Wenn uns die bezahlte Arbeit ausgeht

Künstliche Intelligenz wird viele Arbeitsplätze zerstören. Es braucht deshalb komplett neue Modelle wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist eine der Thesen des Sozialethikers Peter Kirchschläger in einem kürzlich erschienen Buch.

Dominik Landwehr

In der Diskussion um KI rücken zunehmend gesellschaftliche und ethische Fragen in den Vordergrund. Das ist auch das Forschungsfeld von Peter Kirchschläger. Der Theologe leitet an der Universität Luzern das Institut für Sozialethik. In seiner neuesten in englischer Sprache vorliegenden Publikation «Ethics and the Digital Transformation of Human Work» legt er eine Summe seiner Erkenntnisse vor.

Das Nachäffen von Intelligenz

Der Autor entwickelt eine eigene Begrifflichkeit und spricht nicht einfach von KI sondern von datenbasierten Systemen. Er stellt klar, dass es bei KI, nicht um eine genuine, menschenähnliche Intelligenz, sondern vielmehr um eine Imitation von Intelligenz handelt, die sich aus vorgefundenem Material speist, das sind in der Regel Texte, Bilder, Medien aus dem Internet. Die Frage der Wahrheit des Materials spielt dabei keine Rolle, relevant ist, was sich häufig findet.

Ganz anders in der menschlichen Kommunikation: Wir gehen immer davon aus, dass die Aussagen unseres Gegenübers und unsere eigenen wahr sein. Demzufolge haben die Resultate, die durch diese datenbasierten Systeme geschaffen werden, keine ethische und moralische Dimension. Ein Aspekt, der ein unkritischer Umgang mit KI in der Regel vernachlässigt.

Erhöhtes Innovationstempo

Anders als in früheren technologischen Umwälzungen geht es für ihn heute nicht mehr um die Vereinfachung von Arbeit, sondern um deren Abschaffung, und diese Transformation umfasst alle Bereiche der Arbeit auf einem globalen Niveau. Ein automatisches Kassensystem im Supermarkt vereinfacht nicht die Arbeit der Kassiererin, sondern macht sie überflüssig.

Es braucht auch immer weniger Steuerung durch den Menschen, diese übernimmt das System gleich selber. Durch diese Struktur werden auch die Innovationszyklen kürzer, das Tempo steigert sich. Und das alles führt trotz Tempo und höherem Output, nicht zu höheren Einkommen, im Gegenteil: Immer weniger Menschen produzieren immer mehr Güter und Dienstleistungen zu immer günstigeren Preisen.

Gleichzeitig explodieren die Profite. Ungebremst würde das wiederum zu einer Verarmung weiter Schichten der Bevölkerung führen. Damit werden diese Systeme zu einer Bedrohung der menschlichen Würde. Roboter ersetzen nicht einfach Menschen, sondern nur einen kleinen und operationalisierbaren Teil ihrer Arbeit, ohne kommunikativen, emotionalen oder sozialen Bezug.

Bedingungsloses Grundeinkommen

In einer Gesellschaft, die auf diese Weise transformiert wird, verliert die bezahlte Arbeit ihren bisherigen Stellenwert, auch die Finanzierung des Gemeinwesens wird in Frage gestellt. Diese Situation ruft nach komplett neuen Lösungsmodellen.

Einkommen und Arbeit müssen voneinander entkoppelt werden, wie das etwa im Modell des bedingungslosen Grundeinkommens vorgeschlagen wird. Sinnstiftung kommt nicht mehr durch die bezahlte Arbeit, sondern beispielsweise durch die Übernahme von Aufgaben in der Gemeinschaft.

Ungewisse Zukunft

Damit erleben wir historisch eine neue Situation: Die Arbeitsethik, wie wir sie heute kennen, entstand vor etwa 150 Jahren und basiert auf Vollzeitarbeit. Seither haben alle technologischen Umwälzungen letztlich Fortschritte für das Individuum gebracht.

Wenn dieser Mechanismus ausfällt, dann braucht es komplett neue Modelle, um ein gerechtes und faires ökonomisches System zu erschaffen. Eine Schlüsselposition kommt dabei der Bildung zu, allerdings in einem weit umfassenderen Sinn als bisher, wo es primär darum ging, die Menschen fit für die Technologie zu machen.

Es geht vielmehr darum das Individuum auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten. Bedingung dabei ist, dass es dem Staat möglich ist, Profite bei den Firmen abzuschöpfen, um damit ein Einkommen für die Menschen zu garantieren.

Politische Hindernisse

Das Buch von Kirchschläger ist ein rasanter Ritt durch die gesellschaftlichen Umwälzungen, die wir gerade erleben. Die Grundthese der massiven Reduktion wenn nicht gar des Verschwindens von traditioneller, bezahlter Arbeit, bleibt aber unwidersprochen.

Das macht etwas misstrauisch: In der Vergangenheit haben sich ähnliche Szenarien als Phantasieprodukte erwiesen. Der Autor kennt aber nur eine Prognose, seine eigene. Sein Modell mag plausibel scheinen, aber er spricht nie von der politischen und gesellschaftlichen Umsetzbarkeit und den Hindernissen.

Hohe Aktualität

Das Buch ist zwar in englischer Sprache geschrieben aber gut lesbar, klar gegliedert und umfassend mit Referenzen versehen, trotz dieser Verständlichkeit erscheint es aber theoretisch. Das muss nicht negativ sein, denn die Herausforderungen unserer Zeit ruft nach einer Vielfalt von Antworten.

Solche Antworten wachsen selten aus einer These allein, sondern aus der Diskussion bestehender Analysen und Vorschläge und in diesem Sinn ist auch der Text von Peter Kirchschläger sehr wertvoll. Er verwebt Ideen, die auch von anderer Seite her im Raum stehen und integriert sie in eine hochaktuelle Frage.

Kirchschläger, P. G. (2025): Ethics and the Digital Transformation of Human Work – The Society-, Entrepreneurship-, Research-Time Model (SERT). Cham: Springer Nature (Palgrave Macmillan).


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