Zwischen Abschied und Ankunft: Seit Oktober hat Diakon Edmond Egethoe seine neue Ausbildungsstelle in der katholischen Pfarrei Brugg-Windisch im Aargau angetreten. Gleichzeitig verabschiedet er sich noch in seiner vorigen Pfarrei im Hitzkirchertal von den Gläubigen am Sonntag in einem Gottesdienst. Über seine Gefühlslage spricht der 31-jährige Geistliche im Interview mit kath.ch.
Wolfgang Holz
Herr Egethoe, nach Thal in Solothurn und nach Hitzkirch im Luzernischen nun seit 1. Oktober in Brugg-Windisch im Aargau: Haben Sie sich schon eingelebt in Ihrer neuen Pfarrei?
Edmond Egethoe: Ich bin noch am Kennenlernen: Es gibt so viele neue Gesichter, und für mich neue und spannende Strukturen und nicht zuletzt auch einen anderen Kulturkreis. Ich bin immer noch voller Neugier! Wirklich angekommen bin ich wahrscheinlich, wenn ich erst das Kirchenjahr und die wichtigsten Feste in den fünf Kirchenzentren und in der Region mitgefeiert habe.
«Wir sind ein grosses und sehr vielseitiges Team, das im Glauben fest verankert und verbunden ist.»
Was ist an Ihrem neuen Wirkungsort auf den ersten Blick aufgefallen, dass er anders ist als die beiden Vorgängerorte?
Egethoe: Wir sind ein grosses und sehr vielseitiges Team, das im Glauben fest verankert und verbunden ist – ich durfte noch nie mit so vielen Menschen zusammenarbeiten. Es ist eine echte Bereicherung und mir persönlich auch eine Einladung, Neues zu lernen! Es sind erfahrene, visionäre Menschen und Organisationsstrukturen, die viel Freiraum bieten und zukunftsgerichtet sind.
Sie sind ja jetzt in Brugg-Windisch, einem alten Römer- und Habsburger-Domizil, die Stammburg der Kaiser-Dynastie nicht weit entfernt. Berührt Sie dies speziell angesichts Ihrer ungarischen Herkunft?
Egethoe: Ja, Habsburg gehört tatsächlich zum Pastoralraum, und das römische Amphitheater ist unmittelbar neben dem Pfarramt in Windisch.
«Meine Urgrossmutter erlebte noch ein Stück der Donaumonarchie.»
Mich berührt immer die Geschichte, speziell die meiner Heimat. Ich schaue so halbnostalgisch zur alten Burg hinauf. Meine Urgrossmutter erlebte noch ein Stück der Donaumonarchie und viele bewegende Erzählungen hörte ich davon schon als Kind. Wohl auch deshalb gehören die Werke von Stefan Zweig, Franz Werfel und Joseph Roth zu meinen Lieblingslektüren. Aber ich gedenke trotzdem nicht den Lehnseid meiner Vorfahren zum »Monarchen» zu erneuern (lächelt).
Ist Ihnen der Abschied aus Hitzkirch schwergefallen?
Egethoe: Je echter die Beziehungen und die gemeinsamen Erinnerungen, desto schwerer und emotionaler ist der Abschied. Das trifft für mich auf das Hitzkirchertal zu. Aber nach jedem Abschied bleiben auch Ankerpunkte zurück, wenn sich die Emotionen etwas «glätten». Ich versuche irgendwie schon jetzt, Freude darüber zu empfinden, was zukünftig davon bleibt und wie mich das innerlich weiterbringt. Es ist schwierig, dies in vernünftige Worte zu fassen.
«Es wird möglichst wenig um meinen Abschied und vielmehr um das gemeinsame Feiern gehen.»
Am Sonntag findet ja noch ein Abschiedsgottesdienst in Hitzkirch statt. Freuen Sie sich schon darauf, und gibt es einen Gottesdienst mit einem speziellen Programm?
Egethoe: Es ist Chilbi und somit ein Fest der Pfarrei und der Gemeinde. Jahr für Jahr wird dieser Gottesdienst mit sehr viel Einsatz von Jungwacht und Blauring gestaltet, mit schönen, modernen Liedern und tiefen Gedanken ihrerseits. Es ist ein sehr spezielles und schönes Fest, das ich gerne in der Kirche und danach auch im Dorf mitfeiern möchte, wo die Ministrantenschar und verschiedene Vereine für Essen, Trinken und Unterhaltung sorgen. Es wird möglichst wenig um meinen Abschied und vielmehr um das gemeinsame Feiern gehen.
«Angst bedeutet die Frage: Was, wenn? Und Glaube bedeutet die Antwort: Auch wenn!»
Schon das zweite Mal mussten Sie nun Abschied nehmen, obwohl die Gläubigen sowohl in Thal als auch in Hitzkirch Sie gerne behalten hätten. Ehrt Sie das oder macht dies Ihren Abschied jeweils noch schmerzhafter?
Egethoe: Wohl beides. Aber ich bemühe mich innerlich um eine optimistische Haltung. Es heisst doch so schön: «Angst bedeutet die Frage: Was, wenn? Und Glaube bedeutet die Antwort: Auch wenn!»
«Ich selbst schliesse Menschen, die offen sind, schnell ins Herz.»
Was glauben Sie, warum werden Sie von so vielen Gläubigen ins Herz geschlossen, egal, wo sie hinkommen?
Egethoe: Ich selbst schliesse Menschen, die offen sind, schnell ins Herz und bemühe mich mehr mit ihnen, als zu ihnen zu reden. Jede Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit – vielleicht empfinden viele Menschen diese Aussage genauso wichtig wie ich.
Sie sind noch Diakon in Ausbildung. Wann werden Sie denn, denken Sie, Priester sein können?
Egethoe: Drei Kriterien spielen eine Rolle: Die Berufseinführung ist im Bistum eine Bedingung dafür. Die anderen zwei sind die Entscheidung der Kirche und des Kandidaten selbst. Wenn diese drei Faktoren zusammentreffen, dann läuten meistens irgendwo die Kirchenglocken. (lächelt).
«Die Kirche trägt so vieles mehr in sich, als die sichtbare Oberfläche und so viel mehr Positives als die wiederholte menschliche Schwäche.»
Es gibt viele Gläubige, die bedauern, dass nicht mehr Schweizer Priester werden bzw. dass der Priesterberuf nicht mehr so beliebt ist: Was sagen Sie anderen Menschen, warum Ihnen Ihr Beruf so gefällt?
Egethoe: Die Kirche trägt so vieles mehr in sich als die sichtbare Oberfläche und so viel mehr Positives als die wiederholte menschliche Schwäche. Es ist eine Schatzsuche, wie es im Evangelium heisst: Niemand verkauft alles für ein kleines Stück Land, wenn man nicht weiss, dass dort ein grosser Schatz begraben ist. Im Christentum ist ein «mega grosser Schatz» begraben, aus dem für die Gesellschaft und den Alltag so viel gewachsen ist und wachsen kann: Vereine, Kultur, Ethik, Menschlichkeit, Feste, Bildung, Fürsorge, echte innere Freiheit…
Wie meinen Sie das?
Egethoe: Ich empfinde das gemeinsame Entdecken, Leben und Weitergeben von all dem als etwas vom Schönsten. Jede Generation muss diese Schätze immer wieder neu entdecken und «ausgraben», und das passiert durch viele Hände, ob durch Priester, Päpste oder überzeugte Frauen und Männer. Ich möchte einfach aktiv zu der Gemeinschaft gehören, die das tut und dafür werben.
«Man muss «nur» herausfinden, wie man diese Berufung findet und lebt.»
Würden Sie sagen, zu werden ist Ihre Berufung?
Egethoe: Treffende Formulierung! In einer richtig gestellten Frage ist bereits die Antwort. Ich glaube vor allem, dass glücklich – oder wie Jesus formuliert: «selig» – zu werden, ist die Berufung jedes Menschen, so auch meine. Man muss «nur» herausfinden, wie man diese Berufung findet und lebt. Das könnte der Sinn des Lebens sein. Sicher ist aber, dass man sie nicht alleine erreichen und leben kann und dass sie uns füreinander «verpflichtet». Ich bemühe mich vor allem, dass ich in dieser »Berufung zu werden» zusammen mit möglichst vielen Menschen glücklich werde.
*Edmond Egethoe feiert am kommenden Sonntag, 26. Oktober, um 10 Uhr, in der katholischen Kirche St. Pankratius in Hitzkirch seinen Abschiedsgottesdienst. Am Sonntag, 9. November, um 11 Uhr, feiert er in der Kirche St. Maria Königin in Windisch seinen Willkommensgottesdienst.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/diakon-edmond-egethoe-kirche-und-christentum-sind-ein-megagrosser-schatz/