Wael Darwish leitet das Nahost-Programm von Caritas Schweiz. In Beirut erlebt er die humanitäre Krise hautnah. Wegen der israelischen Luftangriffe haben 1,2 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen müssen. Darwish sagt, so schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen. Trotz allem versuchen er und sein Team, den Menschen in Not zu helfen.
Lucienne Bittar (cath.ch)
«Meine Tochter ist noch sehr jung. Zum Glück weiss sie nicht, dass die Explosionen, die wir hören, von Bomben stammen», sagt Wael Darwish in einem Gespräch mit cath.ch, das am 2. April stattfand – also noch vor dem israelischen Grossangriff vom Mittwoch auf Ziele im Libanon. Das Land ist in den Iran-Krieg involviert.
«Nun beginnt der 32. Tag dieses neuen Krieges», berichtet Darwish. «Während 32 Tagen wurden wir durch Israel bombardiert. Seit 30 Tagen wird die Bevölkerung aus den Dörfern im Süden des Landes vertrieben», stellt der Direktor Naher Osten bei Caritas Schweiz fest. Er selbst habe dabei noch Glück. «Ich lebe in Beirut und habe noch ein Dach über dem Kopf, auch wenn es gestern Bombenangriffe in der Straße direkt unter mir gab.»
Infolge der Evakuierungsbefehle der israelischen Armee und ihrer Kriegshandlungen wurden das Gouvernorat Südlibanon, ein Teil der Bekaa-Ebene im Südosten sowie die südlichen Vororte von Beirut von ihren Bewohnern geräumt. Nur noch 150’000 Menschen sollen dort nach Uno-Angaben leben, entweder freiwillig oder weil sie sich nicht fortbewegen können, da Strassen und Brücken zerstört wurden.
Die von der libanesischen Regierung vorgelegten Zahlen sind erschütternd: Innerhalb eines Monats waren 1,2 Millionen Libanesen, also 20 Prozent der Bevölkerung des Landes, gezwungen, ihre Häuser und ihr Land zu verlassen und weiter nördlich, insbesondere in Beirut, Zuflucht zu suchen. Eine traurige Wiederholung, noch schlimmer als die Massenflucht im Herbst 2024, die auf die Wiederaufnahme des Krieges zwischen Israel und dem Libanon folgte.
Ein grosser Teil der damals Vertriebenen war nach der Ankündigung des Waffenstillstands im November 2024 in ihre Heimat zurückgekehrt, trotz der Risiken, die durch die ständigen Verstösse gegen die Abkommen drohten. Heute sind viele dieser Familien zum zweiten oder dritten Mal auf der Flucht. Einige sind in dieselben Schulen zurückgekehrt, in denen sie 2024 Zuflucht gefunden hatten.
Die Libanesen, die ein Dach über dem Kopf haben, versuchen, die Vertriebenen in Zelten, Häusern oder Wohnblocks unterzubringen. «Wo ich wohne, sind 120 Menschen untergebracht. Alle Wohnhäuser sind überfüllt, aber es können nicht alle untergebracht werden», berichtet Wael Darwish. «In Beirut befinden sich noch immer 130’000 Menschen in den von der Regierung zur Verfügung gestellten Notunterkünften, meist in Schulen.»
Gemeinsam mit ihren Partnern organisiert Caritas Schweiz die Verteilung von Hilfsgütern des täglichen Bedarfs: Wasser, warme Mahlzeiten, Lebensmittelpakete, Matratzen, Decken und Medikamente. «Die Menschen sind innerhalb einer Woche in Scharen angekommen, ohne Hab und Gut. Wir haben diese Nothilfe bereits in den ersten 24 Stunden gestartet. Das war besonders schwierig, da wir mitten im Ramadan waren. Ausserdem war es kalt. Und es regnet immer noch oft.»
Unter den Vertriebenen befinden sich ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Die kleinen Kliniken, die von Caritas Libanon oder anderen Organisationen betrieben werden, sind voll mit Menschen, die um Hilfe bitten. «Wir verteilen an sie auch Hygiene-Sets, Würde-Sets», sagt Wael Darwish.
Was die 380’000 vertriebenen Kinder angeht, so finden sie kaum Platz in Schulen, die bereits überfüllt oder für die Unterbringung von Vertriebenen beschlagnahmt wurden. Die Regierung versucht, ihnen Online-Unterricht anzubieten, doch das sei schwierig, räumt Wael Darwish ein. «Es sind Kinder: Was sie wollen, ist, mit anderen Kindern wieder zur Schule zu gehen.»
Der Libanese leitet das Nahost-Programm von Caritas Schweiz seit sechs Jahren. Noch nie habe er eine so schwere Krise erlebt wie jene, die der Libanon heute durchmacht. «Ich habe das Erdbeben in Syrien, die Wirtschaftskrise im Libanon und den Krieg von 2024 miterlebt. Aber heute ist die Lage noch schwieriger, da die humanitäre Hilfe eine Finanzkrise durchlebt. Angesichts all der Kriege und Katastrophen weltweit ist der Bedarf überall enorm, und wir finden trotz der Grosszügigkeit der Bevölkerung kein Geld mehr.»
Berichte der UN-Organisationen bestätigen dieses düstere Bild. Am 27. März dieses Jahres schlug Karolina Lindholm Billing, Repräsentantin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) im Libanon, von Genf aus Alarm.
«Die Gefahr einer humanitären Katastrophe im Libanon ist real», erklärte sie, und es müsse Soforthilfe für den Libanon organisiert werden. Wenige Tage zuvor hatte die Uno den Bedarf des Landes für drei Monate auf 308 Millionen Dollar geschätzt, von denen seitdem 94 Millionen eingegangen sind.
Diese Unterstützung gehe über die unmittelbare Notlage hinaus, erklärte Karolina Billing. Es geht darum, die Systeme der sozialen Sicherheit zu stärken, die die libanesische Regierung zu reformieren versucht. «Ohne diese Massnahmen werden die Risiken für Kinder, Frauen und schutzbedürftige Gruppen zunehmen und die Notlage wird Spannungen hervorrufen», warnt sie.
«Wir sind alle überfordert.»
Eine Realität, die Wael Darwish beunruhigt. Nach einem Besuch im Libanon Ende März 2026 erklärte Tom Fletcher, der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, dass der Libanon in den nächsten zwei Jahren zu den fünf schwerstbetroffenen Krisenregionen weltweit zählen werde.
Für den Vertreter von Caritas Schweiz im Nahen Osten muss alles getan werden, um diese Katastrophe zu verhindern, und dafür müssten logistische und finanzielle Ressourcen gefunden werden. «Mehr als eine Million Vertriebene, so schnell… das ist gewaltig. Wir sind alle überfordert», sagt Wael Darwish.
Sein Team arbeitet an zwei Fronten: Nothilfe und psychologische Betreuung. «Wir versuchen, Massnahmen zu ergreifen, um sofort Leben zu retten, und wir versuchen zu sehen, was wir in Zukunft tun können», erklärt er. «Wir werden noch genug Zeit haben, wütend und traurig zu sein, wenn der Krieg vorbei ist…»
Denn die Vertriebenen werden nirgendwohin zurückkehren können, beklagt er. Viele werden ihr Zuhause nicht wiederfinden, auch in Beirut nicht. «Die Zerstörungen sind immens.» Diese Familien bräuchten wirtschaftliche Unterstützung, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Und psychologische Unterstützung, um mit der Situation fertig zu werden.
«Die Libanesen sind körperlich und seelisch erschöpft», sagt Wael Darwish. «Viele leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. In den Fernsehnachrichten sieht man nur die Bomben. Die Menschen vergessen die Menschen vor Ort, die darunter leiden.»
«Jeder hat Verwandte oder Freunde, die vertrieben wurden.»
Jeder und jede im Libanon sei direkt oder indirekt betroffen, erzählt Wael Darwish. Auch Angehörige ihres Personals oder ihrer Partnerorganisationen. «Jeder hat Verwandte oder Freunde, die vertrieben wurden. Ich selbst komme aus Kaakaiet la Jiser, einem Dorf im Süden, auf das die Bomben niedergehen. Meine Familie befindet sich in Notunterkünften in Beirut. Und diejenigen, mit denen wir im Süden zusammenarbeiten, mussten selbst fliehen. Sie befinden sich heute in öffentlichen Notunterkünften oder in den Büros der Caritas und leisten weiterhin Unterstützung für die Vertriebenen.»
Doch aufgeben kommt für das Caritas-Team nicht in Frage. Wael Darwish sieht seine Arbeit als Pflicht. Er hat Kriege erlebt. Er wurde während eines Kriegs geboren, war 2006 selbst auf der Flucht und hat Angehörige verloren. Diese Erfahrung, sagt er, ermögliche es ihm, zu verstehen, was seine Mitmenschen heute durchmachen, und die Hilfe weiterzugeben, die er selbst in der Vergangenheit erhalten hat.
(Übersetzt aus dem Französischen und adaptiert von bal)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant