Bruno Lautenschlager – Der leise Pionier aus der Ostschweiz

In wenigen Wochen hätte der Jesuit Bruno Lautenschlager seinen 90. Geburtstag feiern können. Zeitlebens sensibel für soziale und ökumenische Fragen, baute der grosse Kenner Karl Rahners und Carl Gustav Jungs vor allem Brücken zwischen Theologie und Psychotherapie. Nun ist der Ostschweizer gestorben.

Franz-Xaver Hiestand*

Im Blick auf die Zukunft des Glaubens in Europa sagte der katholische tschechische Religionsphilosoph Tomáš Halík einmal: «Ich erwarte eine sehr, sehr lange Reise in die Tiefen.» – Bruno Lautenschlager gehört zu den Theologen und Psychotherapeuten, die andere Frauen und Männer auf dem Weg in die Tiefe begleiteten.

Geboren wurde der Ostschweizer mit Urner Wurzeln 1936 in Rapperswil SG. Später zog die Familie nach St. Gallen, wo er ab 1948 in die Flade, die katholische Sekundarschule, ging. Sie hinterliess bei ihm einen zwiespältigen Eindruck. Zwar lobte er im Rückblick einige tüchtige Lehrer, vergass aber die neurotische Leibfeindlichkeit des damaligen, Soutane tragenden Rektors und dessen Neigung zum Prügeln nicht. Der Schriftsteller Niklaus Meienberg, der bald nach Lautenschlager dieselbe Schule besuchte, hielt später fest: «Unvergesslicher Rektor, unvergessene Schreie!»

Geprägt vom Jugendseelsorger Franz Dähler

Lautenschlager wechselte in der Folge in die Kantonsschule Burggraben, zunächst erleichtert, der Enge der katholischen Milieuschule entronnen zu sein. Doch philosophische Fragen interessierten ihn weiterhin. Mit der Zeit empfand er die Kantonsschule als weltanschauliches Vakuum.

Geprägt wurde er nun wie viele seiner Mitschüler vom städtischen Jugendseelsorger Franz Dähler. Dessen Bildung, Überzeugungskraft und Sportlichkeit faszinierte viele junge «Porschte» der Stadt, auch Lautenschlagers Schulfreund und Weggefährten Bernhard Gemperli, der Jahrzehnte später die Flade ganz anders leiten sollte.

Im Brennpunkt theologischer Entwicklungen

In der Hoffnung auf gehaltvolleren philosophischen und theologischen Unterricht zog Lautenschlager an die Stiftsschule Einsiedeln, wo er die Matura machte. Danach studierte er von November 1956 an Philosophie und Theologie in Innsbruck. Die Hauptstadt Tirols wurde gerade ein Brennpunkt theologischer Entwicklungen. Angehende Priester und Jesuiten aus mehreren Kontinenten strömten hierher. 1958 stiessen unter anderem Ignacio Ellacuría und 1961 Segundo Montes hinzu, die später in El Salvador vom Regime getötet wurden, weil sie sich an der Seite der Armen für mehr Glauben und Gerechtigkeit eingesetzt hatten.

Lautenschlager erlebte den Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann und den Dogmatiker Karl Rahner, beides Jesuiten, in der Blütezeit ihres Schaffens. Beide sollten bald als theologische Experten ans Zweite Vatikanische Konzil berufen werden und das Konzilsgeschehen entscheidend beeinflussen. Lautenschlager war beeindruckt, wie Rahner der oftmals verschütteten, ursprünglichen Wesensdynamik der katholischen Tradition nachspürte und sie, konfrontiert mit existenziellen Fragen der Gegenwart, aktualisierte und weiterführte.

Rahners «in innerkirchlicher Anfechtung gewonnene Gelassenheit und engagierte Sachlichkeit waren von grosser spiritueller Ausstrahlung», schrieb er später. Nicht nur verstand er die teilweise sehr schwierigen Denkbewegungen des Gelehrten gut. Er machte sie sich auch zu eigen und identifizierte sich mit dem hoffnungsvollen Zukunftsbild, welches die Kirche der Sechzigerjahre von sich entwarf.

Pfarrhauskultur

Mit reichem theologischen und spirituellen Wissen und mit der Erfahrung, dass die Inhalte, die ihm im Hörsaal vermittelt worden waren, auf weltweite Resonanz stiessen, kehrte er in die Schweiz zurück. Und gelangte nach Kirchberg SG. Nirgends sonst im Bistum St. Gallen entschieden sich damals so viele Männer, Priester zu werden, wie hier.

Sechs Jahre wirkte er nun als Kaplan neben anderen Kaplänen in diesem Toggenburger Dorf und sass am Sonntagnachmittag in der Stube des grossen Pfarrhauses, wo der Pfarrherr den versammelten Kaplänen Geselligkeit verordnete und ihnen, bei Kaffee und Kuchen die Welt erklärend, seinen Stumpenrauch ins Gesicht blies. War einer seiner Kaplan-Kollegen vom Pfarrherren ungerechtfertigt gemassregelt worden, war es oft Lautenschlager, Sohn eines Anwalts und späteren Richters, der sich für ihn einsetzte.

Industriepfarrei

1972 eröffnete sich ihm die Chance, seine in der Seelsorge gemachten Erfahrungen in Innsbruck in eine Doktorarbeit zum Thema «Firmpatenschaft und Gemeindepastoral» umzusetzen. Als noch kaum jemand darüber nachzudenken wagte, argumentierte er für eine Heraufsetzung des Firmalters.

Zurück in der Ostschweiz, war er zehn Jahre zuerst als Vikar, dann als Pfarrer in Niederuzwil tätig. Das Leben in dieser grossen, von der Industrie und sozialen Nöten geprägten Pfarrei füllte ihn aus. Er formulierte präzise und griffig, agierte ohne Getöse und konnte auch über sich selbst lachen. Vor allem wollte er, dass die Kirche wirklich für die Menschen da ist. Ergriffen erzählte er später vom konstant hohen ehrenamtlichen Engagement von Leuten aus unterschiedlichen sozialen Schichten oder wie es ihn nachhaltig berührte, wenn er die Hostien in die vom Leben gezeichneten und gefalteten Hände der Gläubigen senken durfte.

Deshalb erschütterte es ihn, als er erlebte, wie die Grosskirche Versprechungen des Konzils zurücknahm und Männerbünde auf allen kirchlichen Ebenen die Fragen wieder unter sich regelten. «Da mache ich nicht mehr mit», hörte er dann Menschen in der Pfarrei sagen. Das schmerzte ihn.

Vertiefungen

Während manche seiner Studienfreunde diese Spannungen und Rückschläge nicht verkrafteten und sich aus dem kirchlichen Dienst zurückzogen oder in sich in Diskussionen um Machtfragen aufrieben, entschied er sich, sein Engagement und sein Leben zu vertiefen. Er wollte die Menschen mit ihren Sorgen nicht alleine lassen, bildete sich am C.G. Jung-Institut zum Psychotherapeuten aus und trat 1984 in den Jesuitenorden ein.

Von 1986 bis 1996 leitete er das Aki, die katholische Universitätsgemeinde, in Bern. Rasch erlangte das Haus unter seiner Leitung neues Profil. Nicht zuletzt Studierende und Professoren der evangelisch-theologischen Fakultät schätzten seine Bildung, seine Menschlichkeit und sein ökumenisches Feingespür. Unterbrochen von einem längeren USA-Aufenthalt und fünf Jahren im Aki Zürich blieb er bis 2009 in Bern, begleitete viele Menschen und hielt Vorträge.

Theologie und Psychotherapie

Es lag ihm daran, dass sich Erkenntnisse der Theologie und der Psychotherapie nicht gegenseitig ausschlossen, sondern ergänzten. Es gibt, so Lautenschlager, «eine innere Nähe von Psychotherapie und Seelsorge». Das Wort «Psychotherapie» heisse ja auf Deutsch «Seelsorge».

Doch oft sei das Verhältnis der beiden Disziplinen noch von Vorsicht, Misstrauen und gegenseitiger Unkenntnis bestimmt. Dabei stünden, schrieb der Jesuit einmal, die theologischen Darlegungen «leicht in Gefahr, die Verbindung mit der konkret erfahrenen Wirklichkeit des Menschen zu verlieren. Andrerseits scheinen die psychologischen Beiträge manchmal etwas zu pauschal und undifferenziert, gleichsam unbelastet von neueren theologischen Entwicklungen.»

Dieses distanzierte Verhältnis lasse sich «wohl nur auf der Ebene der Erfahrung» verbessern. «Dabei hat die Theologie gewiss den grösseren Schritt zu tun. Sie muss den schützenden Raum dogmatischer Selbstverständlichkeiten verlassen und sich neu dem Geistwind aussetzen, der nach ihrem ureigenen Verständnis die ganze Schöpfungswirklichkeit durchwaltet und der weht, wo immer er will. Umgekehrt wird auch die Psychologie sich immer wieder der Frage stellen müssen, ob und wie sie mit ihrem Grundverständnis dem ganzen Menschen mit all seinen Dimensionen und in seiner auf das Absolute gerichteten Dynamik gerecht wird.»

Studien

Lautenschlager verfasste auch Studien. Er stellte teilweise nicht einfach zugängliche Original-Texte von C.G. Jung zu spirituellen Themen vor, diskutierte die jeweiligen Kernaussagen Jungs und korrigierte «vulgär-jungianische» Auffassungen (beispielsweise über «Selbst-Erfahrung»). Er dachte mit Jung über Jung hinaus, konfrontierte ihn mit aktuellen Deutungsansätzen und kritisierte seine männer-zentrierte Denkweise.

Manche von Lautenschlagers Manuskripten warten noch auf die Veröffentlichung. Immerhin konnte er es Ende des vergangenen Jahres erleben, dass seine langjährige Forschungs- und Schreibtätigkeit rund um die Freundschaft von Karl Rahner und Luise Rinser in die Veröffentlichung des Buches «Urereignis Liebe» mündete, das in der renommierten Reihe «Quaestiones Disputatae» erschien. Zu diesem Buch steuerte Lautenschlager wichtige Beiträge bei.

Wunden

2024 übersiedelte er in die Kommunität Bad Schönbrunn und im vergangenen September ins Pflegeheim St. Franziskus der Menzinger Schwestern. Ergeben, beinahe neugierig wartete er auf die Begegnung mit dem ganz Anderen.

Im Zimmer von Bruno Lautenschlager hing lange Zeit eine grossformatige Fotografie von Ernst Barlachs Skulptur «Das Wiedersehen». Sie zeigt, wie Thomas den Auferstandenen wiedererkennt, als dieser sich ihm mit seinen Wunden öffnet. Der Gott, von dem Lautenschlager predigte, war den Menschen in Jesus, gerade auch im bleibend verwundeten Jesus ganz nahegekommen.

Der Glaube, dem sich der grosse Rahner-Kenner Lautenschlager verpflichtet fühlte, wusste von Zweifeln und nahm die Wunden ernst. Der St. Galler gehört zu jenen hochgebildeten und humanen Frauen und Männern, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil den nachfolgenden Generationen die christlichen Mysterien neu erschlossen und zum Aufleuchten eines integren und dialogfähigen Katholizismus Wesentliches beitrugen.

Am 12. Januar ist Lautenschlager in Menzingen ZG gestorben. Am 14. April wäre er 90 geworden.

* Der Jesuit Franz-Xaver Hiestand leitet die Katholische Hochschulgemeinde (Aki) in Zürich.

Der Gedenkgottesdienst für Bruno Lautenschlager SJ findet am Mittwoch, 28. Januar 2026, um 14:15 Uhr in der großen Kapelle des Lassalle-Hauses (CH-6313 Edlibach ZG) statt.


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