Der Bischof von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, erhielt die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel sei das Klima zwischen den Religionen vergiftet, so Kardinal Pizzaballa. Wichtiger als politische Slogans sei es, den Schmerz der anderen Seite wahrzunehmen.
Francesco Papagni
«Einen Mann des Friedens», so nannte Veronika Hoffmann Kardinal Pierbattista Pizzaballa, dem sie als Dekanin der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg die Ehrendoktorwürde verleihen durfte. Tatsächlich hat sich Pizzaballa nicht nur unermüdlich für den Frieden eingesetzt, er hat sich der Hamas auch als Geisel im Austausch mit den verschleppten israelischen Kindern angeboten.
Der Franziskaner war vor seiner Berufung in sein hohes Amt Kustos der christlichen Stätten des Heiligen Landes, eine Aufgabe innerhalb des Franziskanerordens, dem die Betreuung jener Stätten obliegt. In dieser Funktion hat er sich bewährt, weil er es verstand, gute Beziehungen zu allen Seiten zu unterhalten. Auch engagierte er sich für den jüdisch-christlichen Dialog, sodass er 2020 zum Patriarchen von Jerusalem ernannt wurde.
In seiner in Englisch gehaltenen Rede in Fribourg stellte der Patriarch klar, dass er nicht als politischer Analytiker spreche vielmehr als Hirte. Dann ging er auf die Kluft zwischen den schönen Dokumenten des interreligiösen Dialogs und der Wirklichkeit ein, die von Misstrauen und Hass geprägt sei.
«Jeder spricht ausschliesslich aus der Perspektive der eigenen Gemeinschaft.»
Und er erlaubte sich auch Kritik an religiösen Führern. Bis auf wenige Ausnahmen habe man «keine Erklärungen, Überlegungen und Gebete von lokalen religiösen Führungspersönlichkeiten gehört, die sich von den Äußerungen anderer unterscheiden, die politische und soziale Führungsrollen haben.» Und er fügte hinzu: «Es entsteht der Eindruck, dass jeder ausschliesslich aus der Perspektive der eigenen Gemeinschaft spricht.» Jede Seite sehe sich als das einzige Opfer in diesem Konflikt. Demgegenüber gelte es, die Empathie für das Leid des Anderen wiederzugewinnen.
Pierbattista Pizzaballa sieht den 7. Oktober 2023, Tag des Überfalls der Hamas auf Israel, als Einschnitt in den jüdisch-christlichen Dialog. Die jüdische Seite habe nach diesem Datum ein klares Wort, eine Geste der Solidarität von christlicher, insbesondere von katholischer Seite vermisst. Er selbst, stellte der Kardinal klar, habe ein solches klares Wort gesprochen, aber die jüdische Seite habe es als nicht genügend erachtet. Andererseits würden Muslime den Christen vorwerfen, nicht klar genug gegen den Gaza-Krieg Stellung bezogen zu haben.
Wir müssten neu beginnen im Bewusstsein, «dass Religionen eine zentrale Rolle als Orientierungshilfe spielen und dass der Dialog unter uns einen wichtigen Schritt vorwärts machen muss, ausgehend von unseren gegenwärtigen Missverständnissen, unseren Unterschieden und unseren Wunden.» Dies solle aber nicht aus Not, vielmehr aus Liebe geschehen.
Also weiterhin Dialog und Friedensorientierung, aber ohne Naivität. Der Krieg sei vorbei, aber der Konflikt ende nicht morgen und auch nicht übermorgen. Deswegen sei es erst mal wichtig wiederaufzubauen – nicht nur Häuser, sondern auch Vertrauen. Die grossen Worte wie Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung müssten neu mit Bedeutung gefüllt werden.
Überhaupt misst der Patriarch der Sprache eine wichtige Rolle in der Überwindung des Konflikts zu. Schon vor dem 7. Oktober 2023 sei eine gewalttätige, verachtende Sprache in Gebrauch gekommen. Diese müsse überwunden werden, und dafür nahm er auch die Universitäten in die Pflicht, die verschiedentlich zu Orten der Intoleranz geworden seien.
Was meinte der sonst so zurückhaltende Kardinal mit dieser Kritik, die pikanterweise an einer Universität ausgesprochen wurde? Wahrscheinlich die vielen Fälle, wo Diskussionen an Universitäten – auch in der Schweiz – von Protestierenden gestört oder verunmöglicht wurden. Manchmal auch von Dozentinnen und Dozenten, die ihre akademische Arbeit durch politischen Aktivismus ersetzt haben.
Friedensarbeit und interreligiöser Dialog gelingen nicht, wenn sie nicht ständig von einer Kraft von oben genährt würden. «Wir brauchen in der Tat einen idealen Bezugspunkt, (…) aus dem wir Inspiration für unser Nachdenken schöpfen können.» Kardinal Pizzaballa evozierte in seiner Rede die Vision einer himmlischen Stadt in der Offenbarung des Johannes als einen solchen Bezugspunkt. Von ihr wird gesagt, dass sie eine Stadt ohne Tempel sei: «Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, Gott, der Alleinherrscher ist, ist ihr Tempel, er und das Lamm» (Offb 21,22).
«Im neuen Jerusalem gibt es keine Orte, die man besitzen kann, sondern nur Beziehungen, die aufzubauen sind.»
Pizzaballas Kommentar: «Im neuen Jerusalem gibt es keine Orte, die man besitzen kann, sondern nur Beziehungen, die aufzubauen sind. Dies ist eine wichtige Botschaft in einem Kontext, der von Konflikten um Land, um die Festlegung von Grenzen und von gegenseitiger Ausgrenzung geprägt ist.»
Andererseits ist der Kirchenmann aus Jerusalem auch Realist und unterscheidet zwischen endzeitlicher Vision und der politischen Wirklichkeit: «Wir dürfen nicht naiv sein. Grenzen sind notwendig. Wir müssen unsere lebenswichtigen Räume definieren. Sie dürfen jedoch keinen Grund zur Spaltung sein.» Mag dieses lebenskluge Wort seinen Weg finden ins Ohr all jener europäischen Aktivisten, die alle Grenzen abschaffen wollen.
Vor seiner Rede gab es eine leider fast nur von katholischen Medien besetzte Pressekonferenz, während der sich der Kardinal als nahbarer Mensch zeigte und viele Fragen beantwortete.
Wie es den Menschen und namentlich auch den Christen in Gaza gehe, wurde er gefragt. Die Christen unterschiedlicher Denominationen in Gaza seien ungefähr 500, sie lebten fast alle in der Pfarrei Heilige Familie, da ihre Häuser zerstört seien. Die christliche Gemeinde habe 56 Todesopfer zu beklagen. Von diesen seinen 23 durch fehlende medizinische Versorgung gestorben. Die Versorgung mit Lebensmitteln bleibe prekär, habe sich jedoch verbessert: Fleisch und Gemüse seien wieder vorhanden.
Gebe es Hoffnung, wurde gefragt. Des Kardinals pointierte Antwort: Hoffnung sei zu einem Slogan geworden. Wir redeten über Hoffnung und Zukunft, was es aber erst mal brauche, sei eine politische Lösung. Ohne politische Lösung kein Wiederaufbau. Auch eine provisorische Lösung sei erwünscht. Und er fügte hinzu: Provisorische Lösungen dauerten im Nahen Osten – «nicht wie in der Schweiz» – manchmal Jahrzehnte. Nicht als Ersatz für Politik, sondern als Haltung bleibe aber Hoffnung elementar.
Wie lebe er in Jerusalem aktuell, wollte eine Journalistin wissen. Gebet, Musik, Bücher – nicht nur theologische, gäben ihm Kraft, antwortete der Franziskaner. Beide Seiten seien erschöpft und demoralisiert. Er finde trotz allem wunderbare Menschen auf beiden Seiten.
Ob es genug Unterstützung durch die Weltkirche gebe, lautete eine andere Frage. Ja, es gebe viel Unterstützung von Diözesen, Pfarreien, Bewegungen. Selbst die arme afrikanische Kirche habe gespendet.
Und er richtete einen Appell an uns: Die Pilger sollen zurückkehren, Israel sei heute ein sicheres Land für Reisende. Es sei sowohl für Christen als auch für Nicht-Christen wichtig, dass die Pilger wiederkämen. Als Zeichen der Solidarität und aus wirtschaftlichen Gründen, denn viele Menschen lebten davon.
Nach seiner Rede feierte Kardinal Pizzaballa eine Festmesse mit Farbenstudenten und Schweizergardisten in der vollbesetzten Christ-König-Kirche.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wie-der-krieg-in-gaza-die-juedischen-christlich-beziehungen-veraendert/