Herrscherinnen und Mägde, Äbtissinnen und Mütter, Rebellinnen und Heilige: Die Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen zeigt ab Dienstag die Vielfalt mittelalterlicher Frauenleben. Anlass dazu ist der 1100. Todestag der heiligen Klausnerin Wiborada.
(rp) Die historisch fassbare Wiborada, geboren Ende des 9. Jahrhunderts, wählte für sich den Lebensweg der Inklusin oder Klausnerin. Sie gab Ratsuchenden hilfreiche Auskünfte und warnte den Abt des Klosters St. Gallen vor dem drohenden Überfall von Kriegern aus dem Osten. Dieser brachte den Konvent und die Bibliothek in Sicherheit, die Mönche und die Bücher überlebten. Wiborada hingegen wurde in ihrer Zelle totgeschlagen – im Jahr 926, vor 1100 Jahren.
Ausgehend von Wiborada fragten die Kuratorinnen Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr: Welche Lebenswege gab es für Frauen im Mittelalter? Sie stellten dafür verschiedene Lebensformen und -wege zusammen, heisst es in der Mitteilung des Stiftsbibliothek St. Gallen.
Die Ausstellung gliedert sich nach diesen Formen und ergänzt die Klausnerinnen um Nonnen, Mächtige, Dienerinnen, Produzentinnen, Mütter und Widerständige. Dabei seien nicht alle Lebenswelten dargestellt, sagen die Kuratorinnen.
Obwohl das Kloster St. Gallen ein Männerkonvent war, bietet der historische Bestand der heutigen Stiftsbibliothek zahlreiche Anknüpfungspunkte für Frauengeschichte. Einzelne Handschriften sind früheste Zeugnisse von weiblicher Schreibtätigkeit überhaupt.
Dazu gehören zwei Briefe von Frauen um das Jahr 400, die in einer Sammlung von Bischofsbriefen wohl per Zufall überliefert wurden. Die beiden frühen Christinnen schildern darin ihre Alltagssorgen und ihren Umgang mit der damals neuen Religion.
Heute kaum mehr bekannt ist die Abtei Chelles, heute im Grossraum Paris gelegen. In diesem Frauenkloster befand sich eines der am weitesten entwickelten Skriptorien (Schreibstuben) der Karolingerzeit im 8. und 9. Jahrhundert.
Zwei Handschriften in der Stiftsbibliothek zeugen davon. «Sowohl die Frauenbriefe als auch die Manuskripte aus Chelles gehören zu den absolut einzigartigen Handschriften des frühen Mittelalters», sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora laut Mitteilung.
Während die Briefschreiberinnen und viele schreibende Nonnen namenlos bleiben, können aus späteren Zeiten zahlreiche Frauenbiografien aus der Region St. Gallen gut nachgezeichnet werden.
Da ist etwa Regula Keller, die als Konventualin im Kloster St. Katharina lebte und sich zwischen den 1520er- und 1550er-Jahren über drei Jahrzehnte lang der Reformation widersetzte. Oder Anna Bösch, die St. Galler Hebamme, die in derselben Zeit lebte und viele Bürgerhäuser in der Stadt von innen kannte – inklusive der Dramen, die sich darin abspielten.
Oder da wären Barbara und Magdalena Dieth, Schwiegermutter und Schwiegertochter, die im 18. Jahrhundert nach dem Tod ihrer Ehemänner den Familienbetrieb, eine Druckerei, weiterführten. Von ihnen, aber auch von der aus Byzanz stammenden Kaiserin Theophanu und von der adligen Stifterin Gundis erzählt die Sommerausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Neben den in der Ausstellung präsentierten Handschriften enthält er zusätzlich eine Einführung von Henrike Lähnemann, Professorin für Medieval German Literature and Linguistics an der Universität Oxford und Co-Autorin des beliebten Sachbuchs «Unerhörte Frauen. Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter», und einen Essay von Franziska Schnoor zu Gyburc, einer der Hauptfiguren im Epos «Willehalm» Wolframs von Eschenbach, bekannt unter anderem für ihre «Toleranzrede».
Ausstellungseröffnung: Dienstag, 21. April 2025, 18.15 Uhr, Pfalzkeller. Mit Stiftsbibliothekar Dr. Cornel Dora, Theologin Hildegard Aepli, den Kuratorinnen Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/frauen-im-mittelalter-stiftsbibliothek-zeigt-weibliche-lebenswelten/