Die Ökumene erlebt offenbar eine Renaissance – zumindest auf dem Papier. Denn die Charta Oecumenica ist und bleibt die massgebliche Selbstverpflichtung der Kirchen Europas, mehr Einheit zu suchen und zu leben. Zum 25-jährigen Jubiläum wurde sie nun aktualisiert. Die evangelische Theologin Lea Schlenker, selbst Teilnehmende des Revisionsprozesses, berichtete jüngst am Ökumenischen Institut der Universität Luzern von Entwicklungen und Visionen.
Wolfgang Holz
«Braucht es tatsächlich schon wieder einen neuen Text zur Ökumene oder hätte die Ökumene nicht viel mehr neue Begegnungen und Ideen zur Wiederbelebung nötig?» Mit dieser fast philosophischen Frage startete die evangelische Theologin Lea Schlenker ihren Vortrag am Donnerstag im Hörsaal der Universität Luzern vor knapp 30 Zuhörerinnen und Zuhörern. Deren Altersdurchschnitt lag bei deutlich 50 plus.
Mit ihrem jugendlichen Elan konnte die 33-jährige Referentin das Publikum sofort für sich gewinnen. Ihr Bekenntnis, sie sei durch und durch «Ökumenikerin» – weil sie schon von früh auf als evangelisches Kind im katholischen Kindergarten aufgewachsen sei – brachte ihr Sympathien ein und weckte die Neugier für das Jubiläum besagter Charta Oecumenica.
Denn die Charta Oecumenica, die erstmals 2001 von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) in Strassburg unterzeichnet wurde, ist die Grundlage für die ökumenischen Zusammenarbeit.
«Sie gibt einen Rahmen vor, auf den man sich in der ökumenischen Zusammenarbeit berufen kann.»
Als Absichtserklärung ohne lehramtlichen Charakter gilt sie als eines der wichtigsten gemeinsamen Dokumente der christlichen Kirchen in Europa. «Sie gibt einen Rahmen vor, auf den man sich in der ökumenischen Zusammenarbeit berufen kann», erklärt Lea Schenker, die im Auftrag der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) den Prozess der Neufassung selbst mitgestaltet hat. «Die Charta ist auch gut als Orientierung für konkrete Aktionen auf lokaler und regionaler Ebene und auf Leitungsebene für Begründungen.»
Die aktuelle Version wurde im November 2025 in Rom verabschiedet. Die Charta formuliert nicht nur Selbstverpflichtungen der Kirchen in Bezug auf die Beziehungen untereinander sowie gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, sondern auch hinsichtlich ihrer Mission in der Gesellschaft und der Welt.
Doch warum braucht es jetzt nach 25 Jahren überhaupt schon eine Neufassung der Charta Oecumenica? «Die Probleme, mit denen die Kirchen heute kämpfen, sind zum Teil andere als früher», führt die evangelische Theologin aus. «Dazu kommen politische Verunsicherungen, Kriege wie der der Krieg Russlands gegen die Ukraine und wirtschaftliche Krisen», sagt die gebürtige Ulmerin, die auch islamische Theologie studiert hat. Ausserdem habe man aktuelle Themen wie Migration, Frieden, neue Technologien, Digitalisierung. Auch möchte die Neufassung die Bedürfnisse der Jugend stärker berücksichtigen.
Dieses Anliegen sei insbesondere von der Schweizer Bischofskonferenz im Rahmen der Vernehmlassung der Neufassung der Charta Oecumenica betont worden. Der Konsultationsprozess der Neufassung der Charta habe gezeigt, wie Ökumene in Europa spontan und kreativ funktionieren könne, schwärmte Schlenker. Es habe sehr viele Rückmeldungen ggeben: Mehr als 70 Teilnehmende hätten für die Textrevision der Charta Oecumenica per E-Mail 450 Seiten Text eingereicht. Es sei sogar vorgekommen, etwa in Schottland, dass sich als Reaktion auf die neue Charta Oecumenica spontan neue ökumenische Gruppen gebildet hätten.
Die neue Charta Oecumenica reagiert auf die neuen kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen mit dem Aufruf an die Kirchen, die ökumenische Gemeinschaft vor Ort zu stärken und sich gleichzeitig aktiv am öffentlichen Diskurs zu beteiligen, um eine Brücke zwischen Glauben, Wissenschaft und sozialer Verantwortung zu schlagen.
Dazu gehört auch das Eingeständnis von kirchlichem Fehlverhalten. Stichwort: Missbrauch. Bemerkenswert erscheint in der Charta etwa die deutliche Aufforderung, «liturgische, katechetische und homiletische Texte zu überprüfen», aber auch das Eingeständnis, eines «Mangels an Glaubwürdigkeit aufgrund persönlicher und struktureller Sünden in den Kirchen.» Auch die Emanzipation der Frauen in den Kirchen ist in der neuen Fassung fest verankert.
Das säkulare Europa erscheint weniger als feindliches Gegenüber, sondern als natürliches Umfeld, in dem Kirchen ihren Ort finden müssen. Die Charta sieht die Kirchen in gemeinsamer Verantwortung, aktiv Widerstand gegen Polarisierung, Instrumentalisierung des Christentums, Anti-Semitismus und Anti-Islamismus zu leisten. Dagegen sollen Gastfreundschaft und Schutz für Menschen in Not die Haltung der Kirchen in Europa bestimmen.
Doch Papier ist geduldig. Ob es die Wirklichkeit verändern kann, steht nicht fest. Das wurde bei der anschliessenden Diskussion nach dem Vortrag Schlenkers deutlich.
Adrian Suter, christkatholischer Pfarrer und Mitarbeiter am Ökumenischen Institut in Luzern, startete seine Schlussmoderation mit einer schon fast furchteinflössenden Bemerkung: «Ökumene ist Knochenarbeit», sagte er. Eine Bemerkung, die von den Wortmeldungen des Publikums gestützt wurde. Denn die Tatsache, dass die Kirchen in Europa schrumpfen und dass finanzielle Mittel fehlen gefährdet ökumenische Projekte. Mit der Konsequenz, dass sich die einzelnen Kirchen wieder in ihre eigenen Schneckenhäuser zurückziehen.
Auf die Frage, aus dem Publikum, wann es denn wohl endlich ökumenische Eucharistiefeiern gebe, die in den unzähligen Selbstverpflichtungen der neuen Charta auch fest verankert sind, konnte Lea Schlenker keine konkrete Antwort geben.
Selbst in der ökumenisch gut organisierten Schweiz liegt der letzte Versuch einer gemeinsamen ökumenischen Eucharistiefeier schon über zehn Jahr zurück. 2013 sollte in Dübendorf im Kanton Zürich eine solche Feier über die Bühne gehen. Das Bistum Chur sagte damals «Njet». Die eingeladenen katholischen Priester durften nur als Gäste, nicht aber als Konzelebranten agieren. Und der orthodoxe Priester fehlte gleich ganz.
«Es gibt keine Alternative zur Ökumene für die Kirchen in Europa.»
Aus diesem Grund und wegen anderen offenen theologischen Fragen scheint die Zukunft der Ökumene, die ihre Blüte im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts erlebte, unsicherer denn je. Professorin Nicola Ottiger, Leiterin des Ökumenischen Instituts der Theologischen Fakultät der Universität Luzern, liess in ihrer Schlussansprache allerdings keine Zweifel daran, «dass es keine Alternative zur Ökumene für die Kirchen in Europa» gebe. «Die Einheit der Kirchen ist eine zentrale Forderung von Jesus Christus.» Ihre Worte ins Ohr der Kirchenoffiziellen.
Ganz am Schluss ergriff eine Seniorin das Mikrofon und machte sich für enge Beziehungen zwischen den Kirchen stark. An der Ökumene sei unbedingt festzuhalten. Grund: Sie als Evangelische heiratete vor 63 Jahren ihren katholischen Gatten in Zürich. Dabei musste das Paar grosse Hindernisse überwinden. Das Publikum beklatschte das anwesende Ehepaar spontan.
*Lea Schlenker (geb. 1992) in Ulm, ist seit Juli 2025 Assistentin an der Universität Bern. Sie studierte evangelische Theologie Tübingen, Basel und Dunedin (Neuseeland) sowie Islamische Theologie im europäischen Kontext (M.A.) in Tübingen und Istanbul. In ihrem Dissertationsprojekt an der Universität Tübingen erforschte sie alltagstheologische Verständnisse von Essen in islamischen und christlichen Traditionen. Aktuell ist sie Quaestora der Societas Ethica und wirkt im Redaktionsteam des Predigt-Podcasts Stückwerk mit.
**Bei der AGCK in der Schweiz kann man die neue Charta Oecumenica herunterladen – auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Rumantsch.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant