Die Priesterbruderschaft steht seit Jahrzehnten im Konflikt mit dem Vatikan. Ursprung des Streits ist die Ablehnung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Doch nicht alle Traditionalisten wählten den Weg des Bruchs: Mit der Petrusbruderschaft existiert ein römisches Gegenmodell im Dienst der alten Liturgie. Ein Überblick über Geschichte, Brüche und die Suche nach Einheit.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1969 von dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991) ins Leben gerufen. Die Vereinigung versteht sich selbst als Bewahrerin der Tradition der «Heiligen Römischen Kirche».
Zentraler Streitpunkt ist die strikte Ablehnung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Lefebvre, der selbst als Konzilsvater an den Versammlungen teilgenommen hatte, warf dem Vatikan vor, mit den neuen Lehren die Tradition der Kirche zerstört zu haben. Die wesentlichen Konfliktlinien verlaufen bis heute entlang dreier Kernthemen:
Obwohl die Bruderschaft anfangs kirchlich anerkannt war, positionierte sie sich im Laufe der Jahre zunehmend antikonziliar. Dies blieb nicht ohne kirchenrechtliche Konsequenzen:
Durch diese unerlaubten Weihen zogen sich Lefebvre und die vier neuen Bischöfe automatisch die Exkommunikation zu. Nach geltendem Kirchenrecht sind diese Weihen zwar unrechtmässig, aber dennoch gültig.
Das Jahr des endgültigen Bruchs der Piusbrüder mit Rom (1988) markiert gleichzeitig die Geburtsstunde einer papsttreuen Alternative: die Priesterbruderschaft St. Petrus. Sie wurde im Zuge des apostolischen Schreibens Ecclesia Dei von Papst Johannes Paul II. gegründet und existiert als Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechts.
Während die Piusbruderschaft den kirchenrechtlichen Konflikt mit dem Vatikan zuspitzte, wählte die Petrusbruderschaft den Weg innerhalb der offiziellen Kirche. Ihr Ziel ist die Heiligung der Priester durch die Treue zur liturgischen und disziplinären Tradition – ausdrücklich in Übereinstimmung mit dem Papst.
Heute ist die Petrusbruderschaft eine junge, wachsende Gemeinschaft:
Im Gegensatz zur Piusbruderschaft verbindet die Petrusbruderschaft die Liebe zur überlieferten Liturgie (dem ausserordentlichen römischen Ritus) mit einer aktiven Seelsorge im Dienst der Neuevangelisierung. Ihr Spektrum reicht von der Beicht- und Spitalseelsorge bis hin zu Katechesen für alle Altersstufen.
Unter Papst Benedikt XVI. erlebten auch die Beziehungen zur abgespaltenen Piusbruderschaft eine Phase der Entspannung. Der Papst kam den Traditionalisten mit zwei wesentlichen Gesten entgegen:
Mit diesem Schritt erhielten die Bischöfe der Piusbrüder zwar wieder die Rechte katholischer Laien, die offizielle Ausübung kirchlicher Ämter bleibt ihnen jedoch weiterhin untersagt.
Seit Ende 2009 führen Vertreter des Vatikans und der Piusbruderschaft regelmässige Gesprächsrunden über die strittigen Lehrfragen. Ein konkretes Ergebnis dieser Verhandlungen liegt nun auf dem Tisch: Der Vatikan hat der Leitung der Piusbrüder eine «Lehrmässige Erklärung» über die grundlegenden Glaubenslehren der katholischen Kirche zur Unterzeichnung vorgelegt. Vom Ausgang dieser Unterschrift hängt ab, ob eine endgültige Wiedereingliederung der Piusbruderschaft gelingen kann – und sie damit kirchenrechtlich denselben legalen Status erreicht, den die Petrusbruderschaft seit ihrer Gründung geniesst.
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