Am 1. Juli will die traditionalistische Piusbruderschaft neue Bischöfe weihen – erneut ohne Zustimmung Roms. Laut ihrem Generaloberen handelt es sich um die «Operation Überleben». Die Bruderschaft scheint nicht aus ihrer schismatischen Sackgasse herauskommen zu wollen. Eine Analyse.
Maurice Page, cath.ch
Die Nachricht von den zukünftigen Bischofsweihen innerhalb der Bruderschaft St. Pius X. von Marcel Lefebvre (FSSPX) war bereits seit einiger Zeit zu erwarten. Im Juni 2024 sprach der Obere der Bruderschaft für den Distrikt Frankreich, Benoît de Jorna, in einem Brief an die Gläubigen offen über diese Möglichkeit.
Die unrechtmässigen Bischofsweihen von 1988 hatten den Bruch der FSSPX mit Rom beschleunigt. Die darauffolgende Exkommunikation der vier Bischöfe wurde 2009 zwar aufgehoben. Dennoch hat die FSSPX nach wie vor keinen regulären Status innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Mit ihrer Ankündigung von erneuten Bischofsweihen verlängert sie die Situation des Schismas.
Laut dem Generaloberen der Piusbruderschaft, Davide Pagliarini, wird über diese neuen Bischofsweihen die «Operation Überleben» der katholischen Tradition weiterverfolgt, die der Gründer Marcel Lefebvre 1969 ins Leben gerufenen hat. Die Bruderschaft zählt nämlich nur noch zwei Bischöfe, Bernard Fellay (68) und Alfonso de Galarreta (69). Diese sind es leid, um die Welt zu reisen, um Priesterweihen, Firmungen oder Segnungen von Schulen und Seminaren vorzunehmen.
In einer Predigt, die er am Tag nach der Ankündigung hielt, griff Pagliarini die leidenschaftlichen Worte Lefebvres auf: «Ich übernehme die volle Verantwortung für diese Entscheidung. Ich übernehme sie zunächst vor Gott, ich übernehme sie vor der Hochheiligen Jungfrau, vor dem Heiligen Pius X. Ich übernehme sie vor dem Papst. Ich würde mich freuen, wenn ich den Papst noch vor dem 1. Juli treffen könnte, um ihm unsere wahren, tiefen Absichten verständlich zu machen und unsere Verbundenheit mit der Kirche zu erklären, damit er es weiss und versteht.»
Dieser Protest in gutem Glauben klingt jedoch ziemlich hohl, wenn man unter anderem aus dem katholischen Magazin «Catholic Herald» erfährt, dass seit letztem Jahr Gespräche zwischen dem Generaloberen, den Bischöfen der Bruderschaft St. Pius X. und dem Dikasterium für die Glaubenslehre stattfinden, und zwar schwerpunktmässig zur Frage der bischöflichen Nachfolge innerhalb der Bruderschaft.
Diese Gespräche wurden von der FSSPX abgebrochen, nachdem sie einen Brief vom Heiligen Stuhl erhalten hatte, der gemäss ihren Aussagen «unseren Forderungen überhaupt nicht entspricht». Die Ankündigung der Weihen am 1. Juli wäre somit eine Art Erpressung von Leo XIV., den man für weniger traditionsfeindlich hält als seinen Vorgänger Franziskus. Die Gespräche sollen nun am 12. Februar fortgesetzt werden.
Intern scheint die FSSPX den Boden gut vorbereitet zu haben, um eine Welle von Austritten – wie 1988 und 2012 nach dem Abbruch der Gespräche mit Rom – zu vermeiden. «Wenn eine solche Entscheidung vom Generaloberen bekannt gegeben wird, ist mit einer Medienkampagne gegen die ‹Fundamentalisten›, die ‹Rebellen›, die ‹Schismatiker›, die ‹Ungehorsamen› und so weiter zu rechnen», warnte de Jorna im Jahr 2024.
«In diesem Moment werden wir mit Widersprüchen, Beleidigungen, Verachtung, Ablehnung und vielleicht sogar mit dem Bruch mit nahestehenden Personen konfrontiert sein.» Der Prälat rief zur absoluten Treue «zur Bruderschaft St. Pius X. auf, der von der Vorsehung geschaffenen Arche der Erlösung inmitten der Flut, die die Kirche und die Zivilisation zu verschlingen droht».
Auf der anderen Seite ist schwer vorstellbar, dass Leo XIV. dem Druck der Traditionalisten nachgeben wird. Als Jurist kennt er das kanonische Recht genau, das besagt, dass eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat eine Exkommunikation «latae sententiae» nach sich zieht, also eine automatische Strafe, die allein durch die Begehung der Straftat fällig wird, ohne dass ein formelles Urteil erforderlich ist.
Eine Exkommunikation «latae sententiae» kann darüber hinaus verkündet, also öffentlich bekannt gegeben und von der legitimen Autorität bestätigt werden. Die Traditionalisten setzen auf die Hoffnung, dass Papst Leo von dieser Verkündung absieht und ihren Ungehorsam somit gewissermassen «toleriert».
Seltsamerweise geniessen die Piusbrüder heute eine gewisse De-facto-Anerkennung, obwohl die Positionen auf beiden Seiten festgefahren zu sein scheinen. Trotz seiner erklärten Abneigung gegen «alte Zöpfe» zeigte Papst Franziskus eine gewisse pastorale Fürsorge, indem er beispielsweise den Priestern der Piusbruderschaft das Recht gewährte, Trauungen zu vollziehen oder Beichten abzunehmen. Auf der anderen Seite anerkennt die Piusbruderschaft die Zuständigkeit Roms für die Beurteilung ihrer Geistlichen, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben.
Laut ihren Anhängern tut die FSSPX grundsätzlich alles in Gehorsam gegenüber Rom: Kontaktaufnahme, Information und Zusammenarbeit so schnell wie möglich, Einhaltung der kanonischen Verfahren so schnell wie möglich usw. Sie sehen nur die lokale Verfolgung als Erklärung dafür, dass die FSSPX weiterhin vom diözesanen oder pfarrlichen Leben ausgeschlossen bleibt.
Die FSSPX steht am Scheideweg. Sie hat nur eine Alternative: Entweder sie anerkennt das Zweite Vatikanische Konzil, gehorcht dem Papst und kehrt in die römisch-katholische Kirche zurück – oder ihre Existenz ist bedroht. Für die Bruderschaft, die alles auf die Bewahrung des traditionellen Priestertums gesetzt hat, ist es in der Tat undenkbar, keinen Bischof in ihren Reihen zu haben, der die Weihen ihrer Priester vollzieht.
Die Bruderschaft St. Pius X. steht auch vor einer weiteren Herausforderung. Früher war sie die Speerspitze des Widerstands gegen den Modernismus. Heute hat sie diese Führungsrolle verloren. Die mit Rom verbundenen traditionalistischen Institutionen (Ecclesia Dei) «stehlen» ihr Priester und Gläubige. Da in jeder Diözese die Messe nach dem tridentinischen Ritus gefeiert wird, kann sich die Piusbruderschaft nicht mehr als Märtyrerin darstellen.
Unter den Geistlichen und Gläubigen ist das Klima gegenüber der Tradition nicht mehr so feindselig. Die Kritik an den «Irrwegen» Roms ist nicht mehr das alleinige Vorrecht der FSSPX, selbst Kardinäle schliessen sich ihr an. Zu ihrer Rechten wird die Legitimität der FSSPX von sedisvakantistischen Splittergruppen in Frage gestellt, die behaupten, dass alle Päpste nach Pius XII. Betrüger seien und der Stuhl Petri daher seit 1959 vakant sei.
Die FSSPX steht daher vor der Herausforderung, eine neue Positionierung zu finden. Wenn sie sich in einer sektiererischen Logik der Reinen gegen die Ungläubigen verstrickt, muss sie sich mit dem «Nischenmarkt» begnügen, den die Kirche ihr zugesteht. (Übersetzung und Adaption: Regula Pfeifer)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/weshalb-die-piusbruderschaft-verbotene-bischofsweihen-durchfuehrt/