Radiopredigerin Andrea Meier geht mit offenen Sinnen durch die Adventszeit. Sie nimmt vor allem Dunkelheit und Kälte wahr. Doch glimmt da nicht ein Licht dazwischen – hier und dort? Andrea Meier nimmt uns mit hinein in den Alltag des Advents.
Andrea Meier*
Es ist dunkel und kalt. Am Morgen werden meine Finger ganz steif von der Kälte. Der kalte Wind treibt mir die Tränen in die Augenwinkel. In der morgendlichen Dunkelheit hoffe ich, dass die vorbeibrausenden Autos und Lastwagen, die Lämpchen an meinem Velo und mich nicht übersehen.
Es ist dunkel und kalt. Gewaltige Massen aus Wasser und Schlamm begraben Landstriche unter sich. Sie knicken Bäume wie Streichhölzer, spülen Autos weg als wären sie Spielzeug, durchspülen Wohnzimmer, Schulen, Läden – Leben. Die Davongekommenen stehen von den Trümmern ihres Lebens und trauern um die, denen das Wasser das Leben gekostet hat.
Es ist dunkel und kalt. Der Achtjährige geht mit klopfendem Herzen die letzten Meter zum Schulhaus. Wer wird wohl diesmal anfangen? Was wird es wohl heute sein? Die Farbe vom Pullover? Die Art wie er sich hinsetzt? Die erste Antwort im Unterricht? Wie eine Schnecke möchte er sich verkriechen in sein Haus. Sie nicht grinsen sehen. Sie nicht lachen sehen. Und nicht die Blicke aushalten müssen.
Es ist dunkel und kalt. Der Geruch von kalten Essen hängt in der trostlosen Gemeinschaftsküche. Ein Kind kreischt in einem Zimmer. Am Ende vom Flur streiten sich zwei in einer Sprache, die Devrim nicht versteht. Was, wenn heute der Brief kommt? Wenn heute die Entscheidung fällt? Wenn heute dieses jahrelange Warten ein Ende nimmt? Aber auch heute ist das Postfach leer. Ein leerer Tag liegt vor der jungen Frau. Sie holt ihr Deutschheft, kocht einen Tee und wartet weiter.
Es ist dunkel und kalt. Der Priester steht frierend auf dem Friedhof. Er trägt dicke Stiefel und schaut auf all die Mützen und Schals, auf die Mäntel und Handschuhe. Er steht hier nicht zum ersten Mal. Aber immer sind es die gleichen Fragen: Was kann jetzt wärmen? Welche Worte, Gesten, Gedanken können diese Menschen erreichen, die Kälte und Trauer durchdringen?
Es ist dunkel und kalt. An einem Abend im November nehme ich auf dem Nachhauseweg Zweige mit. Ich schneide sie auf dem Balkon klein – die Schere ist eiskalt zwischen meinen Fingern. Im schwachen Schein vom Licht aus der Wohnung binde ich in der klirrenden Kälte einen Kranz. Ich stelle vier Kerzen dazu. Sie brennen noch nicht.
Es ist nicht mehr dunkel, aber wirklich kalt an diesem Ewigkeitssonntagmorgen. Wir wollen uns treffen, um das Apéro vorzubereiten. Zu fünft sollten wir sein. Aber Ändu steht allein vor der Kirche. Um 4 Uhr früh sei die Ambulanz gekommen, René im Spital, alle seien total aufgelöst… es sei wohl mit niemandem sonst zu rechnen. Ich schreibe eine SMS mit Besserungswünschen, während wir in Windeseile die Brote streichen. Zum Glück sind nicht so viele gestorben wie letztes Jahr… das war schlimm damals. Aber trotzdem: Die Gassenarbeiterin trägt 24 Namen zusammen. Wir holen auch noch die rein, die draussen an der Kälte sitzen. Und dann lesen wir die Namen, singen «am Ende denk ich immer nur an dich» und «es Glas uf d’Liebi» – wir geben der Liebe Raum, der Trauer und der Hoffnung, dass es irgendwann irgendwo weniger dunkel sein wird und weniger kalt.
Es ist kalt und auch jetzt am Nachmittag irgendwie nicht richtig hell. Wir schieben Tische zu Inseln zusammen, verteilen das Bastelmaterial, schneiden Züpfe und stellen den Most auf die Bar in der freundlichen Gaststube. Nach und nach füllt sich der Raum mit Menschen. Vor allem Frauen und Kinder kommen heute zum Lichterfest. Gemeinsam gestalten wir Windlichter, bemalen Lebkuchen, falten Sterne, drucken Karten und geniessen Kaffee und Tee.
Menschen aller Kulturen und Religionen stehen zum Schlusspunkt im Hof. Der zwölfjährige Nachbarsjunge hat einen Feuerwerks-Vulkan mitgebracht. Was hält dich wach, wenn es dunkel wird? Was hilft dir aufzustehen, auch wenn du dich am liebsten unter der Decke verkriechen würdest? Beschenkt mit Tipps von Gross und Klein im Kopf bestaunen wir das Feuerwerk – und fühlen uns ein bisschen mehr gerüstet für die dunkle und kalte Zeit.
Es ist ziemlich kalt in der Kirche als ich das Licht anzünde für die Veranstaltung an diesem Abend. Dawoud und Jihan sind bei uns zu Gast. Sie betreiben einen Weinberg in der Nähe von Bethlehem. Diesmal ist es geglückt – sie konnten trotz den widrigen Umständen die Reise zu ihren Freunden in der Schweiz unternehmen. Nun zeigt uns Dawoud die Bilder von blühenden Gärten – und von einem zerstörten Olivenhain.
«Einen Tag später hat uns eine jüdische Gemeinde aus London das Geld geschickt für neue Stecklinge. Gemeinsam mit Jugendlichen dieser Gemeinde haben wir neue Bäume gepflanzt. Wir werden wohl keine Oliven mehr ernten von diesen Bäumen. Aber wir hegen und pflegen sie so wie wir den Frieden pflegen – nicht für uns, für die kommenden Generationen. Es ist schwer jetzt von Frieden zu sprechen, aber wir weigern uns zu hassen, wir weigern uns Opfer zu sein, wir weigern uns Feinde zu sein.» Seine Augen leuchten – wie Sterne in der dunkelsten Nacht.
Durch die neblige, kalte Stadt radle ich zum Mittagstisch. Der Gemeindesaal ist gefüllt mit gedämpften Stimmen: farsi, kurdisch, türkisch, tibetisch, französisch und deutsch vermengen sich in der Luft mit dem feinen Duft aus der Küche. Ich gehe von Tisch zu Tisch, wir suchen eine gemeinsame Sprache.
Ich lade ein zum Theaterspielen: Ein internationales Krippenspiel – machst du mit? Ja genau, Mariam und Isa – die Geschichte von Joseph und dem Engel – die drei Könige. Du willst ein König sein? Klar! Du warst zuhause Regisseur? Du möchtest den Text auf Deutsch lernen? Ein feines Funkeln breitet sich aus von Tisch zu Tisch. Ja genau, dich suche ich. Ja, du bist gefragt: mit deinen Ideen, deinem Talent. Mach doch mit!
Es ist noch dunkel und sicher auch kalt. Ich war noch nicht draussen. Ich stelle die Kaffeetasse auf den Küchentisch – es ist noch ruhig in der Wohnung – ich bin als erste wach. Da liegt der Kranz. Das Zischen vom Streichholz, der kleine Schwefelgeruch in der Nase – mit ruhiger Hand zwei Kerzen anzünden. Die Küche wird ein bisschen heller als letzte Woche. Ein bisschen weniger dunkel. Die andern zwei Kerzen warten noch.
*Andrea Meier ist römisch-katholische Theologin und arbeitet in Bern.
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.
Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/andrea-meier-zum-zweiten-adventssonntag/