Jan Loffeld: Frage ist, ob es gelingt, aufzuzeigen, was es bedeutet mit Gott zu leben

Zur Zeit des Konzils von Nizäa bestimmten christologische Themen den Alltag der Menschen. Heute sieht das anders aus. Eine Herausforderung heutiger Christen ist, mitzuhelfen, dass das Bekenntnis an Jesus Christus «nicht identitär kippt oder identitär missbraucht wird», sagt der Pastoraltheologe Jan Loffeld.

Jacqueline Straub

Kürzlich besuchte Papst Leo XIV. die türkische Stadt İznik, das antike Nizäa, um an einem ökumenischen Gebetstreffen teilzunehmen. Vor 1700 Jahren dominierten christologische Themen den Alltag. Heute scheint theologisches Wissen eine Sache nur noch von Experten und Expertinnen zu sein. Ist das ein Problem?

Jan Loffeld*: Zunächst ist es wahrscheinlich eine Verschiebung. Das Problem von damals hat heute jegliche lebensweltliche Anschaulichkeit verloren. Die Vorstellung von Gott oder einer transzendenten Dimension verschwimmt im Bewusstsein vieler Zeitgenossen und Zeitgenossinnen immer mehr bis dahin, dass es ausserhalb jeglicher Vorstellbarkeit und Lebensführungsrelevanz liegt. Diese Unterscheidung der Dimensionen ist aber grundlegend für das Konzil von Nizäa. Die Situation im vierten Jahrhundert war eine andere: Wir haben Berichte darüber, dass die theologischen Begrifflichkeiten Teil alltäglicher Diskussionen auf dem Markt oder bei Tisch waren. Dem konnte man im Alltag also gar nicht entkommen.

«Alles geschieht im Hier und Jetzt.»

Was macht das mit unserem Alltag heute?

Loffeld: Dass dieser weitgehend durch das bestimmt ist, was wir die Immanenz nennen. Alles geschieht im Hier und Jetzt und wird von dort her beurteilt und gedeutet. Das Leben wird vorwiegend innerhalb eines immanenten Rahmens geführt und für die meisten geht darüber nichts hinaus. Auf Problemlösungen oder Sinnentwürfe, die einen religiösen Hintergrund haben, wird immer seltener zurückgegriffen.

Um die Zeit des Konzils von Nizäa war es entscheidend, wie über Gott und Jesus Christus gedacht wurde. Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung aus dem Jahr 2023 hat gezeigt: Heute spielt es offensichtlich keine Rolle mehr, wie man Gott versteht oder wie man ihn dogmatisch definiert. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Loffeld: Für das Christentum stellt sich die Frage, ob es diese Situation in seinen vielfältigen Praktiken assimiliert oder eine Option auf «Mehr» inmitten weitgehend immanenter Bezüge eröffnet. Für mich ist gerade vor dem Hintergrund von Nizäa die Frage entscheidend, ob es uns gelingt, aufzuzeigen, was es bedeutet, mit Gott zu leben oder auch ohne ihn. Welchen Unterschied macht es, wenn ich etwa an ein Leben nach dem Tod glaube oder von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen ausgehe? Dabei geht es nicht um Abwertung anderer, sondern um eine bewusste Neuverortung inmitten eines Pluralismus, in dem man nur wirklich von sich reden macht, wenn man qualifiziert einen Unterschied anzubieten hat.

Wie denken Menschen in westeuropäischen Ländern heute über Gott?

Loffeld: Häufig noch in sehr alten Vorstellungen oder aber als Energie oder als ein Etwas. Zugleich merken wir, wie Gott auch immer mehr vergessen wird. Religiöse Rede, also das Gespräch über Religion im eigentlichen Sinne, findet für die meisten nur noch sehr selten statt.

Wenn Religion Thema wird, dann meistens als Phänomen ausserhalb der Lebenswelt, wenn es etwa um Terror oder andere Skandalmeldungen geht…

Loffeld: Neu ist das Phänomen der identitären Inanspruchnahme religiöser Inhalte und deren Gebrauch für nationalistische oder andere politische Ideen, wobei wir Letzteres aus der ferneren und näheren Gegenwart ebenfalls kennen. Aber dies sollte man nicht mit einem aktiven Glauben und dem Bekenntnis dazu verwechseln. Ebenso gibt es neue Präsenzformen in den sozialen Netzwerken oder durch sogenannte Christfluencer und Christfluencerinnen. Hier wird meistens ein sehr unterkomplexer und selektiver Glaube «verkauft». Diese Phänomene sind noch sehr neu und wir müssen abwarten, wie sie sich entwickeln. In jedem Fall sollte man sie gut beobachten.

Welche Aufgaben sehen Sie für die Kirchen, Theologinnen und Theologen?

Loffeld: Generell gesprochen: Auf vielfältige Weise an Gott zu erinnern. Von ihm erzählen, was Reden und Sprechen bedeuten kann, aber nicht muss. Wir sollten in unseren (grossen) Geschichten zu Hause sein und darin den Himmel offenhalten für andere. Für die Theologie stellt sich zunehmend die Aufgabe, jene Phänomene einer an vielen Stellen wieder neu aufploppenden Glaubensrede gut zu reflektieren. Hier können die Reflexion illegitimer Inanspruchnahmen oder unterkomplexer Deutungen – etwa theologischer Begriffe oder biblischer Geschichten – zu neuen und relevanten Orten theologischer Reflexion werden. Gerade, wenn man solche Phänomene mit jungen Leuten bespricht. Es gibt bereits erste Seelsorgende, die in ihren Pfarreien mit diesem Phänomen konfrontiert sind und regelmässig mit jungen Leuten zusammensitzen, um deren theologische Fragen, die sie aus digitalen Zusammenhängen mitbringen, zu diskutieren.

«Nizäa macht hier klar, dass Vereinseitigungen letztlich am Kern vorbeigehen.»

Das Konzil von Nizäa brachte die Klärung, wer Jesus ist. Bis heute glauben Christen dran. Welche pastoralen Konsequenzen hat das?

Loffeld: Es bleibt die Frage, welchen Jesus wir tatsächlich glauben. Gerade angesichts der oben beschriebenen Kontexte stellt sich die Herausforderung, welche Seite des nizänischen Dogmas wir eher betonen oder ob wir sie gut in einer Balance halten. Ich meine damit, dass etwa eine Überbetonung der Göttlichkeit Jesu zu einer Pastoral führen kann, die insbesondere die vertikale Dimension, in Liturgie und Katechese etwa, akzentuiert. Die andere Variante wäre das Zentralstellen der Menschlichkeit Jesu, was eher eine stärker diakonale oder ethisch geprägte Pastoral zur Folge hätte. Nizäa macht hier klar, dass Vereinseitigungen letztlich am Kern vorbeigehen: unvermischt und ungetrennt. Es geht nicht um ein «Entweder/oder», sondern um ein «Sowohl als auch». Das bedeutet einen Gottesbezug, der sich in der konstruktiven Mitgestaltung dieser Welt und der Art unserer menschlichen Beziehungen auswirkt. Und es meint eine Diakonie, die sich immer auch aus den Quellen des Christlichen speist, sprich vom Gottesbezug her motiviert und in der kirchlichen Soziallehre verwurzelt ist. Das eine geht nicht ohne das andere.

Und welche pastoralen Möglichkeiten ergeben sich daraus heute wieder neu?

Loffeld: Ein wichtiges Thema unserer Zeit ist jenes der Identität. Wörtlich meint das, kongruent mit sich selbst zu sein. Dies gilt auch für uns Christen – und Nizäa ist gerade in diesen Kontexten eine wichtige Erinnerung an den Kern unserer Identität: Gott ist in Jesus Christus für immer Teil unserer Menschheitsfamilie geworden und zugleich ist der Mensch in das Wesen Gottes selber eingeschrieben. Oder, wie es Johann Sebastian Bach als letzten Satz seines Weihnachtsoratoriums vertont hat: «Bei Gott hat seine Stelle, das menschliche Geschlecht.» Zugleich ist es unsere Aufgabe, aufzupassen und mitzuhelfen, dass dieses Bekenntnis nicht identitär kippt oder – wie oben angedeutet – identitär missbraucht wird. Es geht um ein Neu-Erzählen des Mehrwertes, den es haben kann, nicht alles von und in dieser Welt haben und erleben zu müssen oder von sich selbst zu erwarten. Dies kann eine Perspektive schenken, die – wenn auch sicherlich nicht mehr für alle – allerdings für einige attraktiv ist und bleibt.

*Jan Loffeld ist Professor für Praktische Theologie an der Tilburg University School of Catholic Theology in Utrecht. Er ist einer der katholischen Fachvertreter im wissenschaftlichen Beirat der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die 2022/23 erstmals ökumenisch durchgeführt wurde.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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