Über 50 Gruppen haben sich im deutschsprachigen Raum auf den Weg der «Grossen Exerzitien im Alltag» gemacht. Was am 16. November in der Kathedrale in St. Gallen begann, zieht weite Kreise.
Sabine Zgraggen
Sechs Monate lang, von Mitte November bis Pfingsten, lassen sich die Teilnehmenden auf geistliche Übungen ein. Täglich meditieren sie einen biblischen Text, einmal im Monat treffen sich lokale Gruppen zum Austausch.
Grundlage des ökumenischen Projekts der Grossen Exerzitien ist das Begleitbuch «Gott einen Ort sichern», das biblische Impulse mit Texten der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl verbindet. Katholikinnen, Reformierte und Freikirchliche gehen diesen Weg gemeinsam – ökumenisch, alltagstauglich und verbindlich.
Am Auftakt des Projekts in der Kathedrale St. Gallen nahmen rund 350 Menschen teil. Eine der Gruppen trifft sich seither auch in der Pfarrei St. Felix und Regula in Thalwil. Dass sich dort gleich 31 Personen angemeldet haben, überraschte das Seelsorgeteam.
«Man nimmt die Menschen und auch die Natur anders wahr! Selbst ein grauer Tag kann plötzlich zum Anlass werden, über das Licht Gottes in der Welt neu nachzudenken.»
Zu denjenigen die den geistlichen Weg daheim mitgehen, gehört auch Sylvia Pfeiffer. Die ehemalige Balletttänzerin engagiert sich heute ehrenamtlich in der Pfarrei. «Eine Frau aus der Kirchenpflege hat mich darauf aufmerksam gemacht», erzählt sie. «Ich dachte zuerst: Exerzitien – was ist das überhaupt?»
Neugierig nahm sie das Begleitbuch mit. Schon der erste Vers aus dem Buch der Sprichwörter habe sie «richtig umgehauen», sagt sie rückblickend. Seither begleitet sie der tägliche geistliche Impuls durch den Alltag: «Es bewegt einen so sehr, dass man darüber sprechen möchte», sagt Pfeiffer. Sie lädt dann Freundinnen oder mal den Diakon zu sich nach Hause ein.
«Man nimmt die Menschen und auch die Natur anders wahr! Selbst ein grauer Tag kann plötzlich zum Anlass werden, über das Licht Gottes in der Welt neu nachzudenken», sinniert sie.
Im Exerzitien Buch hält sie auch gleich mit Bleistift ihre Erfahrungen fest. Unter dem Datum des 1. März vermerkt sie: «Meine Empfindungen werden hell und unbeschwert, wenn ich die Finsternis verarbeite. Die Offenheit, darüber zu sprechen, zeigt mir: Mit Hilfe Jesu kann es gelingen – wenn man im Innersten dazu bereit ist. Voller Dankbarkeit möchte ich diesen wunderbaren Weg weitergehen.»
«Ich laufe durch die Strassen, es fallen mir Kleinigkeiten auf, die ich sonst nicht wahrgenommen habe. Es ist alles in einer Art achtsamer Dialog».
Für viele Teilnehmende liegt genau darin die Kraft der Exerzitien: im behutsamen Zusammenspiel von Bibel, persönlicher Erfahrung und Alltag. Pfeiffer bestätigt: «Ich laufe durch die Strassen, es fallen mir Kleinigkeiten auf, die ich sonst nicht wahrgenommen habe. Es ist alles in einer Art achtsamer Dialog».
Initiantin Hildegard Aepli beobachtet ein wachsendes Interesse: «Diese Exerzitien boomen, weil sie Herz, Glauben und Gemeinschaft verbinden.» Gleichzeitig fordern sie auch etwas ein: Zeit, Aufmerksamkeit und Verbindlichkeit.
Sylvia Pfeiffer spürt, dass dieser Weg etwas in Bewegung bringt. In einem späteren Eintrag schreibt sie: «Den Boden meiner religiösen Herkunft kennen – und diese Geschichte mit meinem Wesen und meinem Leben weiter-schreiben: Dazu ermutigt Jesus durch sein Beispiel. Meine Religion hat mir im Leben nur Glück gebracht, ohne dass ich daran festklammern musste. Meine Grosseltern und meine Eltern haben mir diesen Weg weitergegeben. Ich versuche nun, ihn überall zu leben.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/grosse-exerzitien-im-alltag-finden-auch-in-der-schweiz-viele-anhaenger/