Singen für den Frieden

Noch nie war der Final des European Song Contest so spannend wie in diesem Jahr. Mehrere qualitativ hochstehende Beiträge buhlen um die Gunst des Publikums und der Jury. Diese Veranstaltung, erfunden für den kulturellen Austausch zwischen Nationen, wird nun allerdings von Pro-Palästina-Propagandisten dazu missbraucht, Hass und Zwietracht zu verbreiten.

Stefan Betschon

«Europa kommt zusammen, um zu feiern, was uns zusammenhält»: Das ist die zentrale Aussage eines Werbefilms, mit dem der Österreichische Rundfunk (ORF) Freundinnen und Freunde der leichten Muse nach Wien zum European Song Contest einlädt.

Zuvor war es Nemo

Vor einem Jahr in Basel hatte der österreichische Kontertenor Johannes Pietsch – auch bekannt unter seinem Künstlernamen JJ – den Wettbewerb gewonnen. Dank diesem Sieg durfte heuer der ORF den Austragungsort bestimmten. Im Jahr zuvor war die SRG für die Organisation zuständig, nachdem «eine musizierende Person» namens Nemo die Siegertrophäe gewonnen hatte.

«Freundinnen und Freunde der leichten Muse»: Das sagt sich so einfach dahin. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen den Fans dieser Showveranstaltung und der hier zur Aufführung gebrachten Werke überaus kompliziert.

Wer den ESC mag und an diesem Abend vor dem Fernseher verbringt, hat entweder überhaupt keinen Kunstverstand oder aber er besitzt ein hoch entwickeltes ästhetisches Empfinden, das es ihm erlaubt, Meta-Ebene um Meta-Ebene zu erklimmen und Pop-Songs mit einer Ernsthaftigkeit zu geniessen, als wären sie Arien einer Barockoper. Die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sonntag hat für diese Art der Kennerschaft, für diese Form des Kunstgenusses, die in der U-Musik Ernsthaftigkeit und in der E-Musik Unterhaltendes herauszuhören vermag, in einem Essay (1964) den Begriff «Camp» populär gemacht.

Was mit Diversität gemeint ist

«Was Europa zusammenhält»: Was ist das? Der Trailer des ORF präzisiert: «Joy, Passion and diversity». Freude, Leidenschaft und Diversität. Was könnte mit Diversität gemeint sein? Andersartigkeit, Verschiedenheit oder Mannigfaltigkeit können für sich allein genommen keine Gemeinschaft begründen, es braucht dann noch, um die Fliehkräfte in einem dynamischen Gleichgewicht einzufangen, Gegenkräfte. «Einheit in der Vielfalt» – So müsste wohl Diversität übersetzt werden.

Es brauchte viele Kriege, schlimme Erfahrungen, grosses Leid, bis es den Menschen in Europa gelang, sich zusammenzuraufen. Es brauchte aus der hebräischen Bibel die Erkenntnis, dass alle Menschen gleich sind. Es brauchte aus der griechischen Philosophie die Überzeugung, dass sich auch die schwierigsten Probleme auf der Grundlage der Vernunft durch Nachdenken lösen lassen. Es brauchte von den Römern die Erfahrung, dass Rechtsstaatlichkeit das Zusammenleben der Menschen erleichtert. Und es braucht einflussreiche christliche Denker der Spätantike, die Jerusalem, Athen und Rom in ihrem Kopf zusammenbrachten und in einem einzigen Denk-System vereinigten.

Trotzdem brauchte es dann im 20. Jahrhundert trotzdem noch zwei schreckliche Weltkriege, bis die Menschen auf dem Alten Kontinent lernten, sich als Teil eines grösseren Ganzen zu verstehen, bis sich Menschenrechte, Rationalität, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie durchsetzen konnten. Jerusalem, Athen und Rom: Auf diesen drei Säulen ruht Europa, und es ist deshalb nicht erklärungsbedürftig, warum seit 1973 auch Israel beim ESC mitmachen darf.

Einheit in der Vielfalt

Als die European Broadcasting Union (EBU) 1954 gegründet wurde, waren es nicht allein Fragen der technischen Standardisierung, die europäische Rundfunkanstalten zu einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit führten, sondern es war auch das Bemühen, in der Vielfalt die kulturelle Einheit zu stärken, die ideellen Grundlagen Europas zu festigen. Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass eines der ersten europaweit durch die EBU organisierte TV-Ereignis die Übertragung einer Papstpredigt (Pius XII.) aus dem Petersdom war.

Der erste European Song Contest (ESC) wurde im Mai 1956 in Lugano durchgeführt. Die erste Siegerin hiess Rosa Schärer, eine Aargauerin, die auch unter dem Künstlernamen Lys Assia bekannt geworden ist.

«Ein Fest des Miteinander»

Für sich selbst wirbt der ESC aktuell mit dem Slogan «United by music». Das ist ein politisches Programm. Und dieses politische Programm ist so alt wie der ESC selbst. Die Rundfunk-Manager, die zu Beginn der 1950er Jahre den ESC organisierten, hatten alle den Zweiten Weltkrieg in lebendiger Erinnerung, und diese Erinnerung dürfte sie beseelt haben bei ihrem Plan, den Europäischen Zusammenhalt auch mit den Mitteln der TV-Unterhaltung zu stärken.

Das macht den ESC aus: Dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft beim Singen und Tanzen näherkommen, dass der kulturelle Austausch über Landesgrenzen weg befördert wird, dass gesellschaftliche Spannungen abgebaut werden, dass Mehrheiten den Lebensstil auch von Minderheiten respektieren lernen, kurz: Respekt, Toleranz, Austausch.

Es hat in der Geschichte des ESC auch schon Teilnehmerstaaten gegeben – Spanien, Portugal –, die von Diktatoren beherrscht wurden, die sich um europäische Werte – Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit – foutierten. Hätte man diese Länder ausschliessen sollen?

ESC war immer schon politisch

Müsste man Deutschland ausschliessen, wenn nach einem erdrutschartigen Wahlsieg die AfD die Regierung stellt? Müsste man die Schweiz von der ESC-Bühne verbannen, wenn Europa-feindliche Positionen sich in diesem Land durchsetzen? Nein, nein und nochmals: nein. Das macht den ESC aus: Respekt, Toleranz, Austausch.

Der ESC sei immer schon politisch gewesen, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» und tut so, als sei das eine überraschende Neuigkeit. Es ist wahr: Der ESC war immer schon politisch. Neu ist, dass eine kleine, laute Clique den politischen Diskurs, soweit er sich nicht auf die Weiterverbreitung ihrer Parolen beschränkt, unterbinden möchte. Die durch Musik gestiftete Gemeinschaft soll nur noch jene umfassen dürfen, die in der eigenen Tonart singen.

«Wir sind in Europa der Toleranz verpflichtet.»

Neu ist , dass eine kleine, laute Clique von Hamas-Anhängern das, was den ESC ausmacht – Respekt, Toleranz, Austausch – «wegterrorisieren» möchte. Dieses Verb, das im Duden nicht zu finden ist, hat der Bürgermeister von Wien – Michael Ludwig – spontan ins Mikrofon gesprochen, als ihn im Vorfeld des ESC bei einer Rede zum Europatag Pro-Palästina-Aktivisten mundtot machen wollten.

«Wir sind in Europa der Toleranz verpflichtet», rief der Bürgermeister, Wien werde den ESC als «ein Fest des Miteinander» durchführen. Für alle, die an einem gepflegten politischen Diskurs interessiert sind, ist dies die richtige Antwort auf das Geschrei und die Trillerpfeifen der Aktivisten: «Wir lassen uns nicht wegterrorisieren».

Trillerpfeifen für den Krieg

In Europa, in Afrika und im Nahen Osten gibt es Kriege. Menschen erleiden grosse Not. Was kann man tun für den Frieden? Trillerpfeifen helfen nicht weiter. Mit Störaktionen gegen Musik und Tanz ist nichts gewonnen. Welche Lösung könnte im Nahen Osten Frieden schaffen? Wie auch immer diese Friedenslösung aussehen wird: Israel wird Teil sein davon. Wer das Existenzrecht dieses Landes nicht anerkennt, gibt zu verstehen, dass ihm an einem dauerhaften Frieden nichts gelegen ist.

Wie auch immer diese Friedenslösung aussehen wird: Sie wird zu finden sein, indem Menschen aufeinander zugehen, miteinander reden, einander zuhören, sich bemühen, die Welt auch mit den Augen des anderen zu sehen. Mit Gesprächsverweigerung wird sich diese Lösung nicht finden lassen. Wer Respekt, Toleranz, Austausch «wegterrorisieren» will, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Kriegstreiber zu sein.

Songs gegen den Krieg

Warum sollte es dem Frieden zuträglich sein, wenn man einen israelischen Pop-Star von der Bühne holt, Noam Bettan, der auf hebräisch, französisch und englisch eine «Mmm…mmm… mmm» «Michelle» besingt, eine «reine des problèmes», die ihn lachen und weinen macht? Und von der er sich nun verabschiedet: «Michelle, adieu ma belle».

Nun gut, es ist eine Schnulze, die die «Camp»-Kapazität von kunstsinnigen Menschen arg auf die Probe stellt. Dass sich dieser Frauenname mit «belle» reimt, hatten die Beatles auch schon drauf. Es ist eine Schnulze, aber es gibt, auch am ESC 2026, Schlimmeres (Sarah Engels: «I’m on fire, fire»).

Musiker oder Musikerin aus Palästina einladen?

Was wäre gewonnen, wenn Noam Bettan nicht singt? Besser wäre es doch, auf dieses Lied mit einem Lied zu antworten. Vielleicht hätte man eine Musikerin oder einen Musiker aus Palästina einladen können? Es gibt dort zwar keine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die Mitglied der EBU werden könnte, aber vielleicht liesse sich das ESC-Reglement so verändern, dass Musiker oder Musikerinnen aus einem nicht-europäischen Gastland zugelassen sind.

Viele prominente Popmusiker haben jüngster Zeit Pro-Palästina-Proklamationen unterschrieben. Warum ist von denen keiner auf die Idee gekommen, anstatt mit einer gedankenlos hingeworfenen Unterschrift mit einem Anti-Kriegs-Song auf die Probleme der Gegenwart zu reagieren?

Es hat in der kurzen Geschichte der Pop-Musik mehrere wichtige Anti-Kriegs-Songs gegeben. Etwa von Pete Seeger oder von Bob Dylan. Oder von John Lennon («Imagine there’s no countries / Nothing to kill or die for / Imagine all the people / Living life in peace»). Country Joe McDonald hat ein ganzes Album mit Songs gegen den Vietnam-Krieg veröffentlicht. In diese Zeit gehört auch der nach wie vor hörenswerte Song «War» von Edwin Starr: «War – What is it good for? Absolutely nothin’.»

Spannendes Finale

In der aktuellen Pop-Musik auf ESC-Niveau ist Politik kein Thema. Alles scheint sich um persönliche Befindlichkeiten zu drehen – JJ: «I’m drowning in my feelings». Oder es geht um die Erfindung der eigenen sexuellen Identität – Nemo: ««I, I went to hell and back / To find myself on track».

Wenn hier auf ein «ESC-Niveau» Bezug genommen wird, ist das nicht herablassend gemeint. Man kann über das Schweizer One-Hit-Wonder Nemo uns sein Pro-Palästina-Engagement lästern. Aber sein Song, mit dem er vor zwei Jahren den ESC gewonnen hat – «The Code» – , ist wirklich gut.

Und es scheint, als ob dieser Song in der massentauglichen europäischen Pop-Musik unserer Zeit stilbildend gewirkt und zusammen mit dem Sieger-Song von 2025 – JJ: «Wasted Love» – eine Wende zum Guten angestossen hätte. Man hört jetzt vermehrt Streicher anstelle von Drum Computern, mehr klassisch geschulte, starke Stimmen anstelle von hauchenden Mädchen, mehr Melodie, anstelle von Klopfen und Klatschen.

Wo sich die Videos und die Bühnen-Shows früher vor allem auf nackte Haut und Pyrotechnik verlassen haben, gibt es jetzt interessante Kostüme und die Andeutung von Geschichten zu sehen. Noch nie war ein ESC-Final so spannend wie heuer. Schade, dass ein paar Claqueure den Menschen in Europa diese Freude nicht gönnen mögen.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/singen-fuer-den-frieden/