Peter Scheuchenpflug: Jeder Christ trägt zur Gestaltung von Räumen christlicher Praxis bei

Das Profil einer Gemeinde hängt davon ab, wie Menschen sich mit ihren Charismen einbringen. Aber auch, ob sie es für sinnvoll erachten, «dass sich an einem bestimmten Ort Räume christlicher Praxis ansiedeln» und diese lebendig erhalten werden, sagt der Religionspädagoge Peter Scheuchenpflug. Er hat ein Konzept für eine raumorientierte Pastoral entwickelt.

Jacqueline Straub

Sie haben ein Buch über raumorientierte Pastoral geschrieben. Was genau ist das?

Peter Scheuchenpflug*: «Raumorientierung» ist in den Geisteswissenschaften derzeit sehr populär und dementsprechend gibt es ganz unterschiedliche Konzepte. Ich stütze mich auf das Modell von Martina Löw, das in der Soziologie breit rezipiert wurde. Sie versteht Raum als ein Produkt von einzelnen Akteuren, die an einem möglicherweise besonders gestalteten Ort mit einer bestimmten Intention für eine gewisse Zeit zusammenkommen. Mit diesem Modell kann ich ganz unterschiedliche Formen christlicher Praxis beschreiben, weil es sich auch leicht auf eine theologische Grundlage stellen lässt, man denke nur an das Diktum Jesu: «Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18,20). Diese Räume formen dann schon «Gemeinde im weitesten Sinne».

Können Sie mir ein paar Beispiele nennen?

Scheuchenpflug: Beispiele für Räume wären liturgische Feiern, Wallfahrten, das Ökoprojekt einer Jugendgruppe, die Vorbereitung auf und die Feier der Erstkommunion, die Betreuung von Einsatzkräften nach einem belastenden Einsatz durch Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen, eine Begräbnisfeier, Weltjugendtage usw.

«Christinnen und Christen partizipieren selbstverantwortet an Räumen christlicher Praxis.»

Und warum halten Sie eine raumorientierte Pastoral heute für notwendig?

Scheuchenpflug: Das Modell der konzentrischen Kreise geht letztendlich zurück auf eine Vorstellung, dass sich christliche Praxis an einem bestimmten Ort abspielt. Die territoriale Struktur der Pfarrgemeinden diente in jenen Epochen, in denen die Mobilität der Menschen stark begrenzt war, dazu, dass jeder Christ und jede Christin in erreichbarer Distanz an den Räumen gelebter christlicher Praxis – Gottesdienste, diakonische Praxis, Glaubensbildung, Vergemeinschaftsformen – teilhaben konnte. Mit meiner Raumperspektive versuche ich aber nun, drei Kontexte aufzugreifen, die die Lebensführung und damit verbunden die Raumgestaltungspraxis der Menschen in der Gegenwart fundamental bestimmen: Individualisierung, Mobilität und Digitalität.

Christinnen und Christen partizipieren, oder auch nicht, selbstverantwortet an Räumen christlicher Praxis. Je nach Verfügbarkeit an individueller Mobilität können sich Räume bilden, an denen Menschen aus einer weiten Distanz zusammenkommen, zum Beispiel bei Gruppierungen mit einem spezifischen Frömmigkeitsstil. Und die Digitalität ermöglicht Christen unter anderem, über die sozialen Medien Räume für Glaubenskommunikation zu bilden, unabhängig von dem geografischen Ort, an dem sie sich aufhalten.

«Die Transformation der Gemeinden ist ja auch schon in vollem Gange.»

Die Struktur der Pfarrei ist noch stark konzentrisch ausgerichtet – im Mittelpunkt steht der Priester oder ein Hauptamtlicher, um diese herum bilden sich dann die verschiedenen Kreise von Katholikinnen und Katholiken, die je nach dem verbundener oder lockerer zur Pfarrei gehören. Ist das weiterhin die Zukunft oder braucht es eine Transformation der Pfarrgemeinde?

Scheuchenpflug: Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei nur um eine bestimmte – wenn auch weithin verbreitete – Perspektive auf die gelebte christliche Praxis an einem Ort handelt. Mein Büchlein «Wenn Christen vor Ort Gemeinde bilden» ist entstanden aus der universitären Begleitung von Studierenden, die ein Gemeindepraktikum absolvieren und Interesse an einem pastoralen Beruf haben. Die Praxisreflexion zeigt in den meisten Fällen, dass die Studierenden fast automatisch in diese Perspektive hineinschlingern – das lese ich dann zum Beispiel bei Fremdattribuierungen wie «Fernstehende», «Gelegenheitschristen» oder ganz schlimm: «U-Boot-Christen» – weil sie nur zu den Hochfesten «auftauchen».

Das hat Sie motiviert, eine neue Perspektive anzubieten?

Scheuchenpflug: Genau. Vor diesem Hintergrund wollte ich eine zweite Perspektive für die Wahrnehmung gelebter christlicher Praxis anbieten, die zum einen gut wissenschaftlich begründet, zum anderen aber auch einfach in der Handhabung sein sollte – ähnlich wie das pastorale Grundmuster «sehen – urteilen – handeln». Die Transformation der Gemeinden ist ja auch schon in vollem Gange. Ich erinnere an das Stichwort: Zusammenlegung von Pfarrgemeinden zu künstlichen, grösseren Gebilden.

Welche Gemeindemodelle gibt es heute bereits schon, die zukunftsweisenden Charakter haben?

Scheuchenpflug: Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunftsfähigkeit von territorial strukturierten Pfarrgemeinden nicht von einzelnen Modellen abhängt, sondern davon, ob es gelingt, die besonderen Chancen, aber auch Anforderungen für die Bildung und den Erhalt von Räumen christlicher Praxis zu entdecken, die der jeweils spezifische Ort bietet.

Das bedeutet, dass eine Gemeinde im Zentrum einer grossen Stadt ein anderes Modell für sich entwickeln muss, als eine Pfarrei in der Peripherie derselben Stadt.

Scheuchenpflug: Ja, Menschen, die dort leben, können oft auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die ihnen Mobilität ermöglicht, so dass sie profilierte Räume christlicher Praxis aufsuchen können. Man denke nur an das grosse Spektrum musikalischen Engagements oder an diakonische Themen wie zum Beispiel ein Trauercafé für Eltern, die ein verstorbenes Kind betrauern. Dagegen können kleinstädtische Gemeinden im ländlichen Raum durchaus noch Strukturen am Leben erhalten, die dem Konzept der «Lebendigen Gemeinde» ähneln. In der Perspektive einer raumorientierten Pastoral kommen zudem auch die einzelnen Akteure in den Blick, die diese Räume konstituieren. Je weniger die Christen vor Ort werden, desto stärker wird das Profil der einzelnen Gemeinden davon abhängen, über welche spezifischen Charismen diese Menschen verfügen.

«Aus welcher Motivation und zu welchen Zeitpunkten wollen Christen heute Räume christlicher Praxis gestalten?»

Wie müssen kirchliche Strukturen gestaltet werden, damit Menschen erreicht werden können?

Scheuchenpflug: Sowohl die universitäre Pastoraltheologie als auch die kirchlichen Entscheidungsträger arbeiten sich seit Jahrzehnten an genau dieser Frage ab. Ich versuche ja mit meinem Ansatz, die Denkbewegung, die hinter dieser Frage steckt, umzudrehen: Aus welcher Motivation und zu welchen Zeitpunkten wollen Christen heute Räume christlicher Praxis gestalten bzw. an ihnen partizipieren und welche Rolle spielt dabei dann der Ort – und in welcher Weise sind dann dazu Strukturen und hauptamtliches Personal erforderlich oder hilfreich?

Wie können Christen heute vor Ort wieder mehr Gemeinde(n) bilden?

Scheuchenpflug: In Zeiten der durchgängigen Individualisierung und Mobilität braucht es zunächst Menschen, die es für notwendig, sinnvoll oder plausibel erachten, dass sich an einem bestimmten Ort Räume christlicher Praxis ansiedeln, bzw. lebendig erhalten werden. Wenn ich den Blick auf Deutschland richte, darf man nicht vergessen, dass es in den urbanen Regionen Westdeutschlands in den 1950er und 1960er Jahren eine grosse Gründungswelle von Pfarreien gab, wobei zum Teil Stadtgebiete dann einfach kleinteilig und künstlich abgetrennt wurden. Warum soll es hier dann angesichts einer sinkenden Zahl von Christinnen und Christen nicht auch – wie man beim Yoga sagt – wieder eine «Ausgleichsbewegung» hin zu Gemeinden geben, die ein grösseres Gebiet umfassen?

Und auf dem sogenannten flachen Land wird es von der Kultur und der konfessionellen Zusammensetzung des jeweiligen Dorfes abhängen: Gibt es vereinsmässige Strukturen, die auch Räume christlicher Praxis stützen, zum Beispiel Kirchweihfeste oder Prozessionen, oder übernehmen nur einzelne Familien Verantwortung für die christliche Praxis vor Ort? Befindet sich ein Kloster oder geistliches Zentrum in erreichbarer Nähe? Oder bietet ein Dorf keinerlei soziale Strukturen, in die sich christliche Praxis einschreiben könnte – dann wird es an diesem Ort auch keine sichtbaren Räume gelebten Christentums mehr geben. Klar ist aber auch: Jede Christin, jeder Christ trägt durch die eigene Praxis des gelebten Glaubens in ihrer individuellen Gestalt zur Bildung, Gestaltung und Erhaltung von Räumen bei.

*Peter Scheuchenpflug ist Professor am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Regensburg. Seine neuste Publikation mit dem Titel «Wenn Christen vor Ort Gemeinde bilden. Grundlagen einer raumorientierten Pastoral» ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/peter-scheuchenpflug-jeder-christ-traegt-zur-gestaltung-von-raeumen-christlicher-praxis-bei/