Zwischen Autonomie und Abschied

Der Film «Polvo Serán» und ein begleitendes Gesprächsformat in Zürich thematisieren selbstbestimmtes Sterben zwischen Liebe, Zweifel und gesellschaftlicher Debatte und öffnen einen vielschichtigen Raum über Würde am Lebensende.

Sarah Stutte

Mit «Polvo Serán» läuft derzeit ein Film in den Schweizer Kinos, der sich behutsam und zugleich eindringlich einem Thema nähert, das in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt: dem selbstbestimmten Sterben.

Geschichte über Liebe, Würde und Grenzen

Zwischen Zärtlichkeit, Zweifel und existenziellen Fragen entfaltet sich eine Geschichte über Liebe, Würde und die Grenzen menschlicher Autonomie. Der Film lädt dazu ein, innezuhalten und sich mit einer Frage auseinanderzusetzen, die ebenso persönlich wie gesellschaftlich ist: Wann wird der Wunsch nach einem gemeinsamen Tod zum Ausdruck tiefster Verbundenheit – und wann zur tragischen Grenzüberschreitung?

Im Zentrum steht Claudia, eine Frau um die siebzig, die einst mit Leidenschaft tanzte und nun mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert ist. Ihr Körper, früher Ausdruck von Freiheit und Lebensfreude, wird zunehmend zur Begrenzung. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner Flavio, mit dem sie über vier Jahrzehnte eine enge Beziehung verbindet, greift sie einen alten Plan wieder auf: den Wunsch, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden. Ihre Tochter Violeta gerät dabei in einen inneren Konflikt zwischen Verständnis und Widerstand – und beginnt, ihre eigene Haltung zu Leben, Liebe und Abschied zu hinterfragen.

Verdichtungen von Emotionen

Eine besondere ästhetische Dimension erhält der Film durch seine aussergewöhnliche Verbindung von Erzählkino und musikalisch-choreografischen Elementen. Tanz- und Gesangseinlagen durchziehen die Handlung und sind weit mehr als blosses Stilmittel: Sie wirken wie Verdichtungen von Emotionen, wie Ausdruck dessen, was sich sprachlich kaum fassen lässt.

Die Choreografien des Spaniers Marcos Morau, der in der Vergangenheit unter anderem am Ballett Zürich tätig war, sind eindrücklich inszeniert und präzise gestaltet. Sie fügen sich erstaunlich organisch in den Erzählfluss ein. Sie unterbrechen die Handlung nicht, sondern tragen sie weiter, verleihen ihr eine zusätzliche, poetische Ebene.

«Selbstbestimmt gemeinsam in den Tod?»

Vor diesem Hintergrund fand in Zürich ein besonderes Film- und Gesprächsformat statt. Gemeinsam mit der Paulus Akademie wurde zum Kinostart Ende April ein LunchKino Special unter dem Titel «Selbstbestimmt gemeinsam in den Tod?» organisiert.

Die Veranstaltung verband die emotionale Kraft des Films mit einer reflektierten Auseinandersetzung aus theologischer, medizinischer und gesellschaftlicher Perspektive. Unter der Moderation von Sebastian Muders, dem Fachbereichsleiter für Umwelt- und Gesundheitsethik an der Paulus Akademie, diskutierten die Theologin, Psychologin und Künstlerin Anja Niederhauser sowie Dr. Marc Keller von der School of Medicine der Universität St. Gallen mit dem Publikum.

Politische Brisanz

Das Thema erhält im Kanton Zürich derzeit zusätzliche politische Brisanz: Bereits heute ist assistierter Suizid in vielen öffentlichen Alters- und Pflegeheimen erlaubt. Zugleich wird im Kantonsrat aktuell darüber beraten, diese Regelung auszuweiten und künftig auch Spitäler sowie weitere Einrichtungen zur Zulassung von Sterbehilfe zu verpflichten.

Ein entsprechender Gegenvorschlag hat Anfang 2026 eine politische Mehrheit gefunden, die konkrete Umsetzung steht jedoch noch aus. Damit rückt die Frage nach Selbstbestimmung am Lebensende nicht nur in den persönlichen, sondern zunehmend auch in den gesundheitspolitischen Fokus.

Im Gespräch zeigte sich rasch, wie vielschichtig die im Film dargestellte Entscheidung ist. Besonders im Fokus stand Flavios Entschluss, seine Partnerin in den Tod zu begleiten. Marc Keller betonte, dass solche Entscheidungen oft von Ambivalenzen geprägt seien. Einerseits könne man den Wunsch nachvollziehen, angesichts von Leid und drohendem Verlust Kontrolle zu behalten. Andererseits gebe es Hinweise auf innere Verpflichtungen und Unsicherheiten, die den Entscheid weniger eindeutig erscheinen lassen.

Mut zu gehen und zu bleiben

Auch Anja Niederhauser hob die Ambivalenz hervor und sprach von der spürbaren Angst im Film – nicht nur vor dem Sterben, sondern ebenso vor dem Weiterleben. Diese Spannung zog sich durch die Diskussion und wurde auch vom Publikum aufgegriffen. Eine Teilnehmerin formulierte es treffend: Es brauche Mut, zu gehen – aber ebenso Mut, zu bleiben. In der Arbeit mit Trauernden zeige sich immer wieder, wie existenziell der Verlust eines nahestehenden Menschen sei und wie sehr er das eigene Leben erschüttere.

Deutlich wurde zudem, dass Entscheidungen über das Lebensende nie losgelöst von Beziehungen getroffen werden. Zwar wurde die individuelle Autonomie betont, gleichzeitig aber auch relativiert: Der Mensch ist kein isoliertes Wesen, sondern eingebettet in soziale und familiäre Zusammenhänge. Entscheidungen gewinnen an Tiefe, wenn sie im Austausch mit anderen reflektiert werden – nicht als Einschränkung, sondern als Erweiterung der eigenen Perspektive.

Vertiefte Sensibilität

Kontrovers diskutiert wurde die Rolle der Familie im Film. Während die Paarbeziehung klar im Zentrum steht, bleiben Kinder und Enkel eher am Rand – ein Umstand, der Fragen aufwirft. Können solche Bindungen Halt geben und Sinn stiften? Oder dürfen sie eine Entscheidung über das eigene Lebensende nicht beeinflussen? Die Diskussion liess diese Fragen bewusst offen.

Auch die rechtliche Situation in der Schweiz wurde thematisiert: Der assistierte Suizid bewegt sich hier in einem Spannungsfeld, da es kein umfassendes Gesetz gibt, sondern vor allem das Strafrecht und standesethische Richtlinien massgeblich sind. Dies schafft Spielräume, aber auch Unsicherheiten.

So blieb am Ende weniger eine klare Antwort als vielmehr eine vertiefte Sensibilität für ein Thema, das keine einfachen Lösungen kennt. «Polvo Será – mit seiner eindrücklichen Verbindung aus Erzählung, Tanz und Musik – und das anschliessende Gespräch eröffneten einen Raum, in dem Zweifel, Widersprüche und persönliche Erfahrungen nebeneinanderstehen dürfen. Gerade darin liegt ihre Stärke: in der Einladung, sich einer der schwierigsten Fragen des Lebens gemeinsam anzunähern.


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