Der Papst und der künstliche Krieg

Von Andrea Masügger

Der Papst hat ein Machtwort gesprochen: Künstliche Intelligenz soll eingeschränkt werden. Selten war ein Lehrschreiben des Heiligen Stuhls brisanter und aktueller als die neueste Enzyklika.

Päpstliche Enzykliken sind meist theoretisch-abgehoben und für den katholischen Normalbürger wenig relevant. Sie bewegen sich in religionsphilosophischen Sphären, die nicht bis in den Alltag der Menschen hinunterreichen. Anders als bei der jüngsten Enzyklika von Papst Leo XIV. vom Pfingstmontag: Darin fordert der Nachfolger Petri mit Vehemenz scharfe Richtlinien und Kontrollen über die KI, die gerade die Menschheit überrollt.

«Die künstliche Intelligenz muss entwaffnet und von den Logiken befreit werden, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen», sagt er. Das tönt dramatisch, ist es aber nicht. Die Menschen sind zunehmend verunsichert über eine Technologie, welche unser Leben schleichend durchdringt und nicht transparent ist. Gefälschte Texte, Bilder und Videos sind zum Alltag geworden; in der Schweiz ist gerade eine durch KI gesteuerte manipulative Kampagne zur Abstimmung vom kommenden Wochenende im Gange. Umfragen zeigen, dass sich die Bevölkerung zunehmend vor dieser neuen Technik fürchtet, die man gerne als die vierte technische Revolution bezeichnet.

Am wenigsten beachtet, aber vielleicht am wichtigsten ist der Hinweis des Papstes auf den Einsatz von KI im Krieg. Maschinen, so sagt er, dürften nicht über Leben und Tod entscheiden. Tatsächlich lauert hier ein unterschätztes, desaströses Potenzial.

Der Historiker Gwynne Dyer zitiert in seinem Buch «Die kürzeste Geschichte des Krieges» verschiedene Untersuchungen von Kriegshistorikern. Diese zeigen, dass Menschen selbst im harten Kampf vor dem Töten zurückschrecken. So wurden in der Schlacht von Gettysburg im amerikanischen Bürgerkrieg neun von zehn Musketen unabgefeuert weggeworfen. Im Zweiten Weltkrieg haben selbst in schweren Gefechten nur ein Viertel der amerikanischen Infanteristen mit ihrer persönlichen Waffe geschossen, im Koreakrieg waren es ungefähr die Hälfte.

Doch: Mit zunehmender Distanz schwinden die Hemmungen. Wer den Gegner kaum sieht, tötet eher. Bei der Landung der Alliierten in der Normandie am D-Day vom 6. Juni 1944 erschoss ein einzelner deutscher Soldat von einem Bunker aus mit seinem Maschinengewehr innerhalb von neun Stunden über 2000 gegnerische Soldaten. Sie waren so weit entfernt, dass sie aussahen wie Ameisen, sagte er später. Erst als er einen Amerikaner aus der Nähe tötete, wurde ihm übel und er hatte jahrzehntelang danach noch Albträume.

Und die Distanz wird immer grösser. Die heutige (vor allem von den Ukrainern) hoch entwickelte Drohnentechnik und die neuen ferngesteuerten Bodenroboter, die im Ukrainekrieg zum Einsatz kommen, zeigen erst den Anfang einer Entwicklung. In einigen Jahren werden Letale Autonome Waffensysteme (LAWS) im Einsatz sein, die KI-getrieben sind. Diese werden nicht mehr von Menschen gesteuert, sondern sie entscheiden selbst, ob und wen sie umbringen. Sie erhalten nur noch einen «Oberbefehl» und agieren dann innerhalb dieses Rahmens selbständig.

Und es wird dann nicht einfach Blechkriege zwischen «verfeindeten» Maschinen geben, sondern die Maschinen werden sich Menschen vornehmen, Dörfer, Städte, Landstriche, ganze Regionen.

Wenn der Mensch als Entscheidungsträger aus dem Krieg entfernt wird, droht die Apokalypse. Für Maschinen ist die Distanz dann unendlich; Menschen sind definitiv nur noch Ameisen, egal, wie nahe sie sind.

Deshalb ist dieser päpstliche Appell so wichtig und so aktuell. Es braucht internationale Bestrebungen für ein Verbot von KI im Krieg. Wenn dieser Papst damit Erfolg hat, gehört ihm der Friedensnobelpreis.

Wenn es um Ameisen geht, fallen die Hemmungen.

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