Heute vor 60 Jahren schlossen 40 Konzilsväter den Katakombenpakt. Sie stellten damit eine solidarische Kirche in einer notleidenden Welt in den Fokus. Doch: «Die Kirchen sind in diesem Punkt weitgehend hinter dem Anspruch des Konzils geblieben», sagt Walter Kirchschläger.
Walter Kirchschläger
Am 13. November 1964 feierte Maximos IV. Saigh, melkitischer Patriarch von Antiochia, im Petersdom in Anwesenheit von Papst Paul VI. die Göttliche Liturgie des Heiligen Chrysostomus. Nach der Heiligen Messe geschah etwas Unerwartetes: Der Generalsekretär des Konzils kündigte an, dass Papst Paul VI. seine Tiara auf den Altar niederlegen, danach verkaufen und das Geld den Armen spenden werde.
Diese Szene spiegelt mit hoher Symbolkraft das wachsende Bewusstsein zahlreicher Konzilsväter für das unverzichtbar notwendige Engagement der Kirche für die «Armen und Bedrängten aller Art». Schon in der Botschaft der Konzilsväter an die ganze Menschheit, die nur wenige Tage nach der Eröffnung des Konzils beschlossen wurde, nimmt die Aufmerksamkeit für die Menschen am Rand der Gesellschaft einen wichtigen Platz ein.
Paul VI. stand also hinter dieser Ausrichtung von Konzil und Kirche. Schon in seinem Rundschreiben «Ecclesiam suam» hatte Paul VI. die Bischöfe darum ersucht, «ihm dabei zu helfen, die Kirche auf den Weg der evangelischen Einfachheit zu führen.» Das Engagement für eine «dienende und arme Kirche» bezeichnet Peter Henrici, kompetenter Zeitzeuge jener Jahre, als «heimliches Leitmotiv des Konzils».
Mit Dom Hélder Cámara hatte diese Bewegung unter den Konzilsvätern einen höchst kompetenten Verbindungsmann, mit Kardinal Giacomo Lercaro eine einflussreiche Bezugsperson zu Paul VI. und für das Konzil.
In diesem Zusammenhang ist die Initiative mehrerer Bischöfe hervorzuheben, die bemüht waren, der angestrebten Solidarität konkrete Formen im Leben der Kirche zu geben. Während der gesamten Konzilszeit fanden sich verschiedene Bischöfe in der Gruppe «Kirche der Armen» zusammen, um dieses Ziel zu verfolgen. Treibende Kraft für eine entsprechende Selbstverpflichtung bleibt Dom Hélder Cámara.
In einem seiner Rundbriefe schreibt er zum gleichen Zeitpunkt, da Paul VI. in New York vor der UNO spricht (4. Oktober 1965) über das nunmehr konkret werdende Projekt: «Morgen Abend werde ich, so Gott will, der Gruppe der Armut einen Vorschlag mit Selbstverpflichtungen unterbreiten, die von Konzilsvätern, die mit Cardijn in den Katakomben konzelebrieren, und von weiteren Bischöfen, die auch diese Verpflichtungen übernehmen möchten, unterschrieben werden.»
Am Vorabend zur vierten Konzilssession im Herbst 1965 hatte Paul VI. in der Domitilla-Katakombe die Eucharistie gefeiert und in seiner Ansprache die Bedeutung dieses Ortes für die Kirche in frühchristlicher Zeit hervorgehoben. Wohl unter Bezugnahme darauf wird von der Gruppe «Kirche der Armen» für den 16. November 1965 eine Eucharistiefeier mit Kardinal Joseph Cardijn in der Domitilla-Katakombe vorbereitet. Eingeladen werden jene Konzilsväter, die sich im bisherigen Verlauf der Kirchenversammlung erkennbar für eine Solidarisierung mit den Armen engagiert haben. Ungefähr 40 Bischöfe reagieren positiv. Sie unterzeichnen bei dieser Eucharistiefeier eine Erklärung mit Selbstverpflichtungen.
Der Ingress dieses so genannten «Katakombenpakts» legt das Selbstverständnis der Beteiligten sowie ihre Absicht und das angestrebte Ziel dieser Vorgangsweise offen: «Als Bischöfe, die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben; die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen; die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden; die sich eins wissen mit all ihren Brüdern im Bischofsamt; die vor allem aber darauf vertrauen, durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sowie durch das Gebet der Gläubigen und Priester unserer Diözesen bestärkt zu werden; die in Denken und Beten vor die Heilige Dreifaltigkeit, vor die Kirche Christi, vor die Priester und Gläubigen unserer Diözesen hintreten; nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns.»
Mit der Übergabe der Tiara an die Armen hatte Paul VI. ein unübersehbares Zeichen gesetzt und erkennen lassen, wie sehr er selbst um eine Hinwendung der Kirche zu einer Lebensform in Armut bemüht war. Die sprichwörtlich gewordenen Eröffnungssätze der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute «Gaudium et spes» fassen das Ringen der Kirchenversammlung um das so genannte «Schema XIII.» und dessen Ergebnis formelhaft zusammen: Eine unsolidarische Kirche wird sich in Zukunft nicht mehr auf Jesus Christus berufen dürfen.
Vielmehr ist in diesem Text die uneingeschränkte Solidarität, mit der sich Menschen auch die Not anderer zu eigen machen, als Markenzeichen der Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi und damit auch der gesamten Glaubensgemeinschaft Kirche proklamiert. Dass dies «besonders» für die «Armen und Bedrängten aller Art» gilt, unterstreicht die Dringlichkeit und den diesbezüglichen Ernst in der Absicht der Konzilsväter.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Konzil bereits in «Lumen gentium» Nr. 8 dazu festhält, «in Armut und Verfolgung» den Menschen ihre Botschaft zu bringen. Diese Ausrichtung kirchlichen Lebens geschieht aufgrund der unerlässlichen Orientierung an Jesus Christus selbst, der seine Sendung nach neutestamentlichem Zeugnis als Auftrag zur Verkündigung an die Armen begriffen hat (vgl. Lk 4,18-19) und so einen Weg der Erniedrigung und Selbstentäusserung gegangen ist (vgl. Phil 2,6-8). Die Haltung des Konzils entspringt also in erster Linie der Absicht einer uneingeschränkten Nachfolge Jesu, aus der sich sodann in konkreter Umsetzung soziales Engagement ergibt.
Vor allem die lateinamerikanischen Bischöfe haben mit ihrer programmatischen Aufmerksamkeit für die Armut und die Armen in den Dokumenten ihrer Versammlungen in Medellin und Puebla die Option für die Armut als einen wesentlichen und daher unverzichtbaren Auftrag des Konzils für das Leben der Kirche erkannt. Die damit eng verknüpfte Entstehung der Theologie der Befreiung lässt die Dynamik und Überzeugungskraft einer solchen Haltung für einzelne Menschen und in der Gemeinschaft Kirche erahnen. Denn «die Basis der Kirche ist die Kirche der Armen», weil in ihrem geschundenen Leib als Leib der Kirche der Leib des Gekreuzigten erkennbar und damit auf Jesus Christus als dem Ursakrament rückbezogen ist. Nach biblischem Zeugnis sind die Armen nicht nur Adressaten, sondern selbst sogar Subjekt der Verkündigung von Jesu Heilsbotschaft.
Dabei handelt es sich bei der Aufmerksamkeit für Arme um ein jahrtausendealtes und religionsübergreifendes Kulturanliegen der Menschheit. Dass dies in den Jahrzehnten seit dem Konzil für die Kirche nicht prägender geworden ist, muss als gravierendes Defizit in ihrer Christuskonformität angeprangert werden. Dass sich überdies die europäische Politik heute von einem umfassenden Engagement für marginalisierte Menschen in Not distanziert, muss als Verlust eines uralten humanen Kulturwertes bezeichnet werden.
Dabei bleibt es beschämend, wie halbherzig sich die offizielle europäische Kirche – von Ausnahmen abgesehen – für ureigene Elemente ihres Menschenverständnisses einsetzt und deutlich macht, dass der Weg von Marginalisierung jedweder Menschen absolut inakzeptabel ist. Dass Ausgrenzung und Abschottung keinesfalls ein christliches Handlungsprinzip sein kann, scheint auf politischer Ebene gänzlich vergessen gegangen zu sein.
Dabei lassen viele Bischöfe den Bischof von Rom in seinen diesbezüglichen Bemühungen ohne Rückhalt und verzichtet in vielen Fällen darauf, in den einzelnen europäischen Nationen unüberhörbar ihre Stimme zu erheben. Abgesehen von dem groben Unrecht und dem unübersehbaren Pflichtversäumnis in diesem Punkt verspielt die Kirchenleitung auf mittlerer Ebene damit ihre letzte Glaubwürdigkeit und verliert in ihrer öffentlichen Rede und in ihrem Handeln jede prophetische Dimension.
Die Kirchen sind weltweit in diesem Punkt weitgehend hinter dem Anspruch des Konzils geblieben. Zwar konnte dieser Grundgedanke in «Lumen gentium» verankert werden, aber «das neue Verständnis der Rolle der Armen und des Evangeliums des Reiches Gottes musste von den Kirchen Lateinamerikas nach dem Konzil theologisch und pastoral reflektiert werden» (Giuseppe Rugieri, Zeichen der Zeit, S. 67).
Im Blick auf «Lumen gentium» Nr. 8 kann daher gesagt werden, «dass diese Stelle, insofern sie die Armut in der Kirche unterstreicht, ausserhalb Lateinamerikas eine der am meisten und sogar absichtlich vergessenen Lehren des Konzils ist. Und sie bleibt im Hinblick auf das Gesamtwerk des Konzils völlig marginal» (Giuseppe Rugieri, Zeichen der Zeit, S. 68). Umso bedeutungsvoller ist das Bemühen zahlreicher lateinamerikanischer Bischöfe, im Zuge der Amazonas-Synode im Oktober 2019 den Katakombenpakt zu erneuern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/welche-bedeutung-der-katakombenpakt-noch-heute-hat/