Radioprediger Philipp Roth erzählt in seiner Weihnachtspredigt vom malenden Evangelisten Lukas, umgekehrten Hosenbeinen und anderen schrägen Bildern. Roth fasst Weihnachten zusammen mit den Worten: «Das Innere wird nach aussen gekehrt und das Äussere nach innen. Das Unterste wird nach oben geholt und das Ende an den Anfang.»
Philipp Roth*
«Paint it again, Luke!», Mal es noch einmal, Lukas! Und Lukas lacht, als hätte er es erwartet. Er stellt eine frische Lindenholztafel auf die Staffelei, nimmt einen Kohlestift, beginnt zu skizzieren und dann die Zeichnung mit Farben zu füllen. Blau. Rot. Gelb. Grau. Schwarz. Und Licht mitten hinein. Mitten heraus. Wie oft hat er das schon gemacht?
Maria mit dem blauen Mantel. Gesicht und Hände sagen: Und das kommt von mir? Wer›s versteht…Die Hirten mit ihrem zottligen Hund. Die Nacht hängt noch in Augen und Kleidern.
Ist das alles nur ein Traum? Der alte Josef im Hintergrund. Müde und nicht mehr sicher, ob wahr ist, was er sieht. Schläft er schon? Ochs und Esel mit warmem Atem und dunklen Augen. Wenig erstaunt. Sie sahen immer schon mehr. Die von Wind und Wetter zerrissenen Balken und Bretter. Fragiles Geburtszimmer in stürmischer Welt.
Und in der Mitte das Kind. In Windeln gewickelt. Auf Stroh gebettet. Mit einem inneren Leuchten und einer kleinen Babyhand, die jetzt schon damit beginnt, alle gross zu grüssen und zu segnen.
Frohe Weihnachten, liebe Hörerin, lieber Hörer. Es ist so weit. Ein Kind ist uns geboren.
Frieden auf Erden. Das Fest aller Feste. Anfang gut, alles gut.
Nun hat Lukas, der Schreiber des Evangeliums mit der Weihnachtsgeschichte, natürlich nicht gemalt. Jedenfalls nicht mit Pinsel und Farbe. Es ist eine alte, schöne Legende, dass er der erste Maler gewesen sei. Er hatte Maria mit Kind gesehen. Mit dem Tiefenblick.
Und musste seitdem einfach zeigen, was in ihm war. Künstlerdurchbruch als Glaubensglück.
Doch auf die andere Art malt Lukas schon. Mit seinen Worten zeichnet, malt und erschafft er diese Urszene, so farbig, lebendig und konkret, als wäre er selber dabei – als Josef, Schaf, Engel, wie ein Kind beim Krippenspiel. Kann man nicht die Hirten riechen, die Engel hören?
Und mit Maria fühlen – Seligkeit, Sorge: Wer bin ich schon? Was kommt da noch?
Ja, Lukas malt uns nicht nur dieses Bild vor Augen. Alle Jahre wieder. Seine Kunst geht tiefer. Er malt uns den Zauber des guten Anfangs in die Gedanken. Er schmuggelt uns den Glauben des Kindes ins Herz. Er malt uns die zähe, zarte Anmut der Hoffnung auf die innersten vier Wände. Reine Menschlichkeit ist da. Ungebrochen, unverstellt. Und darin reine Göttlichkeit. Zärtlich, näher geht es nicht.
Schliesslich ist man auch mal Kind gewesen. Oder vielleicht sogar Mutter, Vater geworden. Das Allernatürlichste ist das grösste Wunder: In diese Welt – neues Leben. Es gibt nichts Kostbareres als dieses glühende, zerbrechliche Geschenk, aus der Liebe geboren, in die wilde Gegenwart gebracht.
Und es gibt nichts Schrecklicheres als die Dunkelheit und Kälte, die da wütet. Nein, nicht draussen in der Nacht. Drinnen. In den Köpfen und Herzen der Menschen. «Paint it again, Luke.» Mal es immer wieder. Ich will es neu sehen, fühlen, glauben. Erfassen, was mich erfasst.
Es regnet. Die Wäsche hat zum Trocknen zwei Tage gebraucht. Bis Weihnacht geht’s noch etwas. Na ja, ob nun nass oder weiss: Im Kern ist das Fest kein Wetterphänomen. Im Zauber halt schon ein bisschen. Allerdings: Ganz auch nicht. Es muss einfach gemacht sein, das Wäsche Zusammenlegen. Wie vieles andere auch. Besser nicht fragen. Das Kleinklein der Socken, Unterhosen, Leibchen und Waschlappen finde ich immer mühsam. Ist das tatsächlich alles von uns?
Die Hemden und die Hosen spare ich für den Schluss. Wir haben sie für das Waschen gewendet. Nun wende ich sie zurück. Ich nehme eine Hose und fahre mit der rechten Hand in das Hosenbein. Ich strecke den Arm, bis die Finger den untersten Rand fassen können. Dann ziehe ich den Arm ganz zurück, bis die Hose spannt. Dasselbe mit dem anderen Bein. Reine Routine. Ich habe es schon tausendmal gemacht. Das Innere wird nach aussen gekehrt und das Äussere nach innen. Das Unterste wird nach oben geholt und das Ende an den Anfang. Und umgekehrt.
Hat das nicht viel mit Weihnacht zu tun? denke ich. Das Jahr ist alt und müde geworden. Nur noch ein paar Tage und ein Neues beginnt. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es begonnen hat. Mit welchen Wünschen, Vorsätzen, Hoffnungen. Ich weiss: Vieles sah auch da nicht rosig aus. Ich machte mir keine Illusionen. Und doch wohnt in jedem Anfang noch der Zauber der guten Möglichkeit: Es könnte doch anders werden, besser, ja sogar gut. Es kam nicht so.
Doch nun, am Ende des Jahres, kommt dieses Fest mit dieser Geschichte. Und irgendwie kehrt es das ganze Jahr zusammen wie ein neuer Besen, weckt mich aus der Betäubung dieser Achterbahnfahrt und stellt mich vom Kopf auf die Füsse. Und ich stelle mir vor, wie es gleichsam in das Hosenbein der Zeit greift, um alles zu wenden. Der Anfang wird nach oben geholt und das Innerste nach aussen.
«Schau, so war es gedacht,» sagt Weihnacht. «Grosser Friede ringsum. Der Himmel oben ganz offen. Und auf der Erde ganz unten das Wunder des Lebens und der Liebe. Was klein und rein ist, schwach und zerbrechlich findet die ganze Aufmerksamkeit. Mensch und Tier, fremd und Freund zusammen. Gott kommt zur Welt und Welt kommt zu Gott. Es kommt zusammen, was zusammengehört. So ist es gedacht. Soll es bleiben. Wird es werden. Siehst du’s? Dann vergiss es nicht!»
Die Nachrichten sagen, vor der Kirche St. Susanna in Dedham bei Boston in den USA, stehe eine grosse Krippe, wie jedes Jahr. Menschen kommen vorbei und schauen. Kinder erzählen, was sie von der Geschichte kennen. Manche sprechen ein Gebet. Diesmal sei die Krippe jedoch leer. Kein Jesuskind. Auch Maria und Josef fehlten. «ICE was here», stehe gross auf einem Schild. Gemeint ist die Einwanderungsbehörde. Sie wurde in diesem Jahr zu einer Menschenjagdbehörde.
Auf einem kleineren Zettel könne man dann lesen, die Heilige Familie sei im Innern der Kirche in Sicherheit. Auch so kann man in der Weihnachtsgeschichte mitspielen, denke ich. Man lässt sich von ihrem Geist anstecken und steht selbst für das Leben ein. Wenn man vor der Krippe kniet, wird man selbst eine. Christusträgerin.
Hosenbeinwenden. Ein schräges Bild, ich weiss. Mir fällt nichts Besseres ein. Doch sind nicht Stall und Windeln auch ein schräges Bild? Und erst Gott als Mensch, der Himmlische als Erdling wie du und ich? Menschenskind!
Die Theologie weiss, Lukas erzählt seine Jesusgeschichte tatsächlich von hinten her. Wie die anderen Evangelien auch. Am Anfang stand das Ende. Das Leiden und das Sterben von Jesus und das Unfassbare danach. Von da erst dann die Frage nach dem Anfang. Bei der Jesusgeschichte von Markus und Johannes reicht es gar nicht bis zur Geburt. Bei Matthäus kommts ziemlich anders. Nur Lukas erzählt so konkret und farbig.
Ich glaube, Lukas war sich sicher, dass das, was ihn am Ende mit Haut und Haar ergriff, auch schon im Anfang da gewesen sein musste. Wie bei einer langen Liebesgeschichte.
«Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?» fragt die Enkelin den Grossvater bei der goldenen Hochzeit. «Ach Sina,» sagt dieser und sagt mit den Augen mehr als Worte je sagen könnten: «Es war schon damals so wie heute. Gleich alles da. Ich möchte keinen Tag missen.» Und dann kommt das Dorffest und der Tanz.
Ich glaube, Lukas war sich sicher: Wenn dieser Jesus am Ende Frieden schenkt. Wenn er Menschen versöhnt, Ausgestossene umarmt, Gott ans Herz drückt, Liebe lehrt – bis zu den Feinden – und Licht bringt – selbst in die Angst- und Todesnacht, dann muss dieser Zauber schon am Anfang da gewesen sein.
Darum erzählt er uns die Weihnachtsgeschichte. Malt sie uns so vor Augen, dass wir es sehen und riechen, hören und fühlen – und irgendwie selbst mitspielen, jedes Jahr. Mal als Engel. Mal als Esel.
Sie kehrt uns von innen nach aussen. Wendet die Zeit. Die Nacht wird hell. Der Tod vom Leben verschlungen. Und das Versprechen des guten Ausgangs wird zum Zauber des guten Anfangs, heute, hier, mit mir. Also: «Paint it again, Luke.» Mal es nochmals, Lukas. Ich muss es wieder sehen. Tut das gut.
Ich wünsche Ihnen einen frohen und gesegneten Weihnachtstag.
*Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Binningen und Bottmingen
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