Die Ausstellung von Reliquien des heiligen Franziskus in Assisi hat Diskussionen ausgelöst. Auch kritische Stimmen haben sich zu Wort gemeldet. Der Franziskaner Bruder Paul Zahner sieht darin keine Sensationsschau, sondern die Möglichkeit, eine Begegnung mit dem Geist des Heiligen zu erleben.
Sabine Zgraggen*
Die derzeitige Ausstellung von Reliquien des heiligen Franziskus in Assisi hat in kirchlichen Kreisen unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Während manche Beobachter darin eine problematische Zurschaustellung sehen, betont der Franziskaner Bruder Paul Zahner, Guardian aus dem Kloster Näfels, eine andere Perspektive: «Entscheidend ist die geistliche Ausrichtung der Besuchenden», sagt er.
Zahner verweist auf Gespräche mit Ordensbrüdern in Assisi. Der dortige Kustos habe von Anfang an darauf geachtet, dass die Präsentation nicht zu einer blossen Schau wird: «Das Geistliche soll im Zentrum stehen», sagt Zahner. Ziel ist es, dass Menschen in der Begegnung mit den Reliquien auch dem Menschen Franziskus näherkommen können.
Nicht alle Besucherinnen und Besucher würden mit derselben inneren Haltung kommen: «Viele kommen aus Neugier, andere aus tiefer Ehrfurcht», sagt Zahner. Das gehöre seit Jahrhunderten zur religiösen Praxis an grossen Wallfahrtsorten.
Auch in der Basilika San Francesco erlebe man häufig, dass manche Menschen zunächst vor allem Kunstwerke wahrnehmen oder Selfies machen. «Doch gute Führungen und geistliche Impulse können helfen, den tieferen Sinn zu erschliessen», zeigt er sich überzeugt.
Historisch seien die Gebeine des Heiligen zunächst bewusst verborgen worden, um einen Reliquienraub zu verhindern. Über seinem Grab wurde die Eucharistie gefeiert – eine bis heute zentrale Form der Verehrung. «Eigentlich ist das die ursprüngliche und wichtigste Weise, einen Heiligen zu ehren: dass die Gemeinschaft sich zur Eucharistie über seinem Grab versammelt», erklärt Zahner.
Erst im 19. Jahrhundert wurde das Grab wieder zugänglich gemacht. Die heutige Krypta ermöglicht Besucherinnen und Besuchern, in der Stille zu verweilen und zu beten. Diese Form der Begegnung empfindet Zahner persönlich als besonders wertvoll.
Dennoch sieht er in der aktuellen Ausstellung eine Chance. «Für viele Menschen kann es ein Moment sein, den Geist von Franziskus aufzunehmen, wenn sie für einen Augenblick bei seinen Überresten stehen dürfen», sagt er. Gerade im Jubiläumsjahr könne dies Menschen neu ansprechen. Dies habe nichts mit einer Konkurrenz zum neuen Heiligen Carlo Acutis zu tun, der nun auch in Assisi im Glassarg liegt. Im Gegenteil, «selbst die Knochen des Heiligen Franziskus kommen ärmlich, zutiefst menschlich und vergänglich daher», gibt Zahner zu bedenken.
Für ihn selbst bleibe entscheidend, dass der Geist des Heiligen nicht an einen Ort gebunden ist. «Der Geist von Franziskus soll in unserem eigenen Leben gegenwärtig sein», sagt Zahner. Assisi könne dabei inspirieren – doch letztlich gehe es darum, die Haltung des armen Bruders im eigenen Alltag zu leben.
*Sabine Zgraggen ist Dienststellenleiterin der Spital- und Klinikseelsorge der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und Mitglied des Leitungsgremiums Dienststelle Spital- und Klinikseelsorge Zürich Stadt. Zudem ist sie seit 2020 Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner, einer Laienorganisation.
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