Am Pfingstsonntag um 11 Uhr werden in der Roten Kapelle des Lassalle-Hauses die Jesuiten der Kommunität Bad Schönbrunn ein letztes Mal gemeinsam mit Besuchern Gottesdienst feiern. Dann werden die Ordensleute ihre Koffer packen und ihren angestammten Ort verlassen. Ein Käufer für das Haus konnte noch nicht gefunden werden. Die Kirche soll profaniert werden.
Stefan Betschon
Einer der grössten Bäume der Schweiz steht im Park des Lassalle-Hauses in Bad-Schönbrunn in Edlibach oberhalb von Zug. Der gut 50 Meter hohe Riesenmammutbaum – Sequoiadendron giganteum – wurde 1860 gepflanzt. Er hat schon viel gesehen und erlebt.
Als der Baum noch klein war schmückte er den Vorgarten jener Villa, die heue die Alte Villa genannt wird und die damals Teil einer Badeanstalt war. Weil es an diesem Ort viele Quellen gab und weil das Wasser dieser Quellen als heilsam galt, wurde hier 1858 eine Wasserheilanstalt eingerichtet.
Der Erste Weltkrieg brachte in Europa den Tourismus zum Erliegen, bald stand der Baum verlassen da. Dann, Ende der 1920er Jahre, übernahmen die Jesuiten die Häuser in der Nähe des Baums. Nicht mehr das körperliche, sondern das geistige Wohlbefinden der Menschen sollte nun in Bad Schönbrunn gepflegt werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1960er Jahren, wurde das alte Kurhaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Von der alten Anlage blieben die Alte Villa, ein Schuppen und der Mammutbaum erhalten.
Neben dem modernistischen Neubau, entworfen vom Zürcher Architekten André Studer, nahm sich der Mammutbaum schon fast klein aus. Dieser Neubau umfasst 75 Zimmer. Und die waren oft ausgebucht. Denn das Bildungszentrum der Jesuiten entwickelte eine Strahlkraft, die weit über das katholische Milieu und über die Deutschschweiz hinausreichte.
1993 übernahm der Jesuitenpater und Zen-Meister Niklaus Brantschen die Leitung des Bildungszentrums, das er als Zentrum für Spiritualität und interreligiösen Dialog unter dem Namen Lassalle-Haus neu positionierte. Der Name erinnert an den Jesuiten Hugo Enomiya Lassalle, einem Überlebenden des Atombombenabwurfs in Hiroshima, der sich um die Beziehungen zwischen Christentum und Buddhismus verdient gemacht hatte.
Jetzt war im Lassalle-Haus viel los. Mehrere Tausend Gäste kamen jährlich angereist. Die meisten kamen vom Bahnhof Zug her mit Bus. Einige reisten im eigenen Auto an. Sie waren hierhergekommen, um sich auf den Weg zu machen, um spirituell weiterzukommen mit Hilfe von Meditationsübungen und Exerzitien.
Anfangs März 2025 mussten der Jesuitenorden und der Trägerverein das Ende des Lassalle-Hauses ankündigen. Der Betrieb des Hauses stehe «vor grossen Herausforderungen», wurde in einer Medienmitteilung verlautbart.
«Gründe dafür sind Schwankungen und Rückgänge in der Nachfrage, aber auch gestiegene Kosten für Löhne, Management und Dienstleistungen. Sie haben zu wiederholten Defiziten geführt. Alle Bemühungen um eine Trendwende in den vergangenen Jahren führten nicht zum erhofften Ergebnis.»
Diese Medienmitteilung provozierte einen Aufschrei. Zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer forderten in einer Petition den Jesuitenorden auf, den Betrieb des Hauses weiterzuführen. Vielen war erst jetzt bewusst geworden, wie wichtig dieses Bildungszentrum für die deutschsprachige Christenheit war.
Doch es half alles nichts. Der Betrieb liess sich nicht wiederbeleben. Das denkmalgeschützte Haus soll nun verkauft werden. Über allfällige Kaufinteressenten ist nichts bekannt. Auf Anfrage teilt der Jesuitenorden aber mit, dass der Verkauf «mit Respekt vor der spirituellen Tradition des Hauses» abgewickelt werden soll. «In keinem Fall darf Bad Schönbrunn zum Spekulationsobjekt werden; daher verkaufen wir nur an Institutionen, denen wir zutrauen, das Haus kompetent langfristig gut zu nutzen.»
Am kommenden Pfingstsonntag nun, nach dem morgendlichen Gottesdienst, werden die letzten Jesuiten, die hier gelebt haben, das Haus verlassen. Niklaus Brantschen geht nach Zürich, Bruno Brantschen wird künftig in Basel zu Hause sein, Toni Kurmann, der ehemalige Direktor des Lassalle-Hauses, wird sich in Genf neuen Aufgaben widmen.
«Uns Jesuiten fehlt die Kraft. Wir nehmen Abschied. Schmerzlich erfahre ich dabei, wie wahr der Satz ist: Alte Bäume verpflanzt man nicht.»
Nach dem Auszug der Jesuiten der Kommunität Bad Schönbrunn soll das Haus geräumt, gereinigt und verschlossen werden. Die Kapelle soll profaniert werden. Der genaue Zeitpunkt der Profanierung steht noch nicht fest.
Niklaus Brantschen hat mehr als 50 Jahre im Lassalle-Haus gelebt und gewirkt. Lächelnd und frohgestimmt kann er im persönlichen Gespräch doch nicht verbergen, dass ihm der Abschied schwerfällt. In einem kurzen Text im Newsletter der Schweizer Jesuiten vergleicht Brantschen seinen Weggang mit der «Verpflanzung eines alten Baumes».
Dabei denkt der Jesuitenpater an den Mammutbaum im Park von Bad Schönbrunn. «Am Fusse des Baumes stehend, werde ich beinahe wehmütig. Mehr als ein halbes Jahrhundert verbindet mich mit dem Ort. Erinnerungen werden wach. Etwa an das denkwürdige Jahr 1977, da ich 40 wurde, mich durch die Gelübde endgültig an den Orden band und zum ersten Mal die Leitung des Hauses übernahm.»
Brantschen erinnert sich an verschiedene Entwicklungsschritte und Neupositionierungen, die unter seiner Leitung durchgeführt wurden. Jetzt stehe wiederum eine Neupositionierung an. Doch diese, so Brantschen resigniert, werde von anderen vorgenommen. «Uns Jesuiten fehlt die Kraft. Wir nehmen Abschied. Schmerzlich erfahre ich dabei, wie wahr der Satz ist: Alte Bäume verpflanzt man nicht.»
Am Schluss findet der Zen-Lehrer doch noch versöhnliche Worte: «Ich muss mich nicht verpflanzen lassen. Meine Wurzeln bleiben mit dem Mammutbaum im Schönbrunner Boden. Nur einen Zweig des alten Baumes, der ich bin, nehme ich mit nach Zürich. Dort werde ich ihn im Park am Ende des Hirschengrabens einpflanzen.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/im-lassalle-haus-gehen-die-lichter-aus/