Liturgiewissenschaft als Zukunftsforschung

Vor einem Jahr wurde Lisa Kühn als neue Professorin für Liturgiewissenschaft an die Theologische Hochschule Chur berufen. Jetzt hat sie sich in ihrer Antrittsvorlesung einem grösseren Publikum vorgestellt. Die junge Theologin verbindet wissenschaftliche Neugier mit pastoraler Leidenschaft. Dabei setzt sie bewusst auf Hoffnungsperspektiven.

Sabine Zgraggen

Die Aula war gut gefüllt: Mit ihrer Antrittsvorlesung hat Lisa Kühn jüngst in Chur über die Hochschule hinaus Interesse geweckt. Die 39-jährige Professorin wirkt offen, wach. Und sie bringt eine Haltung mit, die in kirchlichen Debatten nicht mehr selbstverständlich ist: «Natürlich stimmen die Defizitnarrative», sagt sie, «aber mich interessiert auch: Wo sind Aufbrüche? Wo sind Möglichkeiten für Zukunftsträchtiges gegeben?»

«Gesunde Verwurzelung»

Kühn ist keine, die geradlinig in die Wissenschaft gegangen ist. Ihr Weg führte über die Religionspädagogik zur Theologie, mit einem klaren Bezug zur Praxis. «Mein Herz schlägt auch für die pastorale Arbeit», sagt sie. Gleichzeitig habe sie sich «den Luxus» geleistet, zusätzlich zur Arbeit im kirchlichen Dienst wissenschaftlich weiterzugehen – Promotion, Habilitationsprojekt, Stationen in Erfurt, Berlin, Tübingen.

Aufgewachsen im Sauerland – «sehr bodenständig katholisch», wie sie sagt –, hat Kühn Kirche als selbstverständlichen Teil des Lebens erlebt, ohne Druck, aber mit vielen positiven Erfahrungen, etwa an einem katholischen Gymnasium, das von Ordensschwestern geleitet wird. Diese «gute, gesunde Verwurzelung» trägt sie bis heute.

«Ein guter Anfang»

Die Schweiz war für sie zunächst Neuland. Erst im Rahmen der Probevorlesungen kam sie hierher. Heute spricht sie mit Begeisterung von Bergen, Natur und Skifahren – und bleibt zugleich realistisch: «In acht Monaten kann man noch nicht sagen, man ist richtig angekommen.» Was man spürt: ihre Offenheit und Neugier.

In ihrer Lehre setzt Kühn auf eine Liturgiewissenschaft, die genau hinschaut. «Was rezipieren wir eigentlich von den liturgischen Entwicklungen?», fragt sie. Ihr Zugang ist bewusst empirisch: Nicht nur auf offizielle Vorgaben schauen, sondern auf gelebte Praxis. Besonders interessieren sie die liturgischen Rollen von Nicht-Ordinierten. «So viele Menschen leiten längst Liturgien – Frauen und Männer, Haupt- und Ehrenamtliche.»

Auch die Veränderungen im Teilnahmeverhalten deutet sie nicht vorschnell als Abbruch. «Es lohnt sich, genauer hinzuschauen: Warum feiern manche nicht mehr mit? Was entsteht stattdessen?», fragt sie. Liturgie könne sich von diesen Realitäten «neu anfragen lassen» – und dabei ein vertieftes Verständnis von Partizipation gewinnen.

Der Abend ihrer Antrittsvorlesung hat sie in dieser Haltung bestärkt. «Es war eine runde Sache», resümiert sie. Viele Gespräche seien angestossen worden, «Freude an der Diskussion» habe sich gezeigt, «das ist ein Anfang.»

Liturgiewissenschaftlicher «Vierklang»

Was erwartet Studierende bei ihr? Kühn formuliert es klar: «Mein Ziel ist, dass sich zukünftige Seelsorgende im liturgischen Handeln als kompetent erleben.» Bildung versteht sie umfassend: «theologisch fundiert, praktisch erprobt, kreativ gestaltet und sensibel für die Anliegen der Menschen», lautet der Vierklang. Die bestehenden normativen «Leitplanken» der Liturgie seien dabei wichtig – «aber ich möchte sie nicht enger machen, als sie sind».


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