Bernd Nilles begrüsst Lehrschreiben von Papst Leo XIV.: «Deutlich, aber weniger scharf als Franziskus»

Der Direktor der katholischen Entwicklungsorganisation Fastenaktion, Bernd Nilles, zeigt sich erfreut darüber, dass Papst Leo XIV. die Sorge um die Armen der Welt in den Mittelpunkt seines ersten Lehrschreibens stellt. Er sieht darin das Engagement von Fastenaktion bestätigt.

Regula Pfeifer

Die Tatsache, dass Papst Leo XIV. mit seinem ersten Lehrschreiben die Armen in den Mittelpunkt stellt, ist für Bernd Nilles «ein unmissverständliches Zeichen». In einer Stellungnahme zuhanden kath.ch hält der Direktor der katholischen Entwicklungsorganisation Fastenaktion fest: Der Papst richte sich mit dem Schreiben an die Regierungen zahlreicher Länder, darunter auch die Schweiz, die aktuell Entwicklungshilfe kürzen, «obwohl Armut und Hunger wieder zuzunehmen drohen».

Tatsächlich hat die Schweizer Politik vor ein paar Monaten beschlossen, das Budget für die internationale Entwicklungshilfe massiv zu kürzen – zugunsten der Unterstützung der Ukraine. Dies führte zu Kritik seitens Entwicklungsorganisationen, damit werde auf Kosten der Ärmsten in der Welt gespart.

Leo spricht von «strukturellen Ursachen»

«Papst Leo XIV. zeigt auf, dass Armut kein vom Himmel gefallenes und gewolltes Schicksal ist, sondern strukturelle Ursachen hat», schreibt Nilles weiter und zitiert aus dem päpstlichen Lehrschreiben: «Es gibt wirtschaftliche Regeln, die sich für das Wachstum als wirksam erwiesen haben, aber nicht für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Der Reichtum ist gewachsen, aber ohne Gerechtigkeit, und so entsteht neue Armut.»

So wie sein Vorgänger Papst Franziskus betrachte Papst Leo «Solidarität klar als Kampf gegen die strukturellen Ursachen der Armut». Dabei lasse er auch «etwas Kapitalismuskritik durchscheinen», etwa indem er von den «zerstörerischen Auswirkungen der Herrschaft des Geldes» spreche.

Weniger scharf, aber deutlich

«Leo formuliert seinen Unmut über Ungleichheit, Armut und Hunger weniger scharf als Franziskus», findet Nilles. Dennoch mache er seine Haltung deutlich, etwa indem er darauf hinweist, dass es zunehmend reiche Eliten gebe, die «in einer Blase sehr komfortabler und luxuriöser Bedingungen» lebten und sich für berechtigt hielten, im Übermass zu konsumieren. Dies, während Millionen anderer Menschen verhungerten. Mangelnde Gerechtigkeit ist demnach für den Papst «die Wurzel der sozialen Übel».

Es gebe eine aktuelle Tendenz, sich von Armen und Geflüchteten abzuwenden, stellt der Fastenaktionsdirektor fest. Demgegenüber zeige das Papstschreiben mit seinem starken Bezug zur Bibel auf, «wie fundamental Armutsbekämpfung, Nächstenliebe und Solidarität im christlichen Glauben verankert sind». Praktizierende Nächstenliebe bilde den «glühenden Kern» des Auftrags der Kirche.

Einbezug statt Paternalismus

Auch über die Art der Unterstützung äussert sich der Papst, stellt Nilles fest. Er fordere den Einbezug der Armen, Ausgegrenzten und sozialen Bewegungen, ihnen müsse Gehör verschafft werden. Solidarität bedeute für Leo XIV. «nicht paternalistisches Handeln an den Armen als Objekte und über sie hinweg», so Nilles. «Dieses Anliegen vertritt auch Fastenaktion und setzt es in seiner Entwicklungszusammenarbeit und in enger Kooperation mit lokalen Partnern um.»

Der Vertreter der katholischen Entwicklungsorganisation ist überzeugt: «Leo XIV. stellt sich inhaltlich ganz bewusst in die politisch-theologische Linie seines Vorgängers.» Das liest er anhand des gewählten Titels («Dilexi te») und am Datum der Bekanntgabe des Schreibens ab. Letzteres geschah am 4. Oktober, dem Gedenktag des Heiligen Franziskus von Assisi.

Arme sollen Liebe Jesu erfahren

Leo betone die Wichtigkeit, Besitz zu teilen und für Arme zu spenden. Er rufe aber auch zum Engagement gegen die Ursachen der Armut auf. Das bringt laut Nilles der Schlusssatz des päpstlichen Lehrschreibens mit einem Bibelverweis auf den Punkt: «Sowohl durch eure Arbeit, als auch durch euren Einsatz für die Veränderung ungerechter sozialer Strukturen, als auch durch eine solch einfache, sehr persönliche und unmittelbare Geste der Hilfe wird jener Arme spüren können, dass die Worte Jesu ihm gelten: «Ich [habe] dir meine Liebe zugewandt (Offb 3,9)».

«Dilexi te» im Wortlaut


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