In Nigeria haben Massenentführungen Entsetzen ausgelöst. Bewaffnete verschleppten jüngst Hunderte Kinder und zwölf Lehrer einer katholischen Grund- und Sekundarschule. Mehrere Menschen wurden erschossen. Gewalt gegen Christen gehört zum Alltag in Nigeria, wie der Basler Bischofsvikar Valentine Koledoye gegenüber kath.ch bestätigt. Auch er hat in seiner Heimat vor drei Jahren einen Anschlag miterlebt.
Wolfgang Holz
Herr Koledoye, wie haben Sie die jüngsten Schreckensnachrichten aufgenommen?
Valentine Koledoye: Die Entführungen an der St. Mary’s Co-Education School im Bundesstaat Niger haben mich tief bewegt. Ich kenne die Region gut, und der dortige Bischof, Bulus Dauwa Yohanna, ist ein ehemaliger Studienkollege von mir.
«Die Gefahr sexualisierter Gewalt, Ausbeutung und schwerer Traumatisierungen ist gross.»
Die gezielte Entführung von Kindern – insbesondere von Mädchen – gehört inzwischen zu den bedrückendsten Methoden extremistischer Gruppen. Die Gefahr sexualisierter Gewalt, Ausbeutung und schwerer Traumatisierungen ist gross. Für die Familien bedeutet die anhaltende Ungewissheit eine enorme seelische Belastung. Insgesamt lebt die Bevölkerung in einem Klima wachsender Unsicherheit.
Wann waren Sie zuletzt in Nigeria? Seit wann leben Sie in der Schweiz?
Koledoye: Ich reise regelmässig nach Nigeria und war zuletzt im Sommer dort. Diese Aufenthalte vermitteln mir ein unmittelbares Bild der Lage vor Ort. Man spürt deutlich, wie sehr Angst, Erschöpfung und Unsicherheit das tägliche Leben vieler Menschen bestimmen. Die gesellschaftlichen Veränderungen sind tiefgreifend. In der Schweiz lebe und wirke ich seit fast 20 Jahren in der Seelsorge.
Waren Sie oder Ihre Angehörigen selbst betroffen?
Koledoye: Meine Familie ist bislang glücklicherweise verschont geblieben. Dennoch hat mich die Gewalt persönlich getroffen: Der Anschlag vom 5. Juni 2022 ereignete sich in jener Pfarrkirche, in der ich Mitte der 1990er-Jahre selbst tätig war. Mehrere der Opfer kannte ich persönlich. Diese Erfahrung zeigt, wie nah die Bedrohung vielen Menschen kommt – auch ausserhalb der unmittelbaren Familie.
Warum werden denn so oft Schülerinnen und Schüler katholischer Schulen entführt?
Koledoye: Extremistische Gruppierungen wie Boko Haram lehnen westlich geprägte Bildung grundsätzlich ab und betrachten Schulen als Symbole gesellschaftlicher Entwicklung. Besonders kirchliche Bildungseinrichtungen geraten dabei in den Fokus.
«Mädchen sind besonders gefährdet, weil sie leichter missbraucht, zwangsverheiratet oder zur Arbeit gezwungen werden können.»
Die Entführung grösserer Schülergruppen erzeugt maximale öffentliche Wirkung und destabilisiert ganze Regionen. Mädchen sind besonders gefährdet, weil sie leichter missbraucht, zwangsverheiratet oder zur Arbeit gezwungen werden können.
Was wollen die Täter erreichen?
Koledoye: Finanzielle Motive spielen eine Rolle, doch viele Entführungen verfolgen darüber hinaus ideologische oder politische Ziele. Einige Gruppierungen berufen sich auf historische Einflussgebiete, die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Gewalt ist Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels aus religiöser Instrumentalisierung, regionalen Spannungen und unzureichenden staatlichen Sicherheitsstrukturen. Es handelt sich nicht um reine Kriminalität, sondern um tief verwurzelte Konfliktmechanismen.
«Priester nehmen in Nigeria eine sichtbare und respektierte gesellschaftliche Rolle ein, weshalb ihre Entführung eine grosse öffentliche Resonanz erzeugt.»
Warum sind Katholiken – vor allem Priester – so oft betroffen?
Koledoye: Priester nehmen in Nigeria eine sichtbare und respektierte gesellschaftliche Rolle ein, weshalb ihre Entführung eine grosse öffentliche Resonanz erzeugt. Gleichzeitig trifft die Gewalt nicht ausschliesslich Katholiken. Auch Christen anderer Konfessionen sowie muslimische Gemeinschaften sind betroffen. Die Problematik ist breiter und betrifft verschiedene Bevölkerungsgruppen.
Gibt es grundsätzlich einen religiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen?
Koledoye: In vielen Regionen leben Christen und Muslime seit Jahrzehnten friedlich zusammen. Die heute sichtbaren Spannungen gehen vor allem auf extremistische Gruppen zurück, die Religion für ihre eigenen Zwecke nutzen. Politische Akteure verstärken diese Spannungen teilweise ungewollt, wenn religiöse oder ethnische Zugehörigkeiten im politischen Diskurs überbetont werden.
«Der Staat steht vor grossen sicherheitspolitischen Herausforderungen.»
Was tut der Staat dagegen?
Koledoye: Der Staat steht vor grossen sicherheitspolitischen Herausforderungen. In vielen Gebieten greifen Schutzmechanismen nicht ausreichend, und die Bevölkerung fühlt sich vielerorts ungeschützt. Erschwerend wirkt, dass Teile der politischen Elite religiöse und ethnische Identitäten im Wahlkampf instrumentalisieren. Eine stärkere Entpolarisierung sowie ein entschlossenerer Schutz der Zivilbevölkerung wären wichtige Schritte, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant