Auf zwei zentrale Fragen hat die säkulare Gesellschaft keine Antwort: auf die Schuld und auf den Tod. Ein Theaterstück führt plastisch vor Augen, was es heisst, mit dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert zu sein und in eine existentielle Sackgasse zu geraten. Trauernde und Kranke stören, deswegen werden sie mit Verharmlosungen und billigen Ratschlägen abgespeist. Aber das Totengedenken ist wesentlich für die Lebenden, für die Gesellschaft insgesamt.
Francesco Papagni
Es wird dem Christentum vorgeworfen, den Menschen Schuldgefühle einzuimpfen. Sich vom Christentum befreien würde dann heissen, sich von den Schuldgefühlen befreien.
Nun haben sich viele Menschen vom Christentum befreit, aber das Thema Schuld ist nicht verschwunden, es hat sich verlagert. Bis vor kurzem hat in Zürich-Stauffacher ein Restaurant bestanden, das «not guilty», nicht schuldig, hiess. Natürlich war es ein vegetarisches Lokal. Wer kein Fleisch isst, so die Logik, macht sich nicht gegenüber der belebten Natur schuldig. Schuld ist also nach wie vor ein drängendes Thema, aber es wird an anderen Orten abgehandelt.
Das andere grosse Thema ist der Tod. Die Philosophie hat auch in jüngerer Zeit viel nachgedacht darüber. Der Tod ist ein «je meiniger», schrieb Martin Heidegger. Oft ist es aber nicht unsere eigene Endlichkeit, die uns bedrückt, vielmehr der Verlust geliebter Menschen. Im Zürcher Neumarkt-Theater wird momentan das Stück «Die Stille» inszeniert.
Vier Personen, ein Paar und zwei Singels, leben in einer scheinbar sorglosen Welt. Tatsächlich ist das Bühnenbild ein Strand – Inbegriff der Leichtigkeit und des dolce far niente. Aber der Schein trügt. Das Paar trauert um die eigene Tochter, die junge Frau hat Krebs, der junge Mann hat seinen Bruder verloren.
«Ich wünsche mir die Zeit zurück, wo man einen schwarzen Schleier trug. Da wussten die anderen, dass sie Rücksicht zu nehmen brauchten.»
Niemand findet eine Form für die Last, die sie tragen müssen. Ihre Reaktionen bestehen aus übermässigem Essen und Trinken, in der Flucht in eine Partywelt und in Gedankenkreisen.
«Ich wünsche mir die Zeit zurück, wo man einen schwarzen Schleier trug. Da wussten die anderen, dass sie Rücksicht zu nehmen brauchten», sinniert die junge Frau. Es ist die Sehnsucht nach äusseren Zeichen, die den inneren Schmerz sichtbar machten und Rücksichtnahme einforderten.
Wer eine schwere Krankheit hat oder wer trauert, kennt das: die Beschwichtigungen, die Verharmlosungen, die dummen Ratschläge – Weisungen der Umgebung, um sich die Last buchstäblich vom Hals zu halten. Leidende stören das Funktionieren, Rücksichtnahme ist mühsam.
Die Welt des positiven Denkens erträgt keine Negativität, sie deutet diese in Herausforderungen um, die gemeistert werden wollen. Aber was heisst es, den Tod des eigenen Kindes meistern? Eine Mutter, die ein Kind bei einem Raserunfall verlor, sagte vor Jahren: Man kann Daten verarbeiten, aber nicht den Verlust des eigenen Kindes. Nicht alles ist machbar, und nicht alles ist mit Anstrengung zu erledigen. Trauer ist etwas anderes als Arbeit. Der Begriff Trauerarbeit verspricht etwas, was es nicht halten kann.
Im Theaterstück hält das Paar zusammen, hat aber keine Gemeinschaft. Der Mann und die Frau sind mit ihrer Trauer allein. Die beiden Einzelfiguren sowieso. «Du trittst in den Raum der Stille ein. Die Sprache verliert ihren Sinn, die Wörter scheinen absurd.»
Menschen, die eine Krebsdiagnose erhalten, machen oft die Erfahrung, dass sich Freunde nicht mehr melden. Funkstille. Trauernde erleben oft, dass in den ersten Tagen sich Freunde und Bekannte bemühen, aber lediglich in den ersten Tagen. Danach treten sie in den Raum der Stille, der Sprachlosigkeit ein.
Das Verschwinden des Christentums als einer die Gesellschaft prägende Grösse hinterlässt grosse Leerstellen. Es bieten sich säkulare Surrogate an: Schuld wird auf Schuldgefühle reduziert, die wegtherapiert werden sollen. Beim Tod ist es schwieriger. Der Ratschlag, eine Patientenverfügung zu verfassen und den eigenen Nachlass zu regeln, ist gut gemeint, berührt aber den Kern nicht.
Der Sachbuchautor Ludwig Hasler fordert die Alten auf, zusammen mit den Jungen an eine Zukunft zu bauen, die sie selbst nicht mehr erleben werden. «Für ein Alter, das noch was vorhat», heisst sein Buch.
Wer dieses Programm übernehmen will, kann das tun. Es gibt aber ein anderes Programm, das genauso berechtigt ist: das Totengedenken. Zugegeben, das ist uncool, weil nicht optimistisch wie Haslers Aufforderung. Aber das Totengedenken ist wichtig und ehrenwert – vor allem in einer Gesellschaft, die die Toten vergisst. Wer es im Gottesdienst praktiziert, tut es in Gemeinschaft. Überhaupt ist Gemeinschaft das Stichwort.
Die Figuren im Theaterstück sind allein mit ihrem Leid, gefangen in der eigenen Selbstbezüglichkeit. Das Stück «Die Stille» zeigt plastisch, was es bedeutet, mit dem Schmerz allein zu sein, sobald das Opium, das die Gesellschaft des Spektakels verabreicht, unwirksam wird.
Vielleicht ist die heute grassierende Einsamkeit auch eine Folge des Verlustes der Gemeinschaft mit den Toten, die zuerst einmal ein Verlust der Erinnerung ist. Demgegenüber versteht sich die katholische Kirche als Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. In jeder Messe, auch in jeder Werktagsmesse, wird der Toten gedacht.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant