«Ich spürte eine tiefe Wärme»: Alina Jung lässt sich in Einsiedeln auf den Namen Maria Hildegard taufen

Seit 32 Jahren heisst sie Alina Jung. Seit kurzem hat die junge Frau zwei weitere Vornamen – genauer einen Taufnamen. Bei Spaziergängen mit ihrer Hündin rund ums Kloster Einsiedeln wuchs der Wunsch, sich taufen zu lassen. Den Anstoss, sich mit dem Glauben zu befassen, bekam sie jedoch von ihrem Bruder.

Barbara Ludwig

In der vergangenen Osternachtfeier war die Klosterkirche Einsiedeln voll von Menschen und voller Licht. Es war das Licht der auf dem Klosterplatz entzündeten Osterkerze, das die Menschen auf viele Kerzlein verteilt in die zunächst dunkle Kirche trugen. In dieser Osternacht wurden – wie zur Zeit der Antike – drei Frauen getauft, darunter Alina Jung (32). Die Taufe spendete Abt Urban Federer persönlich.

«Ich spürte eine tiefe Wärme und eine grosse Verbundenheit mit all diesen Menschen, die denselben Glauben teilen», erzählt die junge Frau rund zwei Wochen später am Telefon mit kath.ch. Durch den Akt der Taufe gehöre man endlich auch offiziell zur Kirche, ein Grund zur Freude. Das Entzünden der Osterkerze, der Übergang von der Dunkelheit ins Licht, das Spiel der beiden grossen Orgeln in der prächtigen Klosterkirche, all das sei sehr schön und beeindruckend gewesen, sagt Alina Jung.

Die junge Frau stammt aus Karlsruhe in Deutschland und lebt seit zehn Jahren in der Region, zunächst in Einsiedeln, seit 2020 in Unteriberg. Ihre Eltern und ihr Bruder verfolgten die Feier per Livestream. Ein paar Freundinnen und Freunde und natürlich ihre Taufpatin feierten in der Kirche mit.

Eine Familie von Ungetauften

Aufgewachsen ist Alina Jung in einer Familie, in der der christliche Glaube keine grosse Rolle spielte. Ihre Eltern, deren Vorfahren der evangelisch-lutherischen Kirche angehörten, sind nicht getauft; der Vater stammt aus der früheren, sozialistisch geprägten DDR. Alina und ihren Bruder wollten ihre Eltern nicht taufen lassen – die Kinder sollten dereinst selbst darüber entscheiden können.

Reste einer christlichen Prägung waren aber präsent. «An Ostern und Weihnachten besuchten wir den Gottesdienst. Im Advent gab es einen Adventskranz zuhause. Und zu Weihnachten dekorierte meine Mutter liebevoll die Krippe. Es war klar: An Weihnachten wird das Christkind geboren», erzählt Alina Jung. Obschon ungetauft, habe sie immer auch mit Interesse am Religionsunterricht teilgenommen, der in ihrer Heimat ökumenisch organisiert war.

Im Alter von 22 Jahren wanderte Alina Jung in die Schweiz aus – nach Einsiedeln, ins Dorf mit dem Kloster. Sie fand Arbeit in einem Gastbetrieb unweit der bekannten Marienwallfahrtsstätte und wohnte auch gleich um die Ecke.

Das Kloster ist omnipräsent

«Am Ursprung des Wunsches, mich taufen zu lassen, stehen mehrere Erfahrungen», erzählt Alina Jung. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte die Abtei. «Das Kloster ist sehr präsent. Ich habe eine Hündin. Mit ihr bin ich jeden Tag spazieren gegangen vor dem Kloster. Es ist so prachtvoll. Man spürt, dass es etwas Heiliges ist.»

Arbeite man in Einsiedeln im Service, werde man zudem auch immer wieder von Touristen angesprochen, die Fragen zum Kloster stellen. Besonders beeindruckt war Alina Jung vom ersten Weihnachtsgottesdienst, den sie in der Klosterkirche mitfeierte. «Weihnachten in Einsiedeln, das ist etwas ganz Spezielles. Die besondere Atmosphäre und das gemeinsame Singen der weihnachtlichen Lieder haben mich dort sehr berührt.» 

«Als mein Bruder zum Glauben kam, habe ich mir auch eine Bibel gekauft.»

Entscheidend für das erwachte Interesse an der Religion war aber noch etwas Anderes, nämlich, «dass mein Bruder zum katholischen Glauben gekommen ist», sagt Alina Jung. «Ich habe mir dann auch eine Bibel gekauft. Ich wollte mich mit ihm unterhalten und wissen, was ihn dazu bewegt hat, an Gott zu glauben.»

In dieser Zeit begann Alina Jung, christliche Podcasts anzuhören, um sich noch stärker mit Fragen des Glaubens auseinanderzusetzen. Johannes Hartl, römisch-katholischer Theologe und Gründer des ökumenischen Gebetshauses Augsburg, zum Beispiel ist einer, dem sie gerne zuhört, weil er einem manche Themen «mit viel Tiefe» näherbringen könne.

Der Glaube zeigt sich ihr als etwas, das auch in der Not trägt. Als sie vor einiger Zeit eine schwere Krankheit bekam, habe sie aus dem Glauben «ganz viel Kraft schöpfen können», sagt Alina Jung. «Es war sehr hart. Aber der Glaube an Gott hat mir Halt gegeben, und er ist auch stärker geworden.» Unterdessen ist sie auf dem Weg der Heilung.

Knapp zwei Jahre Vorbereitung auf die Taufe

Seit Ostern ist Alina Jung getauft – und auch gefirmt – und hat so ihren Bruder auf dem Glaubensweg überholt. Er brauche noch etwas Zeit, bevor er sich taufen lasse, sagt sie. Sie selbst hat das Katechumenat, also die Vorbereitung auf die Taufe, Ende August 2024 begonnen. «Manche machen das Katechumenat in einem Jahr. Ich habe knapp zwei Jahre gebraucht. Das lag daran, dass ich einige Themen vertiefen wollte. Die Taufe in der Osternacht hat sich nun für mich ganz stimmig angefühlt», sagt Alina Jung.

Sie hat den Weg des Christwerdens vor Ort besuchen können, da das Kloster Einsiedeln seit April 2022 ein regionales Katechumenat für Interessierte aus der Innerschweiz anbietet. Zu Beginn sei man eine kleine Gruppe von drei bis vier Personen gewesen, später seien mehr junge Leute hinzugekommen, es seien nun zwischen 15 und 20 Personen, berichtet Alina Jung. «Ich finde es sehr schön, wenn man Austausch mit Menschen aus verschiedenen Altersgruppen hat.»

«Hildegard von Bingen imponiert mir sehr.»

Doch warum hat sich Alina Jung für die römisch-katholische Kirche entschieden und nicht etwa für die evangelisch-reformierte Kirche oder eine andere Konfession? «Ich habe eine starke Beziehung zu Maria, auch zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln. Gerne gebe ich meine Fürbitten an Maria. Das ist bei den Reformierten nicht möglich», erklärt sie. Und fügt dann hinzu: Sie habe sich für den Taufnamen Maria Hildegard entschieden – Maria steht für die Gottesmutter, Hildegard für die Mystikerin und Gelehrte Hildegard von Bingen (1098-1179). «Hildegard von Bingen hat sich mit Heilkunde beschäftigt, Musik komponiert. Sie war eine Frau, die ihrer Zeit voraus war. Das imponiert mir sehr.»

Wunsch nach Austausch über Glaubensfragen

Seit der Taufe ist Alina Jung strenggenommen kein Katechumene mehr, doch sie will das Programm noch beenden, das heisst bis Ende Juni an den Treffen der Gruppe in Einsiedeln teilnehmen. Ihr grosser Wunsch ist, künftig weiterhin mit anderen Menschen Austausch über Glaubensfragen zu pflegen. «Wir überlegen derzeit, ob wir uns nach dem Abschluss des offiziellen Programms gemeinsam zum Bibellesen treffen wollen», sagt sie.

Eine Alternative wäre die lokale Glaubensgruppe, die es in Unteriberg gebe. Dort, in ihrer Wohngemeinde, will Alina Jung auch die Gottesdienste besuchen und am Rosenkranzgebet teilnehmen.

«Mein Vorbild ist momentan meine Taufpatin.»

Gibt es einen Christen, eine Christin, dem oder der sie nacheifern möchte? «Mein Vorbild ist momentan meine Taufpatin», sagt Alina Jung. Eine zirka 40-jährige Frau, mit Mann und Kind. Die Taufpatin sei schon wesentlich länger auf dem Glaubensweg unterwegs als sie. «Mir imponiert, mit wie viel Stolz und Natürlichkeit sie und ihre Familie den Glauben leben. Zum Beispiel vor dem Essen beten oder Nächstenliebe zeigen.»

Von der Frau bekam Alina Jung «wunderschöne christliche Geschenke» zur Taufe: eine selbst gebastelte Karte, einen Rosenkranz und ein Weihwassergefäss zum Aufhängen in der Wohnung – Dinge, die sie auf ihrem weiteren Glaubensweg begleiten werden.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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