Margit Osterloh: «Ich wollte wieder Kirchensteuern bezahlen»

Kirchliche Themen sind nicht ihr Kerngeschäft. Doch kürzlich hat Margit Osterloh, eine bis heute aktive emeritierte Wirtschaftsprofessorin der Uni Zürich, öffentlich gemacht, dass sie wieder in die Kirche eingetreten ist. Im Podcast «Laut + Leis» spricht sie über die Gründe.

Sandra Leis

Margit Osterloh? Das ist die Forscherin, die zusammen mit der Soziologieprofessorin Katja Rost eine Studie publiziert hat zu den Karriereambitionen von Studentinnen an der Uni Zürich und der ETH. Ergebnis: Frauen seien tendenziell weniger karriereorientiert als Männer.

Das war vor gut zwei Jahren und löste einen über mehrere Wochen dauernden Shitstorm aus. «Diese Entrüstung hat mich überrascht, weil das Ergebnis nicht neu ist. Aber offensichtlich macht es einen Unterschied, ob man das hinschreibt oder einfach nur weiss», sagt Margit Osterloh.

«Man muss nicht glauben, um in der Kirche zu sein»

Die umtriebige Wissenschaftlerin hat nach ihrer Emeritierung als Wirtschaftsprofessorin der Uni Zürich zusammen mit ihrem Mann Bruno S. Frey ein kleines privates Forschungsinstitut* gegründet. Bis heute forscht und publiziert die 82-Jährige regelmässig zu Themen, die breit diskutiert werden.

Kürzlich hat sie für die Tamedia-Zeitungen einen Gastbeitrag geschrieben mit dem Titel «Darum bin ich wieder in die Kirche eingetreten». Ihre Hauptbotschaft lautet: «Man muss nicht glauben, um in der Kirche zu sein.»

Denn die Kirche sei eine enorm wichtige und nützliche Institution «für unser Land, die Sozialisation und die Kultur». Selbst wenn man nicht an alles glaube, was üblicherweise als Glaubenskern gedacht werde. 

Ende der 1980er Jahre ist Osterloh in Deutschland aus der evangelisch-lutheranischen Kirche ausgetreten und 2017 in Zürich in die reformierte Kirche eingetreten. «Ich wollte wieder Kirchensteuern bezahlen, denn die Landeskirchen müssen finanziert werden. Leute, die gut verdienen, sollten ihr Scherflein dazu beitragen.»

Gemeinschaft braucht einen Rahmen

Zentral ist für Osterloh die christliche Botschaft der Nächstenliebe, «weil es kein friedliches Zusammenleben gibt, wenn man diese Botschaft nicht verinnerlicht».

Dazu komme die christliche Solidarität, die Gemeinschaft brauche, begründet sie ihre Rückkehr in die Kirche. Doch weshalb ist dafür der institutionelle Rahmen der Kirche nötig? Gemeinschaft könnte man doch auch in einer kleinen Hauskirche leben?

Darauf entgegnet Osterloh im Podcast «Laut + Leis»: «Das hat in der Regel keine Stabilität. Die christliche Kirche hingegen ist seit Jahrtausenden bei uns verankert mit guten und mit schlechten Traditionen.» Institutionen aus der Luft in die Welt zu setzen, sei «verdammt schwierig», denn es fehle ihnen an Legitimation.

Erkenntnisse aus der Glücksforschung

Als weiteren Grund für ihren Wiedereintritt in die Kirche nennt Margit Osterloh die Spiritualität. Gemeinsam mit ihrem römisch-katholischen Mann besucht sie gerne Kirchen und Klöster wie dasjenige in Engelberg. «Wir versuchen am klösterlichen Leben teilzunehmen und besuchen zum Beispiel die Abendmesse. Das gefällt uns und tut uns gut.»

Aus der Glücksforschung ihres Mannes weiss sie: Spiritualität führt im Durchschnitt zu einer höheren Zufriedenheit und macht Menschen freundlicher und liebenswerter.

Und: «Das Interessante ist, selbst Atheisten gehen lieber mit Menschen um, die gläubig sind und eine gewisse Spiritualität haben. Das finde ich ein überraschendes und erfreuliches Ergebnis.»

Die Landeskirchen im Sinkflug

Hört man sich all diese Argumente an, so stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb die Landeskirchen im Sinkflug sind, wie jüngst die Kirchenstatistik für die Schweiz wieder in aller Deutlichkeit gezeigt hat.

Zusammengetragen hat die aktuellen Zahlen das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI). Leiter des Instituts ist Arnd Bünker, und er spricht von einem «Epochenwandel» und sagt, das Ende der sogenannten «Nachwuchskirche» sei erreicht. Das heisst, die getauften Babys ersetzen die verstorbenen Seniorinnen und Senioren nicht mehr.

«Der christliche Geist wirkt fort»

Dazu sagt Margit Osterloh: «Der christliche Geist wirkt in der abendländischen Kultur auch dann fort, wenn die Zahl der Kirchenmitglieder nicht so gross ist. Es mag allerdings einen Kipppunkt geben, der vermutlich ziemlich weit entfernt liegt.»

Auch kann sie sich vorstellen, dass Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz dem Menschen bewusst machen, was ihn im Kern auszeichnet: «Spiritualität, Emotionen und Moral. Die KI ist unserer Intelligenz in verschiedenen Bereichen bereits überlegen, doch ihr fehlen viele menschliche Dimensionen.»

Hier sieht Osterloh eine mögliche Zukunftsperspektive: «Der Mitgliederschwund könnte sich wieder umkehren, wenn Kirchen und Klöster in neuer Form zu attraktiven Stätten der Begegnung und Spiritualität werden.» Denn das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Spiritualität sei zweifelsohne da.

*Forschungsinstitut CREMA: Center for Research in Economics, Management and the Arts


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