Im zweiten Anlauf hat es geklappt. Auch die Evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz (EKS) wird sexuellen und spirituellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Ihr Parlament hat dafür eine Viertelmillion Franken bewilligt.
Barbara Ludwig
Die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz (EKS) hat am Montag beschlossen, eine wissenschaftliche Studie zu sexuellem und spirituellem Missbrauch in der reformierten Kirche in Auftrag zu geben. Der Entscheid fiel einstimmig, wie die EKS in einem Communiqué mitteilt.
Ziel ist eine unabhängige Aufarbeitung von Missbrauch und strukturellen Bedingungen in reformierten kirchlichen Kontexten sowie eine Evaluation bisheriger Aufarbeitungsprozesse. Mit der nun bewilligten Studie will die reformierte Kirche eine transparente Aufarbeitung von Missbrauch sicherstellen. Zudem sollen Schwachstellen erkannt und wirksame Präventionsmassnahmen weiterentwickelt werden. Für das Projekt wurde ein Kostendach von 250’000 Franken bewilligt.
In der Synodensitzung hat es laut einem Bericht des Onlineportals ref.ch grosse Einigkeit in Bezug auf die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Studie gegeben. «Es ist an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen», sagte demnach der Schaffhauser Kirchenratspräsident Wolfram Kötter während der Debatte.
«Immer mehr Betroffene erheben ihre Stimmen, auch in der evangelisch-reformierten Kirche», liess Evelyn Borer, die wegen Krankheit abwesende Synodalratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Solothurn, ausrichten.
Die Studie soll methodenoffen und interdisziplinär ausgeschrieben werden. Das Studiendesign beinhaltet Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und kirchlichen Mitarbeitenden, wie ref.ch schreibt.
Ausserdem sollen strukturelle und institutionelle Faktoren, die Missbrauch ermöglichen oder begünstigen, analysiert werden: Etwa Machtassymetrien, kirchliche Hierarchien oder Formen spirituellen Missbrauchs.
Bis spätestens im Sommer 2026 soll die Studie vergeben werden. Ihre Ergebnisse sollen bis Ende 2027 vorliegen. Präsentiert werden sollen die Resultate dem Kirchenparlament spätestens anlässlich der Sommersynode 2028.
Es war das zweite Mal, dass das Kirchenparlament über ein Projekt zur Aufarbeitung von Missbrauch zu entscheiden hatte. Im Juni 2024 hatte die Synode eine breiter angelegte Studie abgelehnt. Die Dunkelfeldstudie hätte auf Umfragen basiert und das sogenannte Dunkelfeld beleuchten sollen. Es wäre darum gegangen, Fälle von sexuellem Missbrauch zu erfassen, die nicht aktenkundig geworden sind, weil Betroffene keine Meldung gemacht haben.
Zudem wäre das damals vom EKS-Rat präsentierte Projekt nicht nur auf den Kontext der reformierten Kirche begrenzt gewesen. Die Dunkelfeldstudie hätte eine nationale gesamtgesellschaftliche Missbrauchsstudie umfasst. Und sie wäre mit 1,6 Millionen Franken deutlich teurer gewesen als das nun bewilligte Projekt.
Die katholische Kirche Schweiz hat im September 2023 erstmals eine historische Pilotstudie zum Thema Missbrauch veröffentlicht.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/reformierte-kirche-beschliesst-missbrauchsstudie/