Prior von Taizé: «Die Kirchen verlieren an Macht, eine unglaubliche Chance»

Was andere ängstigt, erfüllt Matthew Thorpe mit Hoffnung: der Bedeutungsverlust der Kirchen. Er will seine Verantwortung als Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé synodal geteilt wahrnehmen. «Junge Menschen sind instinktiv synodal», sagt er bei einem Besuch in Lausanne.

Geneviève de Simone Cornet, für cath.ch

Bruder Matthew Thorpe war am 9. November 2025 anlässlich eines Taizé-Gebets zu Gast in der Kathedrale von Lausanne. Der Prior, der aus der anglikanischen Tradition stammt, folgte einer Einladung von Timothée Reymond, Pfarrer in Romainmôtier. Thorpe war bereits 1992 mit dem Prior Roger Schutz nach Lausanne gekommen. Dessen Nachfolger Bruder Aloïs Löser kam 2008 erneut. «Mit meiner Zusage folgte ich den Spuren meiner Vorgänger und ehrte die Tradition, in der Kathedrale ein Gebet mit Gesängen aus Taizé zu organisieren», sagt Matthew Torpe.

Sie sind seit 2023 Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé: Was hat Ihnen diese Zeit persönlich gebracht?

Matthew Thorpe: Es ist ein grosses Geschenk und ein Privileg, Prior einer solchen Gemeinschaft zu sein, und ich lebe damit in grosser Zufriedenheit. Ich knie vor Brüdern nieder, die von weit her kommen. Denn sich in einer Gemeinschaft zu engagieren, in der wir alle so unterschiedlich sind, erfordert Mut und eine persönliche Entscheidung, sich für die Nachfolge Christi zu engagieren.

In dieser Geste steckt immer etwas von der Kenosis (ein theologischer Begriff, der bedeutet, dass Gott freiwillig auf bestimmte Attribute seiner Göttlichkeit verzichtet, Red.). Es ist wie das Weizenkorn, das stirbt, um Frucht zu bringen: Etwas in uns muss sterben, um wieder zu leben.

«Ich war sehr beeindruckt von der ökumenischen Vigil «Together» von Papst Franziskus.»

Mir ist es wichtig, zu einer grösseren Mitverantwortung zu gelangen. Da ich sehr stark an ihrer Vorbereitung beteiligt war, bin ich noch immer sehr beeindruckt von der ökumenischen Vigil «Together», die Papst Franziskus zur Eröffnung der ersten Sitzung der Synode über Synodalität am 30. September 2023 geleitet hat. Es war ein authentischer synodaler Ansatz, da wir Bewegungen aller Konfessionen einbezogen haben. Diese Vigil in Anwesenheit der Synodenteilnehmer versetzte sie in einen Geist des Zuhörens und des Gebets und gab der Synode einen ökumenischen Impuls.

In Taizé versuchen wir, Synodalität umzusetzen. Arbeitsgruppen, die sich aus mehreren Brüdern zusammensetzen, reflektieren gemeinsam über verschiedene Bereiche des Gemeinschaftslebens. Die Entscheidungsfindung basiert nun auf Austausch und gemeinsamer Reflexion, wodurch jeder in die Leitung der Gemeinschaft einbezogen wird. Das ist eine Herausforderung, das braucht Zeit, aber es ist der Weg, den wir gehen müssen. Aber je mehr sich jeder einbringt, desto mehr engagiert er sich. Und das bedeutet auch, die Berufung der Getauften ernst zu nehmen.

Sie empfangen viele junge Ukrainer in Taizé: Wie begleitet die Gemeinschaft sie?

Thorpe: Das Thema dieses Jahres in Taizé ist die Hoffnung, das Thema des Jubiläumsjahres in der katholischen Kirche. Ich habe dazu einen Text mit dem Titel «Hoffen über alle Hoffnung hinaus» geschrieben, der auf Gesprächen mit jungen Menschen aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, dem Libanon, dem Heiligen Land und Myanmar basiert. Man muss zunächst einmal diesen jungen Menschen zuhören, denn sie haben uns etwas zu sagen: die Kraft ihres Glaubens an die Auferstehung, das Leben, das stärker ist als der Tod, diesen lebendigen Glauben, der ihnen hilft, durchzuhalten und weiterzumachen. Man muss bei der Realität ansetzen, bei dem, was die Menschen erleben. Das ist sehr schwer, aber es ist ein Glaubenszeugnis, das es verdient, gehört zu werden.

Ich selbst war letztes Jahr mit einigen Brüdern in der Ukraine: Die Menschen sind sehr dankbar für unsere Anwesenheit, die ihnen zeigt, dass man sie nicht vergisst. Wir waren nicht dort, um Lösungen anzubieten: Wir haben engagierte und solidarische Menschen ermutigt und Gebetsräume geschaffen, in denen Christen aller Konfessionen in einer komplexen kirchlichen Situation zusammenkommen konnten.

Was zieht Ihrer Meinung nach so viele junge Menschen nach Taizé? Was suchen sie dort?

Thorpe: Sie sind sehr unterschiedlich und es fällt auf, wie sehr sie sich in das gemeinsame Gebet einfügen, ein einfaches Gebet – wiederholte Gesänge, Bibellesungen, Fürbitten, Zeiten der Stille. Für viele von ihnen ist es die Stille, die sie am meisten beeindruckt. Viele entdecken sie in Taizé, und das beeindruckt mich sehr.

Und diese Suche nach Stille nimmt zu: In einer hypervernetzten Welt brauchen junge Menschen Räume, in denen sie vor Gott mit anderen sie selbst sein können; Räume, in denen sie sich sicher fühlen, in denen sie zusammen sein und sich frei austauschen können. Junge Menschen sind instinktiv synodal: Der Austausch in kleinen Gruppen und das Zuhören werden in Taizé seit Jahrzehnten praktiziert.

«Für viele von ihnen ist es die Stille, die sie am meisten beeindruckt. Viele entdecken sie in Taizé.»

Was tun angesichts des zunehmenden Identitarismus und der wachsenden Abschottung in unseren Gesellschaften?

Thorpe: Wir sind Menschen auf der Suche, auf dem Weg. Wir haben keine Lösungen, aber wir heissen diejenigen willkommen, die ein wenig unserer Zeit mit uns teilen möchten. Wir freuen uns über die Vielfalt der Menschen und ihrer Lebenswege und stellen fest, dass es möglich ist, in Christus zu teilen, auch wenn man unterschiedliche Meinungen hat.

Die Herausforderung besteht heute darin, gegen die Polarisierung anzukämpfen. Manche sind Gefangene ihres eigenen Algorithmus und unfähig, darüber hinauszuschauen. Wie kann man ihnen begegnen und ihnen zuhören, ohne sie zu verurteilen? Sie sind auf der Suche nach Orientierungspunkten, auf der Suche nach Authentizität – dennoch ist es nicht ungewöhnlich, einen jungen Menschen zu treffen, der an der Wallfahrt nach Chartres, an den Emmanuel-Treffen in Paray-le-Monial und an einer Versammlung in Taizé teilnimmt. Es ist unsere Aufgabe, die positiven Impulse, den Wunsch, sich zu engagieren, zu begleiten. Denn jede Begegnung mit dem Anderssein bringt uns etwas.

«Wir leben in einer wunderbaren Zeit, denn die Kirchen verlieren an Macht, sie werden arm.»

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirchen?

Thorpe: Wir leben in einer wunderbaren Zeit, denn die Kirchen verlieren an Macht, sie werden arm. Das ist eine unglaubliche Chance, wieder zum Sauerteig im Teig, zum Salz der Erde zu werden, das Evangelium wirklich zu leben. Die Frage der Macht ist sehr kompliziert, und wir haben viele Menschen verletzt, sogar in Taizé, wo es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. Wir sind noch dabei, uns weiterzubilden, um mit dieser Frage umzugehen, und wir lassen uns dabei helfen. Wir organisieren regelmässig Workshops, um darüber nachzudenken, unter uns und mit den Jugendlichen, die wir bei uns aufnehmen.

Wie beurteilen Sie die Ernennung einer Frau zur Erzbischöfin von Canterbury?

Thorpe: Die Ernennung von Sarah Mullally zur Erzbischöfin von Canterbury ist für mich ganz normal, sie ist eine natürliche Folge der Bischofsweihe. Auch wenn dies zu Spaltungen innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft geführt hat, die uns dazu veranlassen, uns zu fragen, wie wir solche Fragen intern behandeln sollen. Es ist sehr schön, dass diese Frau beruflich im Gesundheitswesen tätig war. Und dass sie an der Spitze einer Diözese der Church of England stand, die sowohl mit grossen sozialen Spaltungen als auch mit unterschiedlichen Vorstellungen von Kirche konfrontiert war.

Und wie sieht es mit der Stellung der Frau in der katholischen Kirche aus?

Thorpe: Es gibt Entwicklungen. Papst Franziskus hat Frauen in Führungspositionen in Dikasterien berufen. Und das ist nicht nichts. Natürlich konzentriert man sich auf den Zugang von Frauen zum Priestertum, aber man muss zuerst darüber nachdenken, was es bedeutet, Priester zu sein, und gegen den Klerikalismus kämpfen. Und zur Taufe zurückkehren, die jeden Christen zu einem Priester, Propheten und König macht.

«Es geht nicht darum, einen weiblichen Zweig von Taizé zu gründen.»

Gibt es bald Frauen in der Gemeinschaft von Taizé?

Thorpe: Ist die Gemeinschaft bereit für einen solchen Schritt? Ist sie dazu berufen? Das sind die Fragen, die ich mir stelle. Es geht nicht darum, einen weiblichen Zweig von Taizé zu gründen. Sollten wir nicht zunächst nach kirchlichen Formen suchen, die unserer Zeit entsprechen und eine Antwort auf die Suche unserer Zeitgenossen bieten? Seit sechzig Jahren pflegen wir eine sehr schöne Zusammenarbeit mit den Schwestern von Saint-André, die die jungen Mädchen begleiten, die nach Taizé kommen. Ohne sie wäre es nicht möglich, das zu leben, was wir heute leben. (Übersetzung und Adaption: rp)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/prior-von-taize-in-taize-versuchen-wir-synodalitaet-umzusetzen/