Die Vereinten Nationen haben den 1. Oktober zum Tag der älteren Menschen erklärt. So soll deutlich werden, dass das umfassende Wohlergehen im Alter eben nicht nur Privatsache ist, sondern eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges: Wider die schleichende Entpolitisierung und Tabuisierung des Alters!
Hanspeter Schmitt*
In einem Essay «Über das Alter» beschreibt der deutsch-schweizerische Schriftsteller Hermann Hesse das Alter als eine Lebensphase, der wir uns stellen müssen, die wir aber auch in humaner Weise bewältigen und meistern können.
Das Alter ist – so Hesse – «eine Stufe unseres Lebens und hat wie alle anderen Lebensstufen ein eigenes Gesicht, eine eigene Atmosphäre und Temperatur, eigene Freuden und Nöte. Wir Alten mit den weissen Haaren haben – gleich unseren jüngeren Menschen – unsere Aufgabe, die unserem Dasein den Sinn gibt.»
Es liegt Hesse fern, belastende Erfahrungen, die mit dem Altern auch einhergehen, zu verschweigen oder schönzufärben. Er spricht mögliche, damit verbundene Grenzen, Beschwerden und Einbussen offen, teils schonungslos an.
Dennoch tönt das wie eine freundschaftliche Einladung, diesen natürlichen Prozessen mutig ins Auge zu sehen und sich keine Illusionen zu machen. Umgekehrt fordert Hesse dann genauso eindringlich dazu auf, sich nicht auf das Schwere und Negative zu fixieren.
Es gehe vielmehr darum, mit hoher Intensität die Vorzüge und den Gewinn des Altseins würdigen zu lernen, namentlich «die heiteren und tröstlichen Erlebnisse und Erfahrungen» sowie die nach Hesse wertvollste «Gabe des Alters: der reiche Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnis trägt und denen man sich mit dem Schwinden der Aktivität mit ganz anderer Teilnahme zuwendet als jemals zuvor.»
Die entscheidende Voraussetzung aber, um diese und andere Vorzüge wirklich erfahren zu können, ist nach Hesse eine konstruktiv einwilligende, eben nicht abwehrende Haltung zu dieser prägenden Lebensphase: «Um seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein. Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unserer Tage – wir mögen nun alt oder jung sein – verloren.»
Hesse, der selbst durch einige Krisen gegangen ist, hat dieses Essay hochbetagt verfasst, vermutlich im Tessin, wo er viele Jahrzehnte bis zu seinem Tod lebte und wirkte. Es liest sich wie eine Anleitung zur Lebenskunst im Alter, wie ein existentieller Gegenimpuls zu der allenthalben spürbaren «Anti-Aging-Kultur», die die Prozesse des Alterns vermeiden oder am liebsten völlig vergessen machen würde.
Doch so bedeutsam und menschlich notwendig dieser Gegenimpuls daher ist: Seine Gefahr besteht darin, das Gelingen dieser Lebensphase einseitig als eine rein persönliche Aufgabe und Herausforderung in den Blick zu nehmen. Wie wenn es vor allem an jedem selbst läge, das eigene Alter als qualitätsvoll, zufriedenstellend und bereichernd erleben zu können!
Dieser einseitigen, weil individualisierten Ansicht soll der internationale Tag der älteren Menschen entgegenwirken. Seit vielen Jahren wird er zum 1. Oktober von den Vereinten Nationen ausgerufen, dies mit dem Ziel, das Thema Alter beziehungsweise die Lagen und Bedürfnisse von älteren Menschen in die Weltöffentlichkeit zu tragen.
Vor allem soll so deutlich werden, dass das umfassende Wohlergehen im Alter eben nicht nur Privatsache ist, sondern eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges: Wider die schleichende Entpolitisierung und Tabuisierung des Alters!
Weltweit und auch hierzulande finden daher heute Begegnungen, Events und Veranstaltungen statt. Dabei wird an die – trotz aller persönlichen Lebenskunst – oft bestehenden prekären Umstände älterer Menschen erinnert: materielle Probleme und Vereinsamung, mentale und gesundheitliche Krisen, Verlust von Alltagssinn und Funktionen.
Die stetig steigende Zahl von Alterssuiziden zeigt, dass die Aufmerksamkeit und das Engagement unserer politischen und zivilgesellschaftlichen Systeme deutlich gesteigert werden müssen, um Belastungen aufzufangen, die allein nicht gestemmt werden können.
Neben dieser gebotenen Solidarität geht es heute auch um das, was die Alterspsychologie «Generativität» nennt. Gemeint ist nicht nur, dass es zwischen den Generationen fair zugehen soll, damit alle ihre Entfaltungschancen erhalten. Es geht darüber hinaus um einen bereichernden wechselseitigen Austausch: Ältere Menschen haben Ressourcen an Zeit, Lebenswissen und beruflichem Know-how, die sie vermehrt einbringen würden, wenn es dafür geeignete Modelle und Strukturen gäbe. In solchen Formen alltagstauglicher Integration könnten sie auch von den Jungen Wertvolles lernen.
Der Schlüssel gelingenden Alterns liegt folglich im Zusammenspiel persönlicher Lebenskunst mit der politischen wie gesellschaftlichen Herstellung generativer Strukturen.
Darin spiegelt sich zudem ein kulturübergreifend tradiertes Wissen: Ältere und Jüngere werden seit jeher angehalten, einander zu respektieren und zu fördern, und im Ernstfall greifen Regeln und Systeme, um vulnerable Menschen gezielt zu unterstützen. Doch auch die Lebenskunst im Alter wird betont, etwa wenn es biblisch heisst: «Unsere Tage zu zählen, lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen.» (Psalm 39)
*Prof. Dr. Hanspeter Schmitt ist Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/freundschaftliche-einladung-dem-alter-mutig-ins-auge-zu-sehen/