Am 20. Todestag von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung, erinnert eine Ausstellung an ihr Vermächtnis. Saunders reiht sich ein in die Reihe der grossen Pioniere wie Elisabeth Kübler-Ross und Viktor Frankl, die das Gespräch über Sterben, Tod und Lebenssinn neu eröffnet haben. Dabei wurde in der Begleitung von Schwerkranken die spirituelle Dimension gestärkt.
Sabine Zgraggen
Die grosse Tradition der Hospiz- und Palliativbewegung fand am Dienstagabend in der Zürcher Predigerkirche einen würdigen Rahmen, als eine Ausstellung das Vermächtnis von Cicely Saunders zur Darstellung brachte. Auf dem Altar brannten zwei schlichte Kerzen, und der Beamer projizierte das Ausstellungsmotto an die historische Kirchenwand: «Du zählst, weil du bist» – ein Satz von Saunders, der den Kern ihres Denkens fasst und zugleich als Titel der Ausstellung dient.
Die Atmosphäre im ehrwürdigen Kirchenraum war ruhig und entspannt, auch wenn sich kurz vor Beginn erst wenige Besuchende eingefunden hatten. Musikalisch hochkarätig umrahmt, begann kurz nach 18 Uhr die Begrüssung durch das eingespielte ambulante Palliative-Care Duo: Pfarrerin Carola Jost-Franz und den Theologen und Seelsorger Daniel Burger, die mit ihrem ökumenischen Seelsorgeteam im ganzen Kanton Sterbende daheim professionell begleiten. Nach Grussworten aus den Kirchenleitungen freuten sich die inzwischen vermehrt Eingetroffenen auf den Festvortrag.
Die Theologin Martina Holder-Franz sprach über Leben und Werk der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin. Sie rückte interessante biografische Details und auch wenig bekannte Zusammenhänge ins Licht. So erfuhren die Zuhörenden etwa, dass Saunders und die Schweizerin Elisabeth Kübler-Ross sich persönlich kannten und in Austausch standen.
Besonders eindrücklich aber war der Blick auf Saunders’ Lebensweg: Als ausgebildete Sozialarbeiterin und Krankenschwester und später auch als Ärztin – lebte sie in einer Person den interdisziplinären Ansatz vor. Erst nach und nach, geprägt von schicksalhaften Begegnungen, zeigte sich ihr Charisma für eine verbesserte Begleitung von Sterbenden.
Ihr besonderes Verdienst war es, dem spirituellen Schmerz als Teil des grossen Leidens eine Sprache zu geben und zugleich auf umfassende Schmerztherapie zu drängen, die damals vielerorts noch tabuisiert war. Ebenso sensibilisierte sie für die Armutsbetroffenen der damaligen Zeit in London, die sich keine gute medizinische Versorgung leisten konnten.
Es dauerte zwanzig Jahre, bis sie – getragen von Spenden – 1967 das berühmte St. Christophers Hospiz in London eröffnen konnte. Dort wurde erstmals interdisziplinär und auf höchstem Niveau zusammengearbeitet, um Sterbenden ihre Würde bis zuletzt zu ermöglichen. Von dort aus fungiert das Hospiz als Ausbildungsstätte und zieht Mediziner, Pflegeexperten und Seelsorgende bis heute an. Nicht vergessen werden darf dabei, dass Sterbende auch bei uns, bis vor wenigen Jahrzehnten, oftmals noch isoliert und allein in «Badezimmer» in Spitälern geschoben wurden. Es sollte möglichst niemand etwas mitbekommen.
Saunders Forschung, Hingabe und Vermittlung haben die heute viel beschworene ganzheitliche Sicht auf den Menschen – körperlich, seelisch, sozial und spirituell – entscheidend geprägt. Ohne diesen Zugang wäre moderne Palliative Care um vieles ärmer geblieben. Dass diese Perspektive zumindest im Rahmen von Palliative-Care heute auch in der Medizin selbstverständlich erscheint, ist Saunders und ihren Nachfolgerinnen zu verdanken.
Auch die Kirchen haben dieses Denken mitgetragen und durch ihre Seelsorgepraxis fruchtbar gemacht. Saunders selbst war eine gläubige Christin, überzeugte aber im medizinischen Kontext vor allem durch ihr Fachwissen. Gerade weil die genannten Pioniere in den 1960er Jahren anschlussfähig an die moderne Welt geblieben sind, konnte sich das Konzept des «Total Pain» mit all seinen Dimensionen breit durchsetzen. «Total Pain» beschreibt, dass Schmerz am Lebensende nicht nur körperlich ist, sondern auch seelische, soziale und spirituelle Dimensionen umfasst, die zusammen das gesamte Leiden prägen.
Der Themenparcours in der Predigerkirche wurde kreativ gestaltet. Im rechten Seitenschiff der Kirche können die Besucherinnen und Besucher bis zum 12. September anhand von anschaulichen Stationen nachvollziehen, was Palliative Care damals bis heute bedeutet.
Ein Pflegebett, Utensilien aus dem Spital, Fragekarten, ein Büchertisch und selbst ein Rollator machen sichtbar, wie nah diese Themen auch in unserem Leben sind. Fachpersonen aus Pflege und Seelsorge stehen zudem zu bestimmten Zeiten während der Ausstellung für Gespräche und Fragen zur Verfügung.
Nach Baden war Zürich die zweite Station der Wanderausstellung. Neun weitere Orte stehen an.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/das-vermaechtnis-von-cicely-saunders-du-zaehlst-weil-du-bist/