Liturgie-Expertin: «Viele empfinden Fürbitten als eintönig oder lieblos schnell hingekritzelt»

Haben Sie Fürbitten im Sonntagsgottesdienst auch schon als unpersönlich empfunden? Wie Fürbitten idealerweise aussehen könnten und wie wichtig Fürbitten in der Liturgie sind, erklärt Ann-Katrin Gässlein im Interview mit kath.ch. Dabei sind durchaus kreative Fürbitten-Formen denkbar – auf Augenhöhe mit den Gläubigen.

Wolfgang Holz

Frau Gässlein, man hat bei Fürbitten in Sonntagsgottesdiensten manchmal das Gefühl, dass Themen sich wiederholen: Kriege, Gedenken an Verstorbene, etc. Diese Themen sind natürlich wichtig, aber zum Beispiel wird der Toten ja in der Liturgie explizit im Hochgebet gedacht. Wäre mehr Variation wünschenswert?

Ann-Katrin Gässlein*: Variation braucht es auf jeden Fall, damit Gottesdienste lebendig sind. Nun sind die Fürbitten aber nicht ganz «frei» in der Gestaltung, sondern sollen gewissen Vorgaben folgen. Zu diesen gehört, in erster Linie für die anderen zu bitten – für die Welt. Für diejenigen, die nicht in der Gemeinschaft der Kirche sind. Für die Verantwortungsträger und vor allem für die Notleidenden. Auch das Gebet für die Kirche selbst gehört dazu. Das sind aber übergeordnete Kategorien, die je nach Situation und Tagesform anders gefüllt oder interpretiert werden können.

«Die Fürbitten sind eigentlich das «Allgemeine Gebet der Gläubigen».

Was sind die liturgietheologischen Grundlagen der Fürbitten?

Gässlein: Die Fürbitten sind eigentlich das «Allgemeine Gebet der Gläubigen». Im Unterschied zu einem Gebet mit Reflexion über die eigenen Nöte, Schuld und Bedürfnisse – wie sie in der Stille, aber auch im Vaterunser oder im Ave Maria ihren Platz haben – übt hier die Gemeinde ihr priesterliches Amt aus. Sie tritt vor Gott ein für die noch unerlöste Welt, die sie ja täglich erlebt. Sie erinnert Gott angesichts der noch unvollendeten Welt im Modus der Bitte und der Klage an seine Verheissung des Reiches Gottes.

«Wichtig ist auch, dass die Fürbitten nicht zu lange sind.»

Wie sollte die Gestaltung der Fürbitten demnach aussehen?

Gässlein: Der sprachliche Modus ist Klage und Bitte. Es darf durchaus zum Ausdruck kommen, dass die Welt nicht so ist, wie Gott sie verheissen hat. Die offenere und günstigere Sprachform ist «Wir bitten für…» – gefolgt von einer Vision, statt einer Forderung wie «Gott, gib und mach…». Die Vision der Bitte soll dem an zahlreichen Orten der Bibel skizzierten Reich Gottes entsprechen. Wichtig ist auch, dass die Fürbitten nicht zu lange sind.

«Beispiel Ukraine-Krieg: Eine passende Fürbitte könnte sein, für die Menschen in der Ukraine zu bitten, dass sie Mut und Zuversicht nicht verlieren.»

Könnten Sie zwei, drei gut formulierte Fürbitten als Beispiele aufzeigen?

Gässlein: Denken wir an den Krieg in der Ukraine, der schon lange währt. Es mag frustrierend wirken, immer wieder um ein Ende des Krieges zu bitten, und nichts ändert sich. Trotzdem ist das Leben gerade jetzt im Winter für die frierenden Menschen bei Minusgraden aussergewöhnlich belastend. Eine passende Fürbitte könnte sein, für die Menschen in der Ukraine zu bitten, dass sie Mut und Zuversicht nicht verlieren und unter den schwierigen Bedingungen weiterhin Kraft finden, die Not ihrer Mitmenschen zu lindern.

Was sind Fürbitten in der Wahrnehmung der Gläubigen?

Gässlein: Viele empfinden die Fürbitten als langweilig, eintönig, sprachlich aus dem letzten Jahrhundert oder lieblos schnell hingekritzelt – und überhaupt nicht persönlich. Diese Wahrnehmung ist leider nicht ganz falsch. Es braucht einmal liturgische Bildung, um den besonderen Wert und Auftrag des «Allgemeinen Gebets» aufzuzeigen.

«Oft gibt es aber kaum kritische Selbstreflexion, weil man schnell sagt: «Fürbitten schreiben kann doch jeder!»

Die Kunst wäre, neben der liturgisch vorgegebenen Form der Fürbitten auch Raum für das stille Gebet zu lassen, in dem sich das persönliche Zwiegespräch mit Gott ausdrückt. Dann braucht es aber auch Liturgieverantwortliche, die das Thema ernst nehmen. Oft gibt es aber kaum kritische Selbstreflexion, weil man schnell sagt: «Fürbitten schreiben kann doch jeder!»

Warum entstehen Probleme wie «Fehlformen» bzw. Frust über die Fürbitten?

Gässlein: Es kann mitunter sehr stören, wenn Fürbitten als moralische Appelle daherkommen («Gib, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen…»), als Versuche der Bewusstseinsbildung («Lass uns erkennen…»), als Belehrung oder Selbstreflexion. Dann ist das Allgemeine Gebet als komplexer Akt gedacht. Es braucht eine authentische Rollenverteilung zwischen Gemeinde, Priester und Sprechenden.

«Wenn aber diese rituellen Elemente nicht beachtet werden, geschieht nur routinisierte Textverlesung.»

Eigentlich sollte der Diakon die Fürbitten vortragen, weil er theologisch für die Notleidenden der Gemeinde eintritt. In der Realität übernehmen Lektoren und Lektorinnen diese Aufgabe, oder der Priester sogar alleine. Wenn aber diese rituellen Elemente nicht beachtet werden, geschieht nur routinemässige Textverlesung. Ähnlich verhält es sich mit dem Antwortruf: Es muss überhaupt nicht immer «Wir bitten dich…» geleiert werden. Einzelne Sequenzen aus der eben gehörten biblischen Lesung sind genauso möglich wie ein innig gesungener Kyrie-Ruf.

Wäre es denn beispielsweise auch denkbar, dass Gläubige aus der Gemeinde Fürbitten per E- Mail unter der Woche in der Pfarrei einreichen, unter denen dann die Seelsorgenden für den Sonntag zwei, drei auswählen? Das könnte doch dafür sorgen, dass tatsächlich auch Anliegen der Gläubigen angesprochen werden. Sozusagen auf Augenhöhe.

Gässlein: Das wäre auf jeden Fall wünschenswert! An vielen Orten gibt es – je nach Frequentierung des Kirchenraums – schon «Fürbittkästen». Sie sollten regelmässig geleert und gelesen werden. Ein aufmerksames Liturgieteam kann sich die Aufgabe stellen, exemplarisch einzelne in die sonntäglichen Fürbitten aufzunehmen, eventuell sprachlich anzupassen und zu anonymisieren, oder einfach nur zu erwähnen, dass nun auch an die vielen «stillen Bitten» gedacht werde.

«Ich habe erlebt, wie während der Feier Fürbitten online eingesandt und am Schluss ausgewählt und verlesen wurden.»

Je nach Dynamik einer Feier ist das auch ohne Zeitverschiebung möglich. Ich habe erlebt, wie während der Feier Fürbitten online eingesandt und am Schluss ausgewählt und verlesen wurden. Vielleicht gibt es auch in Feiern kleinerer Gemeinschaften mutige Mitfeiernde, die sich spontan äussern und Bitten frei formulieren. Das setzt aber ein Vertrauensverhältnis und eine andere Liturgiekultur voraus, als wir sie heute haben.

*Ann-Katrin Gässlein arbeitet als promovierte Theologin in der Citypastoral bei der Katholischen Kirche in St. Gallen und seit Sommer 2017 als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Luzern. Dort ist sie Lehrstuhlvertreterin. Sie studierte von 2001 – 2005 Vergleichende Religionswissenschaft, Journalismus und Islamwissenschaften an den Universitäten Freiburg (CH) und Bern. 


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