Theologe Paganini: Warum Fussball Religion ähnelt – und doch keine ist

Die Fussball-WM in Nordamerika biegt auf die Zielgerade ein: Am Wochenende werden die Viertelfinals gespielt – auch die Schweiz ist mit dabei und kämpft gegen Argentinien. Die Fans pflegen Rituale, haben Hoffnung und spüren Gemeinschaft beim Fussball. Dieser Sport erfüllt laut Simone Paganini viele Aufgaben, die auch Religionen seit Langem übernehmen. Wo aus seiner Sicht der entscheidende Unterschied liegt.

(KNA) Auch wenn der Fussball viele religiöse Züge hat, ersetzt er laut dem Theologen und langjährigen Fußballschiedsrichter Simone Paganini keine Religion. «Er beantwortet keine letzten Fragen nach dem Sinn des Lebens», schreibt der Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen in einem am Freitag veröffentlichten Beitrag für das Portal feinschwarz.net.

«Religion arbeitet mit Hoffnung und Angst, mit Schuld und Vergebung, mit Leid und Erlösung, mit Barmherzigkeit und Bestrafung. Fussball kennt dieselben Emotionen.»

Niemand gehe ins Stadion, um Theologie zu lernen. Dennoch erfülle der Fussball viele Funktionen, die Religionen seit Jahrtausenden erfüllen: «Er stiftet Gemeinschaft, schafft Identität, erzeugt Rituale, vermittelt Hoffnung und erzählt Geschichten, die Menschen bewegen», so Paganini. Besonders deutlich werden die religiösen Parallelen seiner Meinung nach auf der Ebene der Gefühle: «Religion arbeitet mit Hoffnung und Angst, mit Schuld und Vergebung, mit Leid und Erlösung, mit Barmherzigkeit und Bestrafung. Fussball kennt dieselben Emotionen.»

Einfache Orientierung in komplexer Welt

Entscheidend sei nicht die Frage, ob Fussball «wirklich» eine Religion ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass Millionen Menschen ihn auf eine Weise erlebten, die religiösen Erfahrungen nahekomme. «Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner anhaltenden Faszination: Der Fussball ist kein Glaube im theologischen Sinn. Aber er erinnert uns daran, dass der Mensch ein Wesen ist, das glauben, hoffen, feiern und dazugehören möchte», fasst Paganini zusammen.

Fans sprechen laut dem Theologen nicht nur vom «Fussballgott», sondern auch von Schicksal, Glück oder Gerechtigkeit: «Wer ein sicheres Tor vergibt, werde später bestraft. Wer kämpft, werde belohnt. Es geht um Opfer, Leiden, radikale Hingabe.» Rational betrachtet, träfen solche Aussagen nur manchmal zu. «Dennoch bleiben sie wirksam», betont Paganini.

Denn Menschen neigten dazu, Ereignisse in sinnvolle Geschichten einzubetten: «Was die eigene Überzeugung bestätigt, wird erinnert; was widerspricht, wird vergessen.» Deshalb funktionierten religiöse wie sportliche Erzählungen so gut. «Sie geben einfache Orientierung in einer komplexen Welt», schreibt der Wissenschaftler.


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