Das Caritas-Forum 2026 in Bern gibt der Schweizer Hilfsorganisation Gelegenheit, auf eine 125-jährige Geschichte zurückzublicken. Doch für Feststimmung ist kein Anlass, denn es gibt noch immer sehr viel zu tun. «Armut hier und heute – wo steht die soziale Schweiz?» lautet das Thema des Forums.
Stefan Betschon
Das Jahr 1901 war ein ereignisreiches Jahr: In den USA wird ein Präsident erschossen, sein Nachfolger heisst Theodore Roosevelt. Auf der Südhalbkugel der Erde schliessen sich New South Wales, Victoria, Queensland, South Australia, Western Australia und Tasmanien zum Bundesstaat Australien zusammen. In China gelingt es westlichen Kolonialmächte, einen Volksaufstand niederzuschlagen.
In Berlin wurde die II. Orthographische Konferenz durchgeführt, bei der unter Beteiligung von Konrad Duden Möglichkeiten für eine Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung diskutiert wurden. In Stockholm werden zum ersten Mal Nobelpreise vergeben, zu den Geehrten gehört der deutsche Physiker Conrad Röntgen.
Auch in Luzern war etwas los: Hier wurde 1901 der FC Luzern gegründet. Und der «Schweizerische Charitasverband». Den FC Luzern gibt es immer noch, aber er steckt – laut «Blick» – «tief in der Krise»: «Mit nur einem Sieg aus elf Spielen seit Anfang Oktober rutscht der Verein in den Abstiegskampf.»
Mit dem «Charitasverband» hingegen ging es rasch aufwärts. Die seltsame Rechtschreibung, an der sich Konrad Duden wohl gestört hätte, konnte nicht verhindern, dass diese Gründung inzwischen Weltgeltung erlangt hat. Caritas Schweiz mit Sitz in Luzern ist heute als ein eigenständiger Verein organisiert, der Teil des internationalen Caritas-Netzwerks ist, das weltweit 160 Organisationen umfasst.
Anlässlich des Caritas-Forums 2026, das morgen in Bern stattfindet, wird Monika Maire-Hefti, die Präsidentin von Caritas Schweiz, als Eröffnungsrednerin wohl auch einen historischen Rückblick wagen. Doch für Feststimmung und Feiertagslaune ist kein Anlass.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hat vielen Ländern Kontinentaleuropas einen Industrialisierungsschub gebracht. Diese wirtschaftliche Umwälzung, verbunden mit einer Urbanisierung, hat grosses soziales Elend mit sich gebracht. Es gab damals aber noch keine staatlich organisierte Sozialhilfe. Es gab noch keine Arbeitslosenkasse, keine Alters- und Hinterlassenenversicherung.
Die soziale Not zu lindern, blieb der privaten Initiative überlassen. Es waren vor allem kirchliche Kreise, die sich dieser Aufgabe annahmen. Eine grosse Vielfalt an katholischen Fürsorgewerken – Mädchenschutzverein, Abstinentenliga, Arbeiterverein, Kinderhilfswerk, Frauenbund – kümmerte sich um der Menschen Not.
Doch die Zersplitterung verhinderte einen effizienten Mitteleinsatz. Deshalb brauchte es den «Charitasverband»: um die verschiedenen Hilfswerke zu einem Ganzen zusammenzuführen. Bei der Gründung hat sich der Aargauer Kapuzinerpater Rufin Steimer hervorgetan.
Das Jahr 1901 markiert den Beginn des 20. Jahrhunderts. Nachdem der technisch-wissenschaftliche Fortschritt sich beschleunigt hatte und die Handelsbeziehungen zwischen den europäischen stark ausgebaut worden waren, glaubten viele Intellektuelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass es in Europa nie mehr einen Krieg geben würde. Sie täuschten sich.
Der Erste Weltkrieg forderte den Caritasverband heraus. Nachdem zuvor viele der in diesem Verband zusammengeschlossenen Hilfsorganisation sich eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren versuchten, gelang nun angesichts der rasch angewachsenen Aufgaben die Zentralisierung. Im Zweiten Weltkrieg erforderte die Betreuung von Flüchtlingen grosse Anstrengungen. Beim Einsatz für jüdische Flüchtlinge haben sich Führungspersönlichkeiten der Caritas nur sehr vereinzelt hervorgetan.
Und als die beiden Weltkriege beendet worden waren, begann der Kalte Krieg. Auch in Asien oder Afrika brachten Kriege und Unwetterkatastrophen die Menschen in Not. Stark gefordert wurde die Caritas etwa Ende der 1960er Jahre durch den Bürgerkrieg in Biafra. Und als es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so aussah, als sei der Weltfrieden für immer da, dauerte es nicht lange, bis die hochfliegenden Hoffnungen auf dem Boden der Realität zerschellten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Caritas ein Katholikenverein, oder, mit den Worten des Freiburger Historikers Urs Altermatt, eine «katholische Millieuorganisation». Noch bis in die 1960er Jahre hinein, war es üblich, dass Priester dieser Organisation vorstanden.
Immer wieder neue und unvorhersehbare Krisen forderten die Caritas heraus, immer wieder musste sich diese Organisation neu erfinden. Nachdem der grosse Einsatz für die Bürgerkriegsopfer in Biafra die Organisation an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht hatte, wurde eine Reorganisation und eine Professionalisierung notwendig. So wurde die Caritas zu einem – so Altermatt – international tätigen «polyvalenten Hilfswerk». 1977 übernahm mit Elisabeth Blunschy-Steiner erstmals eine Frau die Leitung des Verbandes.
Tadt
Über die finanziellen Verhältnisse in der Luzerner Caritas-Zentrale gibt 1921 ein Brief des Präsidenten Auskunft. Mit dem Schreiben sollten die Bischöfe dazu bewegt werden, ihren Beitrag von 8’000 Franken auf 15’000 Franken zu erhören. Nur so könne neben den Mieten für die Büros auch noch die Stelle eines Sekretärs, eines Buchhalters und einer Hilfskraft finanziert werden.
Im Jahr 2024 hat die Caritas Schweiz 190 Millionen Franken eingenommen. Bund, Kantone und Gemeinden gehören neben privaten Spendern zu den wichtigsten Geldgebern. Für die Administration werden 9 Prozent der Einnahmen verwendet. 1424 Menschen arbeiten für die Caritas. Weltweit profitierten 459’386 Menschen von der Hilfe aus der Schweiz.
«Helfen, wo die Not am grössten ist» — so lautet der Auftrag, den die Caritas sich selbst gegeben hat. Doch in der heutigen Zeit, ist die Not überall sehr gross. Der Caritas wird die Arbeit noch lange nicht ausgehen. Das ist keine gute Nachricht.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant