Gibt es ein «Zuviel»? Caritas Schweiz sorgt sich wegen wachsender Ungleichheit

Caritas Schweiz kämpft seit 125 Jahren gegen Armut. Nun sei es Zeit, auch über die Kluft zwischen Arm und Reich in der Schweiz zu reden, sagt Andreas Lustenberger am Freitag an einer Tagung in Bern. Ein weiteres Problem: Viele Menschen, die Anspruch auf Sozialleistungen hätten, beziehen diese gar nicht.

Barbara Ludwig

Der Saal im Berner Eventforum ist voll. Mit rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist das diesjährige Caritas Forum ausgebucht. Dazu beigetragen hat wohl die Tatsache, dass die Organisation 2026 ihren 125. Geburtstag feiert – und der Auftritt von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, die in ihrem Referat für nachhaltige Lösungen im Kampf gegen Armut plädierte.

Auf das Referat der Sozialministerin folgt ein Input von Andreas Lustenberger. Der Wirtschaftsgeograph ist Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz und Bereichsleiter Inland. Er findet, es sei an der Zeit, nicht immer nur über das «Zuwenig» zu sprechen – also über die Armut –, sondern auch über ein «Zuviel». «Gibt es neben dem Existenzminimum auch ein Existenzmaximum?», fragt Lustenberger.

«Jede fünfte Person lebt von der Hand in den Mund.»

Lustenberger präsentiert die Zahlen und Fakten, die das «Zuwenig» illustrieren. Etwa, dass das Existenzminimum für eine vierköpfige Familie bei 4051 Franken angesetzt ist. Gleichzeitig empfehlen Budgetrechner von Banken einer vierköpfigen Familie ein Einkommen von zirka 7000 Franken, um alle Ausgaben decken zu können.

Mit 8,1 Prozent Betroffenen und 8 Prozent von Armut bedrohten Menschen sei die Armut kein «Randphänomen». 20 Prozent der Bevölkerung kann sich eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken nicht leisten. «Jede fünfte Person lebt von der Hand in den Mund», sagt der Experte. Besonders vulnerabel seien Familien, die die Hälfte der Armutsbetroffenen ausmachen.

Starke Vermögenskonzentration bei wenigen

Eindrücklich sind die Zahlen, die die Schere zwischen Arm und Reich hierzulande illustrieren. Unterschieden werden müsse dabei zwischen Ungleichheit beim Einkommen und Ungleichheit beim Vermögen, erklärt Lustenberger. Bei der Einkommensungleichheit befindet sich die Schweiz demnach im Mittelfeld der OECD-Länder, sie bleibe seit mehr als 20 Jahren stets etwa gleich.

Riesig ist die Kluft beim Vermögen. So besitzt das reichste Prozent durchschnittlich über 21 Millionen Franken. Dieses eine Prozent besitzt 45 Prozent allen Vermögens. Die ärmeren 50 Prozent der Bevölkerung hingegen besitzen durchschnittlich rund 25’000 Franken.

Zusammengehörigkeitsgefühl schwindet

Dass die Ungleichheit weltweit und in der Schweiz wächst bereitet der Caritas grosse Sorgen, so Lustenberger. «Die Hälfte der Erwachsenen (in der Schweiz, d.Red.) verfügt nur über wenige Ersparnisse, besitzt kein Vermögen oder ist verschuldet.»

Die Ungleichheit hat nach Ansicht von Caritas Schweiz viele negativen Folgen. «Wächst die soziale Kluft, sinkt das Zusammengehörigkeitsgefühl», sagt Lustenberger. «Wir erleben eine Zunahme der Polarisierung.» Armutsbetroffene hätten oft das Gefühl, dass auf sie herabgeschaut werde, während Wohlhabende soziale Wertschätzung erfahren.

Um Armut wirksam zu bekämpfen, müsse man in die Bildung investieren und faire Arbeitsbedingungen schaffen, sagt der Caritas-Experte. Man müsse auch dafür sorgen, dass Errungenschaften nicht durch Sparbemühungen wieder zunichte gemacht werden. Caritas fordere zudem eine allgemeine Existenzsicherung, die höher ausfällt als das heutige Existenzminimum.

Und: «Es braucht eine Diskussion darüber, was zu wenig ist, und vor allem auch, was zu viel ist.» Denn eine zu grosse Ungleichheit stehe im Gegensatz zu «unseren grundlegenden Werten und unserer Vision einer Schweiz ohne Armut», so Lustenberger.

«Können wir mit Umverteilung die Armut bekämpfen?»

Beim Thema Ungleichheit scheiden sich die Geister, das zeigt die anschliessende Podiumsdiskussion. Marco Salvi, Senior Fellow und Projektleiter beim liberalen Think Tank Avenir Suisse, muss als erster dazu Stellung nehmen. Er teile viele Werte von Caritas. Unterschiede beträfen das Instrument der Armutsbekämpfung, so Salvi.

«Können wir einfach mit Umverteilung die Armut bekämpfen?», fragt er, wobei klar ist, dass er selbst davon nicht überzeugt ist. Das Beispiel der 13. AHV-Rente bezeichnet er als Bekämpfung von «Luxus-Armut». Er sei für eine «wirksame Bekämpfung» von Armut. «Das Problem ist nicht, dass wir zu viele Reiche haben, sondern zu viele Arme.» Es sei schade, das zu verwechseln.

Mathias Reynard sagt, auch er bevorzuge die gezielte Unterstützung. Doch für den Walliser Staatsrat und Präsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektorin (SODK) ist die Frage der Finanzierung der sozialen Hilfe ein drängendes Problem – in einer Zeit, in der viele Kantone Sparpakete schnüren, die zulasten der Armutsbetroffenen gehen.

Die Basler Nationalrätin Patricia von Falkenstein sagt, man müsse über Ungleichheit sprechen. «Dies sollte aber nicht zu Neiddiskussionen führen.» Zudem erziele man damit keine schnellen Resultate, meint sie mit Blick auf die abgelehnte Erbschaftssteuer-Initiative. Darum müsse man mit anderen Massnahmen den Kampf gegen die Armut führen.

Anstrengender Bürokratie-Dschungel

Im Verlauf der Diskussion spricht die Moderatorin Inés Mateos das Problem an, dass ein grosser Anteil von Menschen, die Anspruch auf Sozialleistungen hätten, diese gar nicht beziehen. 20 bis 40 Prozent der Anspruchsberechtigten seien es.

Claudia Schwarz Farhat nimmt als Armutsbetroffene am Podium teil. Die Familienmutter ist seit rund 30 Jahren mit Armut konfrontiert und hat zu Beginn des Podiums erzählt, wie sie das erlebt.

Etwa die Angst vor unerwarteten Ausgaben. Nun schildert sie aus eigener Anschauung, was die Gründe hierfür sein können, dass manche auf Unterstützung verzichten: Der Umgang mit den Ämtern ist schwierig – auch ihr «Ton» sowie das wiederholte Einreichen der Unterlagen an zahlreichen unterschiedlichen Stellen sei «sehr anstrengend».

Patricia von Falkenstein bezeichnet es als ein «Riesenproblem», dass zum Beispiel weder die IV noch die Sozialhilfe den Überblick über die einzelnen Personen haben. Dies sei eine Belastung für die Hilfesuchenden und für die Beratungspersonen.

Sie fordert niederschwellige Beratungen: «Ich wünsche mir mehr Personen, die die Menschen mit Verständnis beraten können – so dass sie sich auch trauen, hinzugehen. So fällt schon mal dieser Stress weg.»

«Zu viele Menschen fallen durch die Maschen des Sozialsystems.»

Peter Lack, Direktor von Caritas Schweiz, sieht den «One-Stop-Shop» als Lösung. Dies wäre eine einzige Stelle, an die sich Betroffene wenden könnten, wenn sie um Sozialleistungen ersuchen.

Ein «One-Stoph-Shop» wäre eine «Supersache», sagt der Direktor. Die Schweiz habe zwar ein sehr gutes Sozialsystem. «Doch nach Ansicht von Caritas fallen zu viele Menschen durch die Maschen des Sozialsystems.»


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