Die Theologin Regula Grünenfelder hat für ihre Arbeit eine besondere Auszeichnung des Zuger Stadtrats erhalten: Den Frauenthaler Lebkuchen. Sie sieht es als Aufgabe der Kirchen an, «ihre Talente bewusst zu teilen, auch wenn erst im Gehen klar wird, wie sich die religiöse Zukunft gestaltet».
Jacqueline Straub
Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden mit dem Frauenthaler Lebkuchen geehrt. Der Zuger Stadtrat zeichnet jedes Jahr an seiner traditionellen Lebkuchenfeier Menschen aus, die Wesentliches für die Stadt geleistet haben. Für welchen Dienst wurden Sie ausgezeichnet?
Regula Grünenfelder*: Für meine Forschung und Praxis in feministisch-transkirchlicher Theologie. Stadträtin Barbara Gysel hat in ihrer Laudatio hervorgehoben, wie wichtig Kirchenentwicklung im gegenwärtigen Umbruch für eine Stadt ist – sie braucht lesbare und bewohnbare Strukturen für Sinn und Gemeinschaft. Das war früher das Ressort der grossen Konfessionen, und wir erleben an dieser Stelle heute eine Vakanz mit dramatischen Folgen, beispielsweise Vereinsamung und Bubblebildung.
«Die transkirchliche Ekklesiologie wird ausdrücklich gewürdigt.»
Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?
Grünenfelder: Ich bin begeistert und dankbar! Der Lebkuchen ist eine grosse Ehre für jahrzehntelanges theologisches und soziales Engagement, für den Mut, aus vernetzter Praxis zu forschen. Es ehrt und freut mich besonders, dass ein bürgerlicher Stadtrat die zivilgesellschaftliche und politische Bedeutung der grossen Konfessionen versteht. Ebenso ihre Aufgabe, sich über sich selber hinaus mitzuteilen, damit Strukturen für Sinn und Vergemeinschaftung im Lebensraum für die Bevölkerung neu lesbar werden. Die transkirchliche Ekklesiologie, an der ich theoretisch und praktisch arbeite, wird ausdrücklich gewürdigt.
In der Laudatio sagte Stadträtin Barbara Gysel, dass Aufgeben nicht Ihre Art ist und Sie einen Weg für «Reformen und Fortentwicklung» bereiten wollen. Wie sieht dieser aus?
Grünenfelder: Ich bin überzeugt, dass das Gemeinwesen die abtretende Leitreligion dringend für das Entdecken gemeinschaftlicher Sinnperspektiven braucht. Die grossen Konfessionen haben personelle, inhaltlich-theologische, rituelle, räumliche und finanzielle Ressourcen. Sie hatten 1500 Jahre das Monopol. Die Zivilgesellschaft braucht Reformen im Sinne einer Fortentwicklung in einer vertikalen Ökumene, die im Lebensraum weit vor der Christianisierung begonnen hat und nach dem Ende der grossen Konfessionen als Leitreligion auch eine Zukunft haben wird.
Was werden die Aufgaben der Kirchen sein?
Grünenfelder: Die grosse Aufgabe der Kirchen ist es, ihre Talente bewusst zu teilen, auch wenn erst im Gehen klar wird, wie sich die religiöse Zukunft gestaltet. Aus christologischen und ethischen Gründen sind die Kirchen heute zu diesem Prozess aufgerufen. Es wird nicht mehr «unter Aufsicht der Kirchen» gehen, aber in besonderer Mitwirkung und Verantwortung.
Ihre Medaille, ein Lebkuchen, der durch die Schwestern des Klosters Frauenthal gebacken wurde, hat eine lange Tradition. Haben Sie ihn bereits gegessen?
Grünenfelder: Ich durfte dieses wunderbare Gebäck gleich am Abend teilen. Und zwar am Weihnachtsapéro des Vereins FRW Interkultureller Dialog (Friede, Respekt, Würde). Dort waren 120 Lernende und Freiwillige, Einheimische und Geflüchtete, die übrigens auch Freiwilligenarbeit leisten. Meine Familie hat dann den Rest bekommen.
*Die Theologin Regula Grünenfelder beschäftigt sich mit einer transkirchlichen Praxis im Bereich Kirchenentwicklung. Sie engagiert sich vielfältig bei gesellschaftspolitischen und kirchenpolitischen Themen. Etwa im Asylwesen oder als Geschäftsleiterin des Vereins frw. Ebenso setzt sie sich ein beim «Catholic Women’s Council: Gleiche Würde und gleiche Rechte», bei der «Allianz Gleichwürdig Katholisch» und bei der «JuniaInitiative».
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