Radiopredigerin Tania Oldenhage schaut auf das Engagement ihrer Gemeinde im Dienst der Nächsten. Menschen engagieren sich, ob sie sich religiös verstehen oder nicht. Sie leisten seit Jahren freiwillige Arbeit und Oldenhage sagt: «Wir brauchten keine Bibelverse, um dabei zu bleiben.»
Tania Oldenhage*
Genau 10 Jahre ist’s her, ich war auf dem Weg zur Kirche, an der Kreuzung traf ich eine Nachbarin. «Wir müssen etwas tun», sagte sie. «Wir können doch nicht einfach dasitzen und zuschauen und nichts tun. Lass uns doch bitte zumindest einen kleinen Beitrag leisten. Und wenn es auch nur ein Tropfen ist auf dem heissen Stein.»
Ein halbes Jahr später war es so weit, und wir öffneten die Türen der Kirche für Menschen, die Deutsch lernen wollten. Menschen geflüchtet aus Syrien, aus Eritrea und Afghanistan, aus dem Sudan, aus dem Irak und der Türkei, und viele Leute halfen mit, engagierten sich Woche für Woche, die Jüngste war 12, die Älteste 85 Jahre alt.
Wenn am Nachmittag der Deutschkurs vorbei war, räumten wir auf. Die Lehrerinnen und Lehrer packten erschöpft ihre Sachen zusammen, sie lachten und sagten: «Wir sind fix und fertig, warum tun wir uns das an?» Aber am nächsten Mittwoch waren sie wieder da und auch in der Woche darauf, Monat für Monat, kamen sie in die Kirche und unterrichteten Deutsch.
Eine kam immer schon um halb 2 Uhr und stellte die Tische auf und die Stühle und den Drucker, und schleppte die schweren Ordner in den Saal mit all den Unterrichtsmaterialien. Dass sie sich ausgerechnet in der Kirche engagierte, überraschte sie selbst, wer hätte das gedacht, mit Kirche hatte sie nichts am Hut, aber sie war selbst mal eine Fremde in einem fremden Land und wusste wie es ist, wenn man ankommt ohne Sprache, ohne Freundinnen und Freunde.
Eine andere war Familienfrau, und als ob das nicht genug sei, half sie jeden Mittwoch mit, stellte Wasser parat und Gläser und Früchte und Kuchen. Sie sagte: «Wenn mich meine Kinder später fragen, ›was habt ihr getan als all die Menschen im Mittelmeer starben’, was sag ich ihnen dann? Was sagen wir ihnen?»
In unserem Team war auch eine Rechtsanwältin und ein IT-Spezialist, ein Archivar und zwei Künstlerinnen, die eine kam oft direkt aus Bern und erzählte uns von ihren Projekten. Aber sie wollte nicht nur Kunst schaffen, sondern auch etwas tun für Menschen, denen es schlechter ging als ihr.
Einige Lehrer waren vor Jahren selbst geflüchtet, hatten mühsam Deutsch gelernt, jetzt wollten sie denen helfen, die am Anfang standen.
Eine von uns war 20 Jahre alt und im Zwischenjahr, ich seh sie noch vor mir, wie sie sich um die Kinder kümmerte, um die weinenden, lachenden, fröhlichen, zornigen, kleinen Kinder, deren Mütter oder Väter im Saal nebenan Deutsch lernten, «Alles isch guet», sagte sie, «alles isch guet.»
Eine andere – auch sie hat die Kinder gehütet – sprach manchmal mit mir über den Glauben, das heisst, sie glaubte nicht an Gott, bei allem, was passiert auf der Welt, und sie ging grundsätzlich nicht in den Gottesdienst, ich müsse das verstehen und nähme es ihr hoffentlich nicht übel. Aber sie hatte ein Herz für Kinder, und war jeden Mittwoch zur Stelle.
Einmal kam eine Soziologiestudentin und machte ein Interview mit uns: «Warum engagiert ihr euch», wollte sie wissen, und wir sagten: «wir bekommen selbst so viel zurück.» Sie sprach mit uns darüber, dass es natürlich auch immer ein bisschen problematisch ist, wenn sich weisse Wohlstandsmenschen für die armen Flüchtlinge engagieren, um sich besser zu fühlen und nicht so schuldig. Das stimmt, sagten wir, doch was wäre die Alternative? Nichts tun?
Einmal ging das Gerücht durch die Stadt, die Kirchen würden in ihren Deutschkursen missionieren und Geflüchtete zum christlichen Glauben bekehren. Das war schlimm. Das Gerücht kam und verschwand wieder, zum Glück.
Dann gab es einige, die gaben sich nicht zufrieden damit, Deutsch zu unterrichten, denn sie sahen die Not der Menschen, die zu uns kamen und wie aussichtslos die Situation oft war. Sie hängten sich ans Telefon, kamen mit zu den Ämtern, halfen bei Härtefallgesuchen, liessen ihre Beziehungen spielen, vermittelten Schnupperlehren. Sie liessen nicht locker.
Eine rief mich immer wieder an und machte Vorschläge, was die Kirche sonst noch tun könnte, man müsste doch mehr tun können, und recht hatte sie, und schliesslich war ich Pfarrerin, aber mein Terminkalender war voll und mehr schaffte ich nicht. Sie machte weiter, und gross ist die Zahl derer, denen sie geholfen hat. Oft habe ich mich gefragt, was sie antreibt, woher sie die Kraft nimmt. Auch sie ist nicht besonders religiös.
Einmal musste ich ein Interview geben für ein Kirchenblatt und die Journalistin wollte wissen, was denn die Bibel über Flüchtlinge sagt. Das war für mich eine schwierige Situation. Welchen Bibeltext sollte ich zitieren? «Liebt die Fremden». «Vergesst die Gastfreundschaft nicht.» «Was ihr einem dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan». Klingt alles gut, doch hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass Menschen abschalten, sobald die Bibel ins Spiel kommt.
Und so sprach ich stattdessen darüber, dass ein Bibelvers angesichts der komplexen Schweizer Asylpolitik vielleicht nicht sehr aussagekräftig sei und dass sich die Erfahrungen geflüchteter Menschen in unserer Zeit nicht wirklich gleichsetzen liessen mit den biblischen Geschichten. Die Journalistin schaute mich an — ich weiss bis heute nicht, ob ich mich verständlich machen konnte.
Wir jedoch brauchten keine Bibelverse, um dabei zu bleiben. Nur einmal, und das möchte ich Ihnen, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, zum Schluss doch auch noch erzählen, einmal haben wir Besuch bekommen von einem Gast aus dem Ausland, einer Theologin. Ich nahm sie mit in die Kirche, in den Deutschkurs. Der Saal war voller Menschen, Köpfe gebeugt über Arbeitsblätter. Wir gingen in die Küche, dort wurden gerade die Brote geschmiert für 100 Leute, mit Schnittlauch und Tomaten.
Unser Gast gab allen die Hand. Und dann sagte sie: «Wie gut, dass ihr Christi Werk tut.» Das sagte sie. Und alle wurden still. Es war ein verrückter Moment, denn was immer uns verband miteinander, Christus war es nicht. Für unseren Gast jedoch war die Sache glasklar: Wir taten Christi Werk.
Und jetzt könnte man meinen, typisch christlich, doch es war noch komplizierter. Denn die Theologin, die uns besuchte, sie war Jüdin, sie glaubte nicht an Christus, aber sie sah, was wir machten in einer Kirche, und sie ist eine freundliche Person und wollte unsere Sprache sprechen und so sprach sie uns etwas zu, was wir selbst nicht so sahen und auch nicht so sehen konnten. Und wir waren ein wenig verlegen, aber es hat auch etwas ausgelöst, allein die Vorstellung: Christi Werk tun.
Die Worte hingen in der Luft. Und auch wenn sich die meisten von uns dagegen verwahrt hätten, dass das, was wir taten, irgendetwas mit Christus zu tun haben könnte, und auch wenn ich selbst es nie so gesagt hätte und bis heute auch nicht unbedingt so verstehe, von ihr konnte ich es mir sagen lassen: Wir haben Christi Werk getan.
*Tania Oldenhage ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Zürich.
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