Paul Martone: «Falls Bischofsweihen durchgeführt werden, könnte es erneut zu Spaltung in Piusbruderschaft kommen»

Jüngst gab es ein Spitzen-Treffen zwischen Piusbruderschaft und dem Vatikan. Rom bot den Traditionalisten einen neuen Dialog an, falls sie auf Bischofsweihen verzichten. Als Antwort hat es ein klares Nein gegeben. Was sagt der Walliser Domherr und Bistumssprecher Paul Martone im Gespräch mit kath.ch zu dem Entscheid – und zu Gottesdiensten im tridentinischen Ritus?

Wolfgang Holz

Herr Martone, was sagen Sie zum «Njet» der Piusbruder, nicht auf die geplanten, vom Vatikan geahndeten Bischofsweihen im Juli zu verzichten?

Paul Martone: Das Nein der Piusbruderschaft zum Dialog erstaunt mich im Grund genommen nicht. In meinem Interview im «Walliser Bote» habe ich ja neulich schon angedeutet, dass ich nicht an eine Einigung glaube. Ich bedaure, dass ich Recht bekommen habe, denn ich habe wirklich gehofft, dass man einen gangbaren Weg findet, der beide «Seiten» zusammenführt.

Wie geht es jetzt weiter?

Martone: Ich könnte mir vorstellen, dass es, falls die Bischofsweihen wirklich durchgeführt werden, noch einmal zu einer Spaltung innerhalb der Piusbruderschaft kommt, wie es bereits 1988 der Fall gewesen ist, als sich nach den Bischofsweihen durch Erzbischof Lefebvre ein Teil der Piusbruderschaft abgespaltet hat, weil sie den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche nicht mitvollziehen wollte und heute als Petrusbruderschaft in Einheit mit der Kirche weiterexistiert. Aber das ist jetzt natürlich reine Spekulation.

«Ich bin froh um jeden, der bereit ist, sich in den Dienst der Kirche zu stellen.»

In Berichten über die Piusbrüder ist immer wieder zu lesen, dass diese über einen grossen Nachwuchs in Sachen Priester verfügen. Warum wollen offensichtlich mehr junge Männer lieber Priester bei den Piusbrüdern werden als in der römisch-katholischen Kirche?

Martone: Diese Frage ist für mich schwer zu beantworten, denn ich kann nicht in die Herzen dieser jungen Männer schauen. Ich möchte auch nicht darüber spekulieren und dadurch vielleicht diesen jungen Männern, die sicher guten Willens sind und Christus dienen wollen, Unrecht tun. Ich bin froh um jeden, der bereit ist, sich in den Dienst der Kirche zu stellen. Das ist heute bekanntlich nicht einfach und daher tut es mir leid, dass diese Männer ihre Berufung nicht in der römisch-katholischen Kirche leben wollen oder können.

«Es geht dem Bistum Sitten darum zu zeigen, dass es bei Ecône nicht einfach nur um die lateinische Messe geht.»

In Ihrem jüngsten Interview erwähnten Sie, dass es einmal im Monat im Unterwallis einen Gottesdienst nach tridentinischem Ritus gibt. Ist dies quasi ein präventives Angebot des Bistums Sitten, um nicht noch mehr Gläubige an die Piusbrüder zu verlieren?

Martone: Die monatlichen Messen im ausserordentlichen Ritus, die ich in der Pfarrkirche von Saint-Pierre-de-Clages feiere, bestehen schon seit vielen Jahren. Es geht dem Bistum Sitten darum zu zeigen, dass es bei Ecône nicht einfach nur um die lateinische Messe geht, sondern um theologische, dogmatische und ekklesiologische Fragen. Es geht letztlich um die Annahme der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, von denen bekanntlich einige dogmatische Konstitutionen sind, die jeder Katholik grundsätzlich verpflichtet ist anzunehmen.

Warum haben denn die Piusbrüder aus Ihrer Sicht damit so ein Problem?

Martone: Der Generalobere der Piusbruderschaft, Pater Davide Pagliarani, hat in seinem Brief vom 18. Februar an den Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Victor Manuel Fernandez, geschrieben: «Wir beide wissen im Voraus, dass wir uns auf lehrmässiger Ebene nicht einigen können, insbesondere bezüglich der grundlegenden Orientierungen, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagen wurden».

Daher kann ich mir schwer vorstellen, dass es zu einer Versöhnung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Piusbruderschaft kommen wird. Würde es «bloss» um die Feier der Messe gehen, hätte man da schon lange eine Lösung gefunden, besonders nachdem Papst Benedikt XVI. in seinem motu properio «Summorum Pontificum» im Jahr 2007 die Feier der tridentinischen Liturgie offiziell wieder zugelassen hat.

Und warum bietet dann das Bistum Sitten diese Messen nach dem tridentinischen Ritus an?

Martone: Das Bistum Sitten hat schon damals sowohl im Ober- als auch im Unterwallis Orte geschaffen, an denen die Möglichkeit bestand, die Messe in der ausserordentlichen Form zu besuchen. Bischof Norbert Brunner hat dies damals ermöglicht aus der pastoralen Sorge heraus, den Menschen, die diese Form der Messe schätzen, eine Möglichkeit zu bieten, diese innerhalb der römisch-katholischen Kirche zu besuchen.

Sein Nachfolger, Bischof Jean-Marie Lovey, hat dies bestätigt. Ich möchte, aber nicht sagen, dass dies «quasi ein präventives Angebot des Bistums Sitten, um nicht noch mehr Gläubige an die Piusbrüder zu verlieren».

«Es ging vielmehr darum zu zeigen, dass es neben dem ordentlichen Ritus auch einen ausserordentlichen gibt, also zwei Formen desselben Ritus.»

Warum nicht?

Martone: Es ging vielmehr darum, wie das ja auch Papst Benedikt vorgeschwebt war, zu zeigen, dass es neben dem ordentlichen Ritus auch einen ausserordentlichen gibt, also zwei Formen desselben Ritus’. Es zeigt die Vielfalt, die es in unserer Kirche gibt. Es geht eigentlich um genau das, was der Obere der Piusbruderschaft in seinem Schreiben, mit dem er den Dialog mit Rom ablehnt, geschrieben hat: Jenes Gute für die Seelen tun zu können, denen sie die heiligen Sakramente spenden und die Seelen nicht im Stich zu lassen.

«Klar ist, dass in beiden Formen Jesus Christus real gegenwärtig ist, dass die Messe also gültig ist.»

Sie leiten persönlich auch solche Gottesdienste nach tridentinischem Ritus. Wie ist das eigentlich für Sie? Was empfinden Sie dabei persönlich im Vergleich zu «normalen» Gottesdiensten?

Martone: Ich denke, man kann beide Riten nicht miteinander vergleichen. Klar ist, dass in beiden Formen Jesus Christus real gegenwärtig ist, dass die Messe also gültig ist.

Ich habe mein Theologiestudium in Chur, Rom und Freiburg nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht und wurde 1988 auch im neuen Ritus geweiht. Als mich Bischof Norbert Brunner 2007 beauftragt hat, im Oberwallis die Messe in der ausserordentlichen Form zu feiern, musste ich diese zuerst erlernen.

Welche sind denn aus Ihrer Sicht die zentralen Unterschiede zwischen diesen beiden Formen?

Martone: Der grosse Unterschied zwischen beiden Formen ist natürlich nicht nur die lateinische Sprache, sondern, dass im ausserordentlichen Ritus der Priester alleine am Altar steht, und die Menschen, die zur Messe kommen, in den Bänken ihre Gebete sprechen.

«Wenn gesagt wird, die Leute würden nicht verstehen, was dort gelesen und vollzogen wird, da alles auf Latein ist, ist dies eine falsche Vorstellung.»

Dadurch entsteht nicht dieselbe Gemeinschaft zwischen Priester und «Volk», sondern der Priester trägt die Bitten, die Sorgen und Nöte und auch die Dankbarkeit des «Volkes» vor Gott. Wenn gesagt wird, die Leute würden nicht verstehen, was dort gelesen und vollzogen wird, da alles auf Latein ist, ist dies eine falsche Vorstellung, denn die meisten haben ein Messbuch bei sich, in dem alle Texte in ihrer jeweiligen Muttersprache abgedruckt sind, sodass sie dem Geschehen folgen können.

Welche Art von Gläubigen besucht denn diese Messen? Sind das nur ältere Menschen?

Martone: Ich stelle fest, dass es bei der Messe in Saint-Pierre-de-Clages viele junge Menschen hat und viele Familien mit kleinen Kindern. Als Priester, der im tridentinischen Ritus am Altar steht, bin ich ganz auf Gott hin ausgerichtet, der im Tabernakel vor mir gegenwärtig ist. Der ordentliche Ritus betont, und das zu Recht, dass Gott auch in der feiernden Gemeinde gegenwärtig ist, das heisst, wenn ich mich dieser Gemeinde zuwende, sehe ich in ihr auch Jesus Christus.

Ich fühle mich in beiden Riten wohl, denn sowohl in der ordentlichen, als auch in der ausserordentlichen Form geht es um dasselbe: um einen Gottesdienst. Das heisst, die Menschen feiern und dienen Gott, aber auch umgekehrt. Gott dient den Menschen. Er gibt sich ihnen in der Feier des Todes und der Auferstehung Christi ganz hin. Ich finde es daher gut, dass die Kirche uns beide Formen der Messe ermöglicht, die die Quelle und der Höhepunkt des christlichen Lebens ist.

«Gerade deshalb bin ich froh, dass ich neben der täglichen Messe im ordentlichen Ritus, weiterhin auch die Messe im ausserordentlichen Ritus feiern kann – übrigens bald auch im Oberwallis.»

Sie bekunden damit unterm Strich also auch ein gewisses Verständnis für die Piusbruderschaft…

Martone: …ich bedauere ausserordentlich, dass die Piusbruderschaft meint, sie müsste, um ihren Fortbestand zu gewährleisten, neue Bischöfe weihen. Bei aller Sympathie und allem Verständnis, die ich in gewissen Punkten für die Piusbruderschaft habe, kann das kein Weg sein, um die Botschaft Christi den Menschen von heute, nahezubringen.

Gerade deshalb bin ich froh, dass ich neben der täglichen Messe im ordentlichen Ritus, weiterhin auch die Messe im ausserordentlichen Ritus in Saint-Pierre-de-Clages – und übrigens bald auch im Oberwallis – feiern kann, um den suchenden Menschen wenigstens eine kleine Heimat zu bieten, in der sie sich aufgenommen fühlen.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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