Glauben und Herrschen – die evangelikalen Kirchen und Donald Trump

Evangelikal-pfingstlerische Gemeinden haben sich in vielen Ländern politischen Einfluss verschafft. Eine Veranstaltung des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog warf ein Schlaglicht auf dieses Phänomen. Zu reden gab insbesondere die Rolle dieser Christen bei der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten. Die eschatologisch-apokalyptischen Bilder, mit denen sie politische Ereignisse deuten, sind aus einer europäischen Perspektive befremdlich.

Francesco Papagni

Es ist kein Geheimnis, dass ein bedeutender Teil der Wählerschaft von US-Präsident Trump im evangelikal-pfingstlerischen Milieu beheimatet ist. Ein Vortrag am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog ZIID beleuchtete jüngst diesen Zusammenhang.

Andreas Heuser, Professor für Aussereuropäisches Christentum an der Universität Basel, forscht zu den Pfingstkirchen und unterteilt ihre Beziehung zu Donald Trump in drei Phasen. Schon bei der ersten Wahl konnte sich der Präsident der Unterstützung einer Mehrheit von ihnen sicher sein. Zwar erkannten diese, dass der Immobilientycoon keiner der Ihren war, aber sie setzten darauf, dass er ihre Agenda vorantreiben würde. Und das tat er auch, indem er etwa Konservative in das Oberste Gericht wählen liess. Der Supreme Court ist in den USA politisch sehr wichtig, denn für viele politische Fragen ist dieses Gremium die letzte Entscheidungsinstanz.

In Anlehnung an den persischen Grosskönig Kyros, der im Alten Testament den Israeliten die Rückkehr in ihr Land gestattete und sie beim Aufbau des Zweiten Tempels unterstützte, sahen viele evangelikalen Christen Trump zunächst als einen Kyros: ein hilfreicher Ungläubiger.

Hiob und Messias

Eine neue Phase in der Beziehung zwischen Politik und den evangelikalen Kirchen wurde in den USA durch den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 eröffnet. Trump-Anhänger besetzten gewaltsam den Kongress in Washington. Sie waren überzeugt, dass ihr Mann die Wahl gewonnen habe. Donald Trump hatte die Menge aufgehetzt.

In dieser Zeit sahen die Evangelikalen Trump als Hiob-Figur, als Gerechter, der unschuldig leiden muss. Die Demokraten hatten ihm den Wahlsieg gestohlen, behaupteten sie.

Die dritte Phase kam mit dem erneuten Wahlkampf, im Zuge dessen Trump während einer Veranstaltung angeschossen wurde. Unmittelbar darauf, am 18. Juli 2024, hielt er eine Rede, in der er dieses Ereignis deutete: «Ich stehe heute vor Euch nur dank der Gnade des Allmächtigen.» Jetzt wurde der wiedergewählte Präsident als Messiasfigur verstanden: der von Gott Gesalbte, gesandt, um Amerika zu retten.

Kampf um kulturelle Hegemonie

Lange vor Donald Trump hat in den USA eine Politisierung des evangelikal-pfingstlerischen Milieus stattgefunden, indem Konzepte zur politischen Einflussnahme, ja zur Machtübernahme entwickelt wurden. Nach der Deutungshoheit in der Kultur und den Medien sollte am Schluss die politische Herrschaft erobert werden.

Die Wahl Donald Trumps scheint das Konzept auf den Kopf gestellt zu haben: Mit der politischen Macht wird jetzt ein Kulturkampf ausgelöst, im Zuge dessen Universitäten und Kulturinstitutionen auf Kurs gebracht werden sollen. Allerdings lässt sich die Heftigkeit dieser Bestrebungen nur verstehen, wenn die Situation vor der Trump-Ära in den Blick genommen wird, wo in Bildung und Kultur ebenfalls extreme Positionen existierten, einfach solche der anderen Seite.

Zudem darf man nicht verkennen, wie hetereogen die Trump-Basis ist: weisse Rassisten stehen neben Latinos und Afroamerikanern, Evangelikale neben Wirtschaftsliberalen, Tech-Milliardäre neben Arbeitern, Israel-Unterstützer neben Antisemiten. Ob diese Koalition hält, wird sich noch zeigen müssen.

Transnationale Netzwerke

Heuser untersucht Pfingstkirchen auch in Westafrika und in anderen Weltteilen. Diese sind zu sogenannten Megachurces angewachsen: Gebilde mit zehntausenden von Anhängerinnen und Anhängern. Am Anfang steht eine charismatische Gründerfigur, die eine Dynamik auslöst, welche zu starkem Wachstum führt. Die Gründer sind medial versiert, wissen die Social Media für sich einzusetzen und werden in den jeweiligen Ländern zu einflussreichen Figuren. Auch Politiker suchen nun ihre Nähe.

Diese Megachurces vernetzen sich über Kontinente hinweg. So gibt es Trump-Anhänger auch in Westafrika, obwohl der amerikanische Präsident 2018 afrikanische Staaten «shithole states», Dreckslöcher genannt hatte. Die evangelikalen Freikirchen sind auch ein Wirtschaftsfaktor, denn sie sammeln Spenden und gründen Unternehmen. So gehen Religion und Geschäft zusammen.

Unterschiedliche Stimmen

Und doch sieht Andreas Heuser diese Gemeinschaften nicht nur negativ: In seinen Forschungen traf er auf Marktfrauen, die moralische und materielle Unterstützung durch ihre Kirchen erfahren. Was er nicht erwähnte: Innerhalb der US-Evangelikalen gibt es mittlerweile eine Kontroverse, ob diese Verschränkung von Christentum und Parteipolitik den ursprünglichen Intentionen des Evangelikalismus nicht schade. Diese kritischen Stimmen sind heute noch minoritär. Je nachdem wie sich die Regierungspolitik auswirkt, könnte diese interne Debatte aber an Fahrt gewinnen.

Der Vizepräsident J.D. Vance

Während Trump nach eigener Aussage nie ein Buch liest, ist sein Vize J.D. Vance, der zum Katholizismus konvertierte, Teil eines liberalismuskritischen intellektuellen Milieus. In einer Rede am 31. Oktober 2021 sagte der Vizepräsident: «Das Problem der amerikanischen Politik besteht darin, dass wir die Wirtschaft vom Gemeinwohl getrennt haben und dass wir das Gemeinwohl von unseren moralischen und religiösen Traditionen getrennt haben.» Der Begriff Gemeinwohl verweist auf eine bestimmte, ursprünglich von Aristoteles und Thomas von Aquin herkommende Denkschule, die namentlich im Katholizismus bis heute gepflegt wird. So spielt der Begriff in der katholischen Soziallehre eine zentrale Rolle. Nun diagnostiziert Vance eine Trennung der Sphären Wirtschaft-Moral-Religion. Die Trennung soll rückgängig gemacht werden. Die Frage, was das konkret heisst, bleibt jedoch offen.

Wieso diese Verschärfung?

Die USA sehen sich traditionell als «nation under God», auch als eine Nation mit einer besonderen zivilisatorischen Mission. Der Sieg über das militaristische Japan und Nazideutschland 1945 hat diese Überzeugung verstärkt, die Rolle der USA im kalten Krieg noch einmal. Die Formel ist Teil des Fahneneides, die Wendung «one nation under God» wurde aber erst 1954 eingefügt. Die von einem westeuropäischen Standpunkt irritierende religiöse Sprache in der amerikanischen Politik ist also keine Erfindung der Gegenwart.

Die ersten englischen Kolonisten in Nordamerika waren sogenannte Dissenters – Protestanten, die die anglikanische Staatskirche ablehnten. In Amerika wollten sie ein Neues Zion gründen. Der christliche Nationalismus, der die Trump-Basis charakterisiert, hat hier seinen Ursprung. Auch die eschatologischen und apokalyptischen Töne sind nicht neu. Die Frage stellt sich aber, wieso diese Traditionslinien in der amerikanischen Politik gerade heute so virulent geworden sind. Das wäre ein lohnendes Thema für eine weitere Veranstaltung.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/glauben-und-herrschen-die-evangelikalen-kirchen-und-donald-trump/