macht und kündigen zugleich den Regen an, der die Erde befruchtet. Im Islam ist das Gewitter also ebenfalls keine Gottheit, sondern ein Zeichen, das den Gläubigen dazu einlädt, den Schöpfer anzuerkennen.

Christus – keine Gewittergottheit

Das Christentum schliesst sich dieser Sichtweise an. Die Evangelien zeigen niemals, dass Jesus Blitze wie ein heidnischer Donnergott einsetzt. Aussergewöhnliche Naturerscheinungen begleiten zwar bestimmte Schlüsselmomente – den gestillten Sturm, die Finsternis beim Tod Christi, das Erdbeben am Ostermorgen –, doch sie bilden niemals den Kern der Botschaft.

Traditionell werden mehrere Heilige gegen den Blitz angerufen. Dazu gehört insbesondere die Heilige Barbara, die zur Schutzpatronin der Pyrotechniker, Bergleute und Feuerwehrleute geworden ist. Ihre Geschichte ist lehrreich für jeden, der sich vor Feuerphänomenen schützen möchte.

Diese Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert aus Phönizien wurde von ihrem eigenen Vater enthauptet, weil sie sich weigerte, ihrem christlichen Glauben abzuschwören. Dieser wurde unmittelbar danach vom Blitz in Asche verwandelt. Die Lehre daraus ist auch, dass man während eines Gewitters keine metallischen Gegenstände wie beispielsweise ein Schwert bei sich tragen sollte.

Das unheilvolle Schicksal der Glockengeläute

Die Vorstellung, dass der Blitz eine göttliche Strafe sei, hielt sich innerhalb der Kirche hartnäckig. Dies ging so weit, dass kirchliche Stimmen sich im 18. Jahrhundert gegen die Erfindung des Blitzableiters durch Benjamin Franklin aussprachen. Einer der bekanntesten Fälle ist der des französischen Kanonikers Abbé Thomas-Balthasar Le Roy, der in den 1770er Jahren vertrat, der Blitz könne ein Instrument der göttlichen Gerechtigkeit sein. Ohne den Blitzableiter stets ausdrücklich zu verurteilen, hielt er es für anmassend, etwas abwenden zu wollen, das möglicherweise Teil von Gottes Plänen sei.

In Italien, wo traditionell die Glocken geläutet wurden, um Gewitter abzuwehren, zögerten einige Geistliche, Blitzableiter anzubringen. Zum grossen Leidwesen der Glöckner, von denen viele im Laufe der Jahrhunderte die traurige Erfahrung machten, dass feuchte Seile Strom leiten.

Keine göttliche Strafe

Eine solche Auslegung blieb jedoch eine Randerscheinung. Die Kirche erkannte schnell, dass der Schutz der Menschen durch wissenschaftliche Erkenntnisse keineswegs im Widerspruch zum Glauben stand. Die Naturgesetze zu verstehen bedeutet auch, die vom Schöpfer gewollte Ordnung zu entdecken.

Heute erinnert der Katechismus der Katholischen Kirche daran, dass Gott gewöhnlich durch sekundäre Ursachen wirkt, das heisst, durch die Naturgesetze, die er selbst festgelegt hat. Ein Gewitter fällt somit in den Bereich der Meteorologie und der Atmosphärenphysik. Der Gläubige ist nicht dazu aufgerufen, in jedem Blitz eine persönliche Botschaft oder eine göttliche Strafe zu sehen.

Jesus selbst warnt vor dieser vereinfachenden Interpretation, indem er sich weigert, einen automatischen Zusammenhang zwischen Katastrophen und den Sünden ihrer Opfer herzustellen. In Lk 13,1–5 erklärt Christus, dass die 18 Menschen, die beim Einsturz des Turms von Siloah ums Leben kamen, nicht schuldiger waren als andere. «Wenn ihr aber nicht Busse tut, werdet ihr alle ebenso umkommen», fügt er hinzu.

Der Blitz – eine Schönheit, die es zu betrachten gilt

Darüber hinaus wird der Katholizismus dazu führen, in den Erscheinungsformen der Natur einen Ort zu sehen, an dem Gott sich betrachten lässt. Wie der heilige Paulus bekräftigt: «Die unsichtbaren Eigenschaften Gottes lassen sich durch seine Werke mit dem Verstand erkennen» (Röm 1,20). Der Anblick eines von Blitzen durchzogenen Himmels kann so zu Staunen, Demut und Gebet führen.

Diese Sichtweise wurde von Papst Franziskus in «Laudato si’» bekräftigt. Die Enzyklika lädt dazu ein, wieder einen kontemplativen Blick auf die Welt zu gewinnen, ohne dabei weder in Aberglauben noch in eine rein utilitaristische Sichtweise der Natur zu verfallen. Naturphänomene, auch wenn sie beeindrucken oder beunruhigen, sind keine dem Glauben fremden Realitäten. Sie erinnern daran, dass der Mensch nicht der absolute Herrscher über die Welt ist, sondern ihr Hüter (Adaptiert: woz)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/der-blitz-in-den-religionen-von-der-schoepferkraft-zum-geschoepf/