Ein Schweizer feiert Gottesdienste in Brasilien mit: «Experimente gibts keine»

Wer oft auf Reisen oder als Tourist im Ausland unterwegs ist, erlebt auch, wie in anderen Ländern katholische Gottesdienste gefeiert werden. Stefan Kümin (69), Katholik aus dem Kanton St. Gallen, hält sich aufgrund seiner familiären Situation einmal pro Jahr einen Monat lang in Brasilien auf. Dort besucht er sonntags die Eucharistiefeier. Wie er das erlebt, erzählt er im Gespräch mit kath.ch.

Wolfgang Holz

Samba. Karneval in Rio. Fussball. Oder neuerdings Skifahrer Lucas Pinheiro Braathen. Wer an Brasilien denkt, assoziiert meist sofort überschäumende, spontane Lebensfreude, sinnliche Tänze, laute Musik. Die Frage ist, ob sich solche brasilianischen Eigenschaften auch in katholischen Gottesdiensten niederschlagen. Ein persönlicher Augenschein.

Spricht fliessend Portugiesisch

Stefan Kümin aus Rapperswil hält sich aufgrund seiner familiären Konstellation einmal pro Jahr in Brasilien auf. «Meist bin ich im Januar oder Februar dort und besuche dann die Stadt Pindamonhangaba, eine Stadt mit rund 200’000 Einwohnern im Bundesstaat Sao Paolo», schildert der pensionierte Landschaftsgärtner.

Pindamonhangaba befinde sich in einem Seitental parallel zur Küste. «Im Januar ist dort Regenzeit, und es kann schon ziemlich warm werden», erzählt der 69-Jährige, der fliessend Portugiesisch spricht und die Sprache gut versteht.

Kirche Nossa Senhora Bom Sucesso

An Sonntagen geht der Rapperswiler in dieser Zeit dann auch in die heilige Messe. Und zwar in die Hauptkirche im Stadtzentrum von Pindamonhangaba. «Die Kirche Nossa Senhora Bom Sucesso (»Unsere Liebe Frau vom Guten Erfolg») ist ein Marienheiligtum», beschreibt Kümin die prachtvolle Atmosphäre in der Kirche. Es gebe sonntags vier Gottesdienste – um 8, 10, 12 und 16 Uhr. An Werktagen jeweils um 12 Uhr. Die Messen am Sonntag, die er besucht habe, seien regelmässig voll gewesen: «Etwa 300 Gläubige finden sich dann in der Kirche ein.»

Feierlicher Einzug

Die Gottesdienste würden klar nach römisch-katholischem Ritus ablaufen, berichtet der Rapperswiler Katholik. «Experimente gibt es keine», versichert er. Dafür seien die Gottesdienste sehr feierlich. «Das beginnt mit der Zeremonie des Einzugs, an der sämtliche Beteiligten des Gottesdiensts mit von der Partei sind.» Will heissen: Vorneweg schreiten meist Ministrantinnen, dann kommen Kommunionhelfende – «oftmals Frauen» – dann Lektoren, und am Schluss der Priester.

Die Musik belebe die Eucharistiefeiern sehr stark – wobei keine Orgelmusik erklinge, sondern vor allem laute Klänge von E-Gitarren und von Schlagzeug. «An die Lautstärke muss man sich erst gewöhnen», räumt Kümin ein. Gesungen würden mangels Gesangbücher einige, wenige populäre Lieder während des Gottesdiensts. Lieder, die eben alle kennen, «die aber vor allem in den vorderen Kirchenbänken lautstark mitgesungen werden». Die Masse der Gläubigen verhalte sich eher passiv und leise.

20 Minuten Predigt

Bei der Predigt würden sich die Priester, unter denen auch noch 40-Jährige zu erspähen seien, Zeit lassen. «Eine Predigt dauert im Schnitt so um die 20 Minuten und beginnt meist zunächst mit der Bibelauslegung des Evangeliums», sagt der Schweizer Katholik.

Dann folgten katechetische Unterweisungen. Und am Schluss würde jedes Mal darauf hingewiesen, wie wichtig die Bibelworte für den Alltag der Gläubigen sei. «Kein Priester liest dabei vom Manuskript ab, sondern alle tragen ihre Predigt frei vor – was aufgrund der Länge der Predigt allerdings oft auch gegen Ende hin einige Wiederholungen zeitigt.»

Wandlung ist der Höhepunkt

Der Höhepunkt der Messen in der Kirche Nossa Senhora Bom Sucesso sei eindeutig das Ritual der Wandlung. «Dies ist in jeder Eucharistiefeier klar zu spüren», sagt Kümin. Wobei dann später nicht alle zur Kommunion gehen würden.

Insgesamt betrachtet herrschen im brasilianischen Gottesdienst in «Nossa Senhora» also eher die leisten und ruhigen Töne vor – abgesehen von der lauten E-Gitarren-Musik. Von überschäumender, spontaner Spiritualität und Gottesfreude sei eher wenig zu spüren, so Kümin. Im Grunde werden die Messen also irgendwie ähnlich gefeiert wie in der Schweiz.

Familiäre Atmosphäre

Allerdings beeindruckt Stefan Kümin zum einen sehr die familiäre Atmosphäre in den brasilianischen Gottesdiensten. «Es gehen eben auch noch viele junge Leute in die Kirche.» Zum anderen habe eine volle Kirche doch deutlich mehr Ausstrahlung: «Das trägt einen schon mehr.»

Nicht zu vergessen jene spezielle Form der Nächstenliebe: Gläubige legen Lebensmitteln in einen Korb, der vor der Kirchentüre steht. «Die werden dann nach dem Gottesdienst an die Armen verteilt.»


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