«Wir sind enttäuscht, verärgert und irritiert»

Die «Standortbestimmung» der Schweizer Bischöfe hat den Widerspruch von fünf Luzerner Theologinnen und Theologen herausgefordert. Sie vertreten die Ansicht, dass die private Lebensform von Seelsorgenden die Bischöfe nichts angehe.

Stefan Betschon

Vergangene Woche haben die Schweizer Bischöfe eine «Standortbestimmung» publiziert, die bezüglich der Rekrutierung von Seelsorgenden Vorgaben macht. Es sei auf einen «dem Evangelium entsprechenden Lebensstil» zu achten, schrieben die Bischöfe.

Das bedeutet, dass etwa geschiedene oder homosexuelle Menschen, die in einer Partnerschaft leben, sich nicht darauf verlassen können, die bischöfliche «Missio canonica» zu erhalten, die für gewisse Tätigkeiten in der Kirche notwendig ist. Die Bischöfe haben versprochen, jeden Einzelfall zu prüfen. Es könnte sein, dass auch Geschiedene oder Homosexuelle diese Prüfung bestehen. Aber es muss nicht sein.

Heftige Kritik

Es haben sich nun Betroffene zu Wort gemeldet. Fünf Luzerner Theologinnen und Theologen haben aktuell eine Stellungnahme veröffentlicht, die die «Standortbestimmung» heftig kritisiert. Dass die Bischöfe die Erteilung der «Missio» von der privaten Lebensform abhängig mache, sei ein «Machtmissbrauch».

Die Prüfungsverfahren, die Scheidung, Wiederverheiratung, gleichgeschlechtliche Partnerschaft oder die Zivilehe eines ehemaligen Priesters «faktisch zum Ausschlussgrund» machten, seien «sachlich nicht notwendig», verletzten «Gleichbehandlung» und «diskriminierten» gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Eingriff ins Privatleben

«Wir sind enttäuscht, verärgert und irritiert» heisst es in der Überschrift der «Stellungnahme», die von Herbert Gut, Barbara Lehner, Pius Blättler, Daniel Ammann und Franz Zemp erarbeitet wurde.

«Viele kirchliche Mitarbeitende in der Schweiz mussten – ähnlich wie wir – erfahren, dass ihre Bischöfe und Personalverantwortlichen tief in ihr Privatleben eingegriffen haben». Die Mitarbeitenden hätten diese Eingriffe hinnehmen müssen, «weil sie nach einer Scheidung in einer neuen Partnerschaft leben, weil sie offen zu ihrer Homosexualität stehen oder weil sie als ehemalige Priester verheiratet sind».

So würden «Menschen in existenziellen Lebensentscheidungen – etwa nach einer zerrütteten Ehe, einem Coming-out oder dem Schritt in eine verantwortete Partnerschaft nach dem Priesteramt – in einen Loyalitätskonflikt zwischen ihrem Gewissen und der Angst vor beruflichen Sanktionen gedrängt».

Zu viel Sexualmoral

Die fünf Luzerner Theologinnen und Theologen werfen den Bischöfen vor, dass sie der Sexualmoral zu stark gewichteten. Diese Gewichtung entspreche «weder dem Evangelium noch dem aktuellen Stand der modernen Theologie». «Damit wird ein eng gefasster Bereich der katholischen Morallehre überproportional zum Kriterium kirchlicher Anstellbarkeit und Glaubwürdigkeit gemacht.»

Die Bischöfe müssten anerkennen, dass auch «geschiedene und wiederverheiratete Seelsorgende, Mitarbeitende in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und verheiratete ehemalige Priester glaubwürdig im Dienst der Kirche wirken» könnten.

Die Verfasser der Stellungnahme fordern deshalb von den Bischöfen, dass die Erteilung der «Missio» nicht von der partnerschaftlichen Lebensform eines Seelsorgenden abhängig gemacht wird. Zudem sei eine unabhängige Beschwerde- und Schlichtungsstelle einzurichten für Fälle von Missio-Entzug oder -Verweigerung. Nur so könne Willkür und Machtmissbrauch verhindert werden. (Mitarbeit Regula Pfeifer)


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